Dossier

Wohin gehöre ich? Neun "Typen" in Deutschland

Neben dem "Abgehängten Prekariat", um das ein heftiger politischer Streit entbrannt ist, definiert die Studie "Gesellschaft im Reformprozess" der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung acht weitere "politische Typen" in der deutschen Gesellschaft. Ein genauer Blick darauf lohnt sich, denn Angst vor sozialem Abstieg und Armut spielt sich nicht nur in der "neuen Unterschicht" ab.

Von den 3.021 Befragten, die der Studie zugrunde liegen, geben immerhin 63 Prozent an, gesellschaftliche Veränderungen machten ihnen Angst. 46 Prozent empfinden ihr Leben als "ständigen Kampf". Und 44 Prozent fühlen sich "vom Staat alleine gelassen". Auffälliger noch: 61 Prozent der Befragten meinen, es gebe keine Mitte mehr, nur noch "Oben und Unten".

Doch wo kann sich der Einzelne wiederfinden? Hier die "politischen Typen" aus der Studie:

Die "Leistungsindividualisten" (11 Prozent):
Sie kommen "aus gutem Hause", den elterlichen Status jedoch haben sie noch nicht erreicht. Unter ihnen: ein hoher Anteil "besser gebildeter" Personen, viele Angestellte mit Führungsaufgabe, Beamte im gehobenen Dienst, Selbstständige. Sie haben kaum finanzielle Probleme, sorgen privat für das Alter vor, Materielles spielt eine wichtige Rolle. Das Leben erscheint angenehm, es herrschen ein großes Sicherheitsgefühl und Zuversicht. Sie möchten eine Gesellschaft, die sich an Leistung orientiert, und glauben an Aufstiegschancen.

Die "Etablierten Leistungsträger" (15 Prozent):
Sie haben einen ähnlichen Status wie die Eltern erreicht, viele Angestellte, darunter Facharbeiter, Vorarbeiter und Meister, aber auch viele Selbstständige finden sich in dieser Gruppe. Überwiegend wohnen sie im ländlich-kleinstädtischen Bereich. Sie sind mit der Sicherheit des Arbeitsplatzes, der Bezahlung und den Freiheiten bei der Arbeit sehr zufrieden. Das Haushaltseinkommen ist hoch, es gibt Vermögen und private Altersvorsorge. Das Materielle hat einen hohen Stellenwert, das Leben wird stark an Konventionen ausgerichtet. Religion gehört als Tradition zum Leben, der Glaube hat jedoch keine große Orientierungsfunktion. Das Interesse an Politik ist überdurchschnittlich, gleichzeitig gibt es eine Distanzierung von der Idee des Sozialismus.

Die "Kritische Bildungselite" (9 Prozent):
Der am besten gebildete "politische Typ", hoher Beamtenanteil, viele freie Akademiker, höchster Anteil an Schülern und Studenten. Mehrheitlich aus der Großstadt stammend, zeigt größte berufliche Mobilität. Distanziert sich von zu starker Orientierung an Einkommen und Aufstieg. Hat das höchste Haushaltsnettoeinkommen aller Gruppen, daher auch wenig finanzielle Sorgen. Allerdings: Vermögen wurde noch nicht aufgebaut, das Materielle ist weniger wichtig. Hauptinteresse gilt der persönlichen Weiterentwicklung, umfassende Bildung hat sehr hohen Stellenwert, ebenso wie gesellschaftliches Engagement. Neben einer persönlichen Zuversicht gibt es eine große Skepsis gegenüber der gesellschaftlichen Entwicklung. Dabei Negation von Konventionen und Bürgerlichkeit.

Das "Engagierte Bürgertum" (10 Prozent):
Hoher Anteil besser gebildeter Personen, höchster Anteil an Freiberuflern, sehr hoher Frauenanteil. Stark im öffentlichen Dienst; entsprechend groß ist die Arbeitsplatzsicherheit, allerdings auch das Gefühl, nicht leistungsgerecht bezahlt zu werden. Hat den Eindruck, den Lebensstandard auch in Zukunft halten zu können; generell jedoch hat Materielles einen weniger großen Stellenwert. Legt großen Wert auf gesellschaftliches Engagement und die Zukunft der Kinder, steht Veränderungen und Neuem aufgeschlossen gegenüber. Religion und Glaube haben Orientierungsfunktion, nur eine Minderheit hat keine Berührung mit Glaubensfragen. Sicherheitsaspekte und konkurrenzbetontes Verhalten sind eher unwichtig. Gewünscht wird eine liberale, tolerante Gesellschaft bei latenter Technik-Kritik und der Verurteilung von Sozialmissbrauch. Zeigt starkes Engagement in Ehrenämtern und NGOs, kann der Idee des Sozialismus jedoch wenig abgewinnen.

Die "Zufriedenen Aufsteiger" (13 Prozent):
Kommen aus einfachen Verhältnissen, haben gesellschaftlichen Aufstieg geschafft. Überwiegend einfache Schulbildung, aber überdurchschnittlich viele hochqualifizierte Angestellte und Personen mit Führungsaufgaben, viele Landwirte und kleine Selbstständige. Zeigen beruflich viel Eigeninitiative und sind bereit, "Bestleistungen" zu bringen. Von allen "politischen Typen" die höchste berufliche Zufriedenheit. Das monatliche Haushaltseinkommen liegt etwas über dem Durchschnitt, es gibt eine solide finanzielle Grundlage, es gibt wenige materielle Sorgen und kaum Einschränkungen. Sie sehen sich häufiger auf der Gewinner-Seite, und der persönlichen Weiterentwicklung kommt eine große Bedeutung zu. Der Glaube an Gott hat eine starke Orientierungsfunktion, die Bereitschaft zur Übernahme von sozialer Verantwortung ist groß.

