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Was wird aus der Krim? Kampf um das "Rote Nizza"

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Abspaltung oder nicht: Vor dem Parlament gab es Proteste zwischen prorussischen und proukrainischen Demonstranten.

(Foto: REUTERS)

Auf der Halbinsel Krim leben überwiegend Russen, die mit der neuen Regierung in Kiew wenig anfangen können. Viele fordern sogar die Abspaltung von der Ukraine. Das größte Problem liegt jedoch viel tiefer.

Wem gehört die Krim eigentlich? Seit Jahren ist es üblich, dass auf dem Parlamentsgebäude in der Hauptstadt Simferopol zwei Fahnen wehen: die gelb-blaue der Ukraine und eine weiße mit jeweils einem blauen und einem roten Strich. Es ist die Flagge der autonomen Republik Krim. Die Halbinsel im Schwarzen Meer hat eine eigene Verfassung, ein eigenes Parlament und eine eigene Regierung, gehört aber formell zur Ukraine.

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Auf dem Dach des Parlamentsgebäudes in Simferopol weht jetzt die russische Fahne.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Im politischen Tagesgeschäft des Landes spielt die Krim in der Regel keine große Rolle. In diesen Tagen, da die Ukraine sich im Ausnahmezustand befindet, ist das jedoch anders. An diesem Donnerstag stürmten 30 bewaffnete Männer das Parlament. Wem sie angehören, schien zunächst unklar. Die Gruppe trug Uniformen ohne Kennung. Doch kaum hatten sich die Männer verbarrikadiert, entfernten sie die ukrainische Fahne auf dem Dach und hissten eine russische.

Spätestens seit der Flucht von Viktor Janukowitsch haben sich die Auseinandersetzungen in der Ukraine auf das gesamte Land ausgedehnt. Die selbstverwaltete Halbinsel wird dabei immer mehr zur Schlüsselregion des Widerstands gegen die prowestliche Reformbewegung.

Geschenk an die Ukraine

Die Sonderrolle der Krim ist historisch bedingt. Die 27.000 Quadratkilometer große Halbinsel hat eine wechselvolle Geschichte. In den Jahrhunderten vor Christus lebten hier Taurer und Skythen. Später bauten die Griechen ihre Kolonien, auch Goten, Hunnen und Tataren ließen sich zeitweilig nieder. 1783 annektierte Katharina die Große die Krim als russischen Besitz. Mit seinen riesigen Stränden und dem milden mediterranen Klima wurde das "Rote Nizza" zum Anziehungspunkt - für Urlauber und literarische Größen wie Maxim Gorki, Alexander Puschkin und Wladimir Majakowski.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Krim wieder zum Zankapfel. Die deutsche Wehrmacht eroberte die Hafenstadt Sewastopol, die in dieser Zeit als stärkste Festung der Welt galt. Gemeinsam mit dem italienischen Diktator Benito Mussolini wollte Adolf Hitler die Südtiroler hierher umsiedeln. Doch dazu kam es nicht. Die Deutschen verloren den Zweiten Weltkrieg. Wegen angeblicher Kollaboration mit der Wehrmacht ließ der sowjetische Regierungschef Josef Stalin 180.000 Tataren von der Krim nach Zentralasien deportieren. 1954 wurde die Halbinsel kurzerhand der Ukraine zugeschlagen.

Nach der Auflösung der Sowjetunion verhinderte Kiew nur mit Druck ein Referendum über die Unabhängigkeit. Als Zugeständnis wurde die Autonome Republik Krim eingerichtet. Die Strukturen sind bis heute kompliziert: So ist Sewastopol, die größte Stadt der Halbinsel, nicht Teil des Autonomiegebiets, sondern wird von Kiew aus verwaltet. Seit Ende des 18. Jahrhunderts hat die russische Schwarzmeerflotte dort ihren Heimathafen. 2010 verlängerte Janukowitsch den Pachtvertrag bis 2042.

