Dossier

Kein "Opa nach Europa" Junge Kandidaten gefragt

Jahrzehntelang mussten sich Parteifunktionäre und Kandidaten für das Europaparlament den Spruch anhören: "Hast du einen Opa, schick' ihn nach Europa". Die Parteien, so lautete die populäre und nicht immer ganz unberechtigte Kritik, versorgten abgehalfterte Politiker mit einem hoch dotierten Sitz in der EU-Volksvertretung. Dort, im toten Winkel der deutschen Öffentlichkeit, sollten sie für Verdienste um Land und Partei belohnt werden.

Doch der "Opa in Europa" ist selten geworden. "Das hat sich fundamental geändert", sagte EU-Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering (CDU) kürzlich der "Saarbrücker Zeitung". Heute gebe es eine "gute Mischung aus erfahrenen und jungen Kandidaten". In der Tat fällt auf, dass bei den Wahlen am 7. Juni viele junge Kandidaten auf den Listen der deutschen Parteien stehen.

Kandidaten mit Europa-Bezug

Viele von ihnen haben einen persönlichen Bezug zu Europa, haben im EU-Ausland gearbeitet oder studiert. Der Trierer Politikwissenschaftler Benjamin Höhne, der die Listenaufstellung der deutschen Parteien analysiert hat, stellt fest: "Es ist schwieriger geworden, Leute aufzustellen, die keinen Europa-Bezug mitbringen."

Die Bundestagsparteien haben auf den ersten 15 Plätzen ihrer Europalisten zusammen mehr als ein Dutzend Kandidaten unter 35 Jahren platziert. Bei der CSU beispielsweise geht die 29 Jahre alte Würzburgerin Carolin Opel von Platz 12 aus ins Rennen. Schüleraustausch in Tschechien, Studienfach Europarecht und Referendariat bei einem Europa-Abgeordneten - wohin ihr politischer Weg führen würde, stand früh fest. "Europa ist kein Ausland für mich, sondern Heimat", sagt sie. Auf europäischer Ebene könne man eben viel mehr bewegen als "als Hinterbänkler im Landtag".

Europa ist spannend

Politikwissenschaftler Höhne ist überzeugt, dass der enorme Bedeutungszuwachs des Parlaments in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einem Umdenken in den Parteien geführt hat: "Die Parteiführungen sind sich bewusst, dass ein Großteil der Gesetze auf europäischer Ebene entschieden wird. Insofern haben sie ein starkes Interesse, dass Leute ins Parlament kommen, die eher geeignet sind, diese Politik auch zu beeinflussen." Genau deshalb steht der 26-jährige Jan Philipp Albrecht aus Wolfenbüttel für die Grünen auf dem aussichtsreichen Listenplatz 12. "Wenn es um die interessanten Themen geht, kommt man um Europapolitik nicht herum", sagt er. Wem es wirklich um parlamentarische Arbeit gehe, ergänzt Opel, "für den gibt es keine Ebene, die so spannend ist wie Europa".

Schon bei der vergangenen Europa-Wahl 2004 waren die Kandidaten im Durchschnitt mit genau 44 Jahren nach Höhnes Berechnungen mehr als ein Jahr jünger als die Bundestagsbewerber im Folgejahr. Allerdings stehen einige der jungen Kandidaten diesmal noch auf wenig aussichtsreichen Listenplätzen. Damit könnten sie sich aber eine gute Ausgangsposition für die Wahl im Jahr 2014 verschaffen, sagt Höhne.

Es geht nicht ohne erfahrene Kräfte

Ganz ohne erfahrene Kräfte funktioniere eine Fraktion aber auch nicht. Die national bekannten Figuren auf den Europalisten sind nach Höhnes Überzeugung allerdings keine "Opas", die in Brüssel oder Straßburg "versorgt" werden sollen. Der frühere Grünen-Bundeschef Reinhard Bütikofer etwa, der an der Spitze der Liste seiner Partei kandidiert, habe den Anspruch, im EU-Parlament selbst zu gestalten.

Auch Linkspartei-Chef Lothar Bisky, schon jenseits der 65, tritt an. Sein Einzug ins Parlament könnte das Gewicht der deutschen Links- Abgeordneten in der aus allen EU-Mitgliedstaaten zusammengewürfelten Sozialisten-Fraktion erhöhen. "Kommen da jetzt nur neue Leute herein, lässt sich ihr Anspruch auf eine dominierende Funktion weniger leicht realisieren", sagt Höhne.

Quelle: n-tv.de, Daniel Kirch und Theresa Münch, dpa

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