Die "Bedrohte Arbeitnehmermitte" (16 Prozent):
Häufig einfache oder mittlere Schulbildung, viele Arbeiter; alle Altersgruppen sind vertreten, häufig im kleinstädtischen Milieu. Einfaches bis mittleres Tätigkeitsniveau, vor allem in Großbetrieben. Geringe Gestaltungsspielräume, dabei ein eher traditionelles Arbeitsverständnis. Orientierung stark an Lohnhöhe, sicherem Arbeitsplatz und geregelten Arbeitszeiten. Insgesamt mit der beruflichen Situation weniger zufrieden. Leicht unterdurchschnittliches Haushaltsnettoeinkommen, dennoch relativ zufrieden mit finanzieller Situation. Zugleich perspektivisch Angst, den Lebensstandard nicht halten zu können. Starke Verunsicherung im Hinblick auf das eigene Leben und die Zukunft der Kinder, weniger Rückhalt in sozialen Kontakten, fühlt sich vom Staat allein gelassen. Große Bedeutung hat, anderen zu zeigen, dass man sich viel leisten kann. Wunsch nach einem regulierenden Staat, der den Bürgern umfassende Absicherung garantiert; häufig wird akzeptiert, dass man so viel staatliche Leistung "mitnimmt" wie man kriegen kann.

Die "Selbstgenügsamen Traditionalisten" (11 Prozent):
Sehr einfache Tätigkeiten, traditionelle Arbeitsverhältnisse mit festen Arbeitszeiten und hoher Kontrolle, stellen geringe Ansprüche an Arbeit und zeigen geringe berufliche Orientierung. Unzufriedenheit mit der beruflichen Situation, Gefühl der starken Kontrolle und der nicht-leistungsgerechten Bezahlung mit unsicherer Perspektive. Weit unterdurchschnittliches Einkommen, müssen sich in Vielem einschränken, weil das Geld knapper wird. Lebensstandard eher bescheiden, Zufriedenheit gering. Wenig Selbstvertrauen, wenig soziale Sicherheit bei dem höchsten Anteil Alleinlebender. Glaube an Gott gibt ihnen mehr als den anderen "politischen Typen" Kraft und Orientierung. Verurteilen Sozialmissbrauch, wünschen sich einen regulierenden Staat, der dem Gemeinwohl verpflichtet ist. Ausgesprochen politikfern, wenig politisches Interesse, wenig Zutrauen in die Lösungskompetenz der Politik. Große Probleme, die Sprache der Politiker zu verstehen. Empfinden Nachteile durch Reformen, wollen eher deren Aussetzung.

Die "Autoritätsorientierten Geringqualifizierten" (7 Prozent):
Kommen aus sehr einfachen Verhältnissen, haben den "Aufstieg im Kleinen" aber geschafft. Einfache Schulbildung, sehr hoher Rentner-Anteil, häufig aus Berufs-Sparten, die keine Ausbildung fordern; folglich höchster Anteil ungelernter Arbeiter. Fühlen sich häufiger ständigem Druck der Arbeit ausgesetzt und sind der Meinung, ihr Leben werde zu sehr von der Arbeit bestimmt. Häufig selbst bzw. in der Familie mit Arbeitslosigkeit konfrontiert, insgesamt mit ihrer Arbeitssituation aber relativ zufrieden. Weit unterdurchschnittliches Einkommen, viele Empfänger staatlicher Transferleistungen. Häufig angespannte finanzielle Situation, oft Schulden. Große Angst, den erreichten bescheidenen Lebensstandard zu verlieren und auf Sozialhilfe angewiesen zu sein. Empfinden Leben häufig als Kampf, haben aber überdurchschnittlichen Glauben an sich selbst. Wollen regulierenden Staat, der Absicherung garantiert, sehen dabei die Schere zwischen Arm und Reich sich immer weiter vergrößern.

Das "Abgehängte Prekariat" (8 Prozent):
In der Vita gesellschaftlicher Abstieg, einfache bis mittlere Bildung. Höchster Arbeitslosenanteil, höchster Anteil an Arbeitern, viele einfache Angestellte, hoher Männeranteil, häufig im ländlichen Raum. Kann sich wenig mit der Arbeit identifizieren, fühlt sich stark unter Druck. Geringe berufliche Mobilität und Aufstiegsorientierung. Hat von allen Gruppen die geringste berufliche Sicherheit, der aktuelle Arbeitsplatz ist nicht sicher. Daher auch starke Unzufriedenheit. Sehr niedriges Monatseinkommen, kaum Wohneigentum oder finanzielle Rücklagen, oft Schulden, wenig familiärer Rückhalt. Empfindet gesamte Lebenssituation als ausgesprochen prekär, gepaart mit starken Zukunftssorgen. Große Befürchtung, selbst den niedrigen Lebensstandard in Zukunft nicht halten zu können. Fühlt sich gesellschaftlich im Abseits und auf der Verliererseite. Wenig Orientierung, fühlt sich vom Staat alleine gelassen. Sieht in Abschottung gegenüber Ausländern mögliche Lösung der Probleme.

(zusammengestellt von Jochen Müter)

Quelle: ntv.de

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