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2 Grad sind das Maximum "Noch gibt es Hoffnung"

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700 Gigatonnen CO2 dürfen wir noch ausstoßen. Wenn wir so weitermachen wie bisher, haben wir diese Menge schon in 20 Jahren erreicht.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die globale Temperatur darf nicht stärker als 2 Grad steigen, wenn die Folgen des Klimawandels beherrschbar bleiben sollen. Steigt die Temperatur höher, steigt auch das Risiko. Doch selbst wenn wir die Erwärmung bei 2 Grad stoppen, wird der Meeresspiegel noch über Jahrhunderte weiter ansteigen, sagt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Rahmstorf war einer der Leitautoren des 4. und jüngsten Berichts des UN-Klimarats IPCC. Seine Botschaft: Wir müssen die Trendumkehr von steigenden zu fallenden Emissionen jetzt schaffen. In 10 Jahren wird es zu spät sein.

n-tv.de: Herr Rahmstorf, in Ihrem Blog "Klimalounge" schreiben Sie immer wieder dagegen an, wenn in Medien die Position der so genannten Klimaskeptiker als gleichwertig mit den Aussagen von Klimatologen dargestellt wird. Gibt es eine Veröffentlichung, die Sie am meisten geärgert hat?

Stefan Rahmstorf: Es ist eher die Gesamtheit der Meldungen dieser Art, die mich ärgert. Wenn man bedenkt, dass es in der seriösen Klimaforschung einen praktisch kompletten Konsens gibt, dass der Mensch durch seinen Ausstoß von Treibhausgasen das Klima aufheizt, nehmen die so genannten Klimaskeptiker einen weit überproportionalen Raum in den Medien ein. Mich stört vor allem, wie unkritisch häufig die Behauptungen dieser "Skeptiker" präsentiert werden - bei ein wenig kritischem Nachfragen würde man schnell merken, dass da schon die elementaren Fakten nicht stimmen.

Können Sie einen Trend erkennen? Wird der Einfluss der Klimawandel-Leugner stärker oder schwächer?

Es gibt dazu Studien, allerdings vor allem über die Medien in den USA. Die zeigen den Trend, dass in den letzten 10 bis 15 Jahren die "Skeptiker"-Thesen immer häufiger zu Wort kommen. Ich glaube, das liegt einfach daran, dass es mit dem Klimaschutz nun ernst wird und dass deswegen die Gegner von Emissionsreduktionen verstärkt dagegen anschreiben.

Die Klimaforscher sind sich einig, dass der globale Temperaturmittelwert nicht um mehr als 2 Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit steigen darf. Was passiert, wenn es am Ende doch 2,5 oder 3 Grad werden?

Das 2-Grad-Ziel haben sich mehr als 100 Staaten weltweit auf die Fahnen geschrieben. Es gibt eine ganze Reihe von Risiken, die bei einer Erwärmung darüber hinaus deutlich zunehmen. Zum Beispiel die Gefahr von verheerenden Dürren. Wir beobachten das bereits jetzt: Laut IPCC-Bericht hat die von starker Trockenheit betroffene Landfläche sich seit den 1970er Jahren verdoppelt, obwohl wir seither nur eine globale Erwärmung von 0,6 Grad hatten. Der Mittelmeerraum und andere subtropische Regionen trocknen immer stärker aus. Das führt auch zu den extremen Waldbränden, die dort immer häufiger auftreten. Die verheerenden Brände in Australien im vergangenen Februar waren Folge einer lang anhaltenden Dürre und nie dagewesener Rekord-Temperaturen. Ähnlich sieht es in Kalifornien und im südlichen Afrika aus. Wenn man schon bei dieser geringen Erwärmung von 0,6 Grad diesen Effekt so deutlich sieht, kann man sich ausmalen, was eine Erwärmung um 2 Grad für Folgen haben wird.

Wie bedrohlich ist der Anstieg des Meeresspiegels?

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Ein überflutetes Dorf im September 2008 in Bangladesch.

(Foto: AP)

Da ist es nach neuesten Erkenntnissen wahrscheinlich sogar so, dass sich auch bei 2 Grad Erwärmung viele tiefliegende Inselstaaten und Küstenstädte nicht retten lassen werden: Der Meeresspiegel dürfte, auch wenn wir es schaffen, die Erwärmung bei 2 Grad zu begrenzen, in den nächsten Jahrhunderten um Größenordnungen von wahrscheinlich zwei, drei Metern ansteigen.

Was heißt "in den nächsten Jahrhunderten"?

Das ist bis zum Jahr 2400 gerechnet. Der Meeresspiegelanstieg ist ein träger Prozess, der langsam anfängt und noch lange weiterlaufen wird, nachdem die Erwärmung schon gestoppt ist.

Ihr Kollege Urs Neu sagt, mehr als zwei Meter bis Ende des Jahrhunderts seien unwahrscheinlich.

Dem stimme ich zu, ja.

Welcher Anstieg ist denn in diesem Jahrhundert wahrscheinlich?

Ich erwarte, dass wir in die Nähe von einem Meter kommen - bei ungebremstem Anstieg der Emissionen könnten wir sogar deutlich darüber hinausgehen.

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Die Ortschaft Shaktoolik in Alaska ist unmittelbar vom Auftauen des Permafrostbodens bedroht.

(Foto: AP)

Was würde ein Meeresspiegelanstieg um einen Meter bedeuten?

Ein Meter würde in vielen Küstengegenden eine verheerende Zunahme der Sturmflutgefahren mit sich bringen. Es gibt detaillierte Studien für die Folgen eines Anstiegs um einen Meter, zum Beispiel für New York. Da sieht man: Was heute eine Jahrhundertflut in