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Liu Xiaobos Biograph klagt Westen an "Große Schande für China"

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Anhänger der Demokratiebewegung demonstrieren in Hongkong mit Bildern des inhaftierten Liu Xiaobo.

(Foto: AP)

Der Biograph von Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo kritisiert den Westen mit scharfen Worten. Die USA und Europa legten "eine sehr schreckliche Politik" gegenüber China an den Tag, sagt Bei Ling im Interview mit n-tv.de. US-Präsident Obama sehe nicht genau hin, und auch Kanzlerin Merkel müsse mehr tun. Zugleich ist der Dissident davon überzeugt: "Der Nobelpreis wird einen äußerst großen Einfluss auf China ausüben." Schon jetzt würden immer mehr Chinesen ihre Furcht verlieren und die Oppositionsbewegung würde wachsen.

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Ein chinesischer Polizist filmt Journalisten vor dem Gebäude der unter Hausarrest stehenden Ehefrau Liu Ciaobos.

(Foto: AP)

n-tv.de: Sie kennen Liu Xiaobo seit vielen Jahren. Anfang 1989 teilten Sie sich sogar in New York ein Zimmer. Wie haben Sie ihn persönlich erlebt?

Bei Ling: Wir kennen uns seit 1986, und Liu Xiaobo hatte verschiedene Perioden im Leben. Als Literaturwissenschaftler ist er ein sehr scharfer und großer Denker. Zudem ist er ein äußerst ehrlicher, wahrhaftiger Mann. Liu Xiaobo wurde vor allem durch das Jahr 1989 geprägt. Als er damals das erste Mal ins Gefängnis kam, hatte er das Gefühl, dass er nicht sehr mutig war - obwohl es eine schwere Zeit war. Seitdem beteiligte er sich an den meisten politischen Aktivitäten in China und wurde immer mehr zu einem politischen Intellektuellen. Inzwischen ist er die politisch bedeutsamste Person im heutigen China. Ich habe jedoch das Gefühl, dass er auf seinem Weg von der Literatur zur Politik etwas verloren hat. Als eine literarische Person hatte er mehr Freiräume. Was sich in all den Jahren jedoch nicht verändert hat, ist, dass er sich immer wieder in Frage stellt.

Im April 1989 trennten sich Ihre Wege. Liu Xiaobo flog nach Peking zurück, um die Oppositionsbewegung zu unterstützen. Sie blieben in Amerika.

Das war eine sehr spezielle und emotionale Situation. Damals habe ich mich auf dem Flughafen von ihm verabschiedet und gesagt: "Du gehst zuerst und ich komme sehr bald nach." Später, als ich ein Flugticket für den 30. Mai hatte, sagte er: "Du musst sehr genau wissen: Jetzt ist es eine gefährlichere Situation. Wenn du zurück willst, musst du sehr mutig sein. Wenn du nicht genug Energie hast, solltest du alles canceln."  Er war in dem Moment sehr viel mutiger als ich. Ich hatte Angst, ich war geschockt und ich bin dann nicht nach China geflogen. Diese Scham verfolgte mich viele Jahre. Ende 1993 hatte ich die Chance, nach China zurückzukehren. Seitdem sind Liu Xiaobo und ich sehr eng verbunden. Wir trafen uns damals in Peking vor dem chinesischen Neujahrsfest und führten ein langes Gespräch. Er bat mich, Vaclav Havels Schriften nach China zu bringen und wollte von ihnen eine chinesische Ausgabe haben, woran ich dann lange arbeitete. Vaclav Havel, ...

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Die Biographie Lius Xiaobos erscheint pünktlich zur Verleihung des Friedensnobelpreises. Bei Ling schrieb sie in nur zwei Monaten.

(Foto: dpa)

... der frühere tschechoslowakische Dissident, der 1989 Präsident geworden war, ...

... wurde der Mentor von Liu Xiaobo. Havel hat ihn sehr unterstützt und auch sehr beeinflusst, als er später die Charta 2008 verfasste.

Die Charta rief zur Demokratisierung in China auf und brachte Liu Xiaobo schließlich ins Gefängnis. Warum fürchtet ihn das kommunistische Regime so und lässt jetzt noch nicht einmal seine Frau Liu Xia zur Nobelpreisverleihung nach Oslo reisen?

Die kommunistischen Machthaber fürchten ihn nicht nur, sie sind wütend auf ihn. Sie haben zwar eine starke Wirtschaft und sie sind eine Supermacht, aber sie müssen damit leben, dass der politische Intellektuelle Liu Xiaobo der berühmteste politische Gefangene und nun auch Nobelpreisträger ist. Dabei gehen sie so weit, dass sie jeden Chinesen, der von China nach Oslo fahren will, stoppen. Nur Exil-Chinesen können vermutlich die Zeremonie besuchen. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist es damit das erste Mal, dass bei einer Nobelpreisverleihung noch nicht einmal die Ehefrau oder der Bruder eines Preisträgers kommen kann. Dies ist eine sehr große Schande für China.

Wird der Nobelpreis für Liu Xiaobo die chinesische Oppositionsbewegung stärken?

Der Nobelpreis wird einen äußerst großen Einfluss auf China ausüben. Seine Wirkung wird sich noch in vielen Jahren zeigen - auch wenn er nicht sofort Liu Xiaobo die Freiheit bringen kann. Schon jetzt wächst die Oppositionsbewegung, immer mehr Chinesen stehen auf gegen die Regierung. Sie wissen, dass sich das Regime so schnell wie möglich wandeln muss. Wir können nicht einfach darauf warten, dass die Wirtschaft weiter wächst und eines Tages die Mittelklasse, die mittlerweile einen großen Teil der Chinesen ausmacht, einen Wandel will.

Derzeit erscheint ein Wandel des Regimes aber noch in weiter Ferne zu liegen.

Im Moment stoppt die chinesische Regierung zwar beispielsweise noch viele Intellektuelle, die auf Konferenzen fahren wollen. Doch immer mehr erheben ihre Stimme und sagen laut: "Dieses Regime macht China zu einem großen Gefängnis." Immer mehr verlieren ihre Furcht und kritisieren sehr direkt die Regierung. Natürlich kann man nie vorhersagen, was im nächsten Jahr passiert, aber ganz klar ist: Wir brauchen den Wandel jetzt, nicht erst in einigen Jahren. Er wird nicht über Nacht kommen und auch nicht nur von außen, sondern er muss vor allem von innen kommen.

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Der Schriftsteller Bei Ling ist ein alter Freund von Liu Xiaobo. Er wurde 2000 in China verhaftet, nach internationalen Protesten jedoch wieder freigelassen. Seither lebt er in den USA und Taiwan. Zusammen mit Liu Xiaobo begründete er 2001 den Pen-Club unabhängiger chinesischer Schriftsteller.

(Foto: dpa)

Der Westen schwankt in seiner Politik gegenüber China zwischen Bewunderung und Verachtung. Welche Haltung sollte er einnehmen?

Seit dem 11. September 2001, seit dem Kampf gegen den Terrorismus haben die westlichen Staaten von Amerika bis Europa eine sehr schreckliche Politik gegenüber China eingeschlagen. Die ökonomischen Interessen sind groß, und sie wollen die Unterstützung Chinas bei der Bekämpfung des Terrorismus. Sie sind nicht besonders interessiert an Liu Xiaobo, an der Situation der Menschenrechte, obwohl diese furchtbar ist. Besonders der französische Präsident Nicolas Sarkozy schert sich nicht um die Situation in unserem Land. Auch US-Präsident Barack Obama sieht nicht zu genau hin. Es ist sehr deprimierend. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel reagiert sicher besser als die meisten westlichen Staats- und Regierungschefs. Sie weiß, was in China passiert, weil sie eigene Erfahrungen mit einem autoritärem Regime hatte. Und doch muss sie mehr tun. Die Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo setzt hier eine klares Zeichen. Westliche Führer müssen Peking zu verstehen geben: Freiheit und Menschenrechte sind ein sehr wichtiges Gut, und China muss das verstehen.

Wenn Liu Xiaobo nach Oslo hätte reisen dürfen, was hätte er dort wohl gesagt?

Er hätte bestimmt eine sehr emotionale Rede gehalten. Doch jetzt darf noch nicht einmal seine Frau nach Oslo reisen. Zur Verleihung des Preises wird es daher wohl keine Rede des Preisträgers geben. Es wird sicher sehr bewegend und sehr traurig.

Mit Bei Ling sprach Gudula Hörr

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Quelle: n-tv.de

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