80 Prozent für Janukowitsch

Viele Russen sehen die Krim ohnehin bis heute als ihr Hinterland. Von den zwei Millionen Bewohnern sind 60 Prozent Russen, die regelmäßig russisches Fernsehen schauen. Die Demonstrationen auf dem Maidan, die im November 2013 beginnen, betrachten sie skeptisch. In vielen Regionen auf der Krim erhielt Janukowitsch bei der vergangenen Wahl in der zweiten Runde mehr als 80 Prozent Zustimmung. Ende Januar haben die Proteste auf dem Maidan ihren Höhepunkt noch nicht erreicht, da mehren sich auf der Krim Forderungen nach einem Anschluss an Russland. Bei Protesten in Sewastopol beschimpfen Demonstrationen die Oppositionellen in Kiew als "Faschisten". Sie sind gegen eine Annäherung an Europa.

Nach einem Besuch in Moskau kokettiert Parlamentspräsident Wladimir Konstantinow in der vergangenen Woche öffentlich mit einer Abspaltung von der Ukraine, später rudert er zurück. "Sollten wir uns jetzt mit dem Austritt befassen, werden wir das Land zugrunde richten, denn heute wird der Kampf nicht um die Krim, sondern um die Stadt Kiew geführt", sagt er.

Doch tatsächlich geht es inzwischen längst nicht mehr nur um Kiew, sondern auch um die Krim. Als das Parlament in Simferopol in dieser Woche über den Verbleib der Krim in der Ukraine beraten will, kommt es vor dem Gebäude zu Ausschreitungen. Die eine Seite ruft "Wir sind die Ukraine", die andere "Die Krim ist Russland". Unter den proukrainischen Aktivisten befinden sich auch viele Tataren. Nach ihrer Deportation durften sie Ende der 80er auf die Halbinsel zurückkehren. Doch ihr Verhältnis zu Moskau ist bis heute angespannt, deshalb unterstützen sie die Opposition in Kiew.

"Ihr Nachbar ist ein Verräter der Krim"

Doch die prorussischen Demonstranten wollen die neue Übergangsregierung nicht anerkennen. Sie fühlen sich provoziert, da diese das Sprachengesetz abgeschafft hat, wonach Russisch in vielen ukrainischen Regionen zweite Amtssprache ist. In der Hafenstadt Sewastopol ließen sich am Wochenende bereits mehr als 5000 Männer für eine Bürgerwehr registrieren. Notfalls wollen sie sich selbst verteidigen gegen die neue Macht in Kiew. Der Umgang wird immer rauer. "Ihr Nachbar ist ein Verräter der Krim. Er hat das Leben von Menschen auf dem Gewissen", so warnen die Aktivisten auf Fotografien in manchen Wohnvierteln.

Auch zwischen der neuen ukrainischen Übergangsregierung und dem Kreml herrscht Eiszeit. Das Außenministerium in Moskau erklärte über Twitter, Russland werde die Rechte seiner Landsleute auf der Krim "stark und kompromisslos" verteidigen. Präsident Wladimir Putin ordnete eine Militärübung mit 150.000 Soldaten an der Westgrenze an. Überdies verstärkte er den Schutz für seine Schwarzmeerflotte auf der Krim. Angeblich gab es bereits das Angebot für russischstämmige Ukrainer, sich russische Pässe ausstellen zu lassen.

Die Ukraine warnt Russland derweil vor Truppenbewegungen. Sollten sich Angehörige der Schwarzmeerflotte "unangemeldet außerhalb der festgelegten Zonen" bewegen, werde dies als "militärische Aggression" gewertet, sagte der neue Interimspräsident Alexander Turtschinow. Die Ukraine lasse keine Verletzung ihrer Souveränität zu. Noch beschränken sich beide Seiten auf einfache Drohgebärden. Doch der Kampf um die Krim hat längst begonnen.

Ukraine im Überblick

Ukraine im Überblick

(Foto: stepmap.de)

Quelle: n-tv.de, mit dpa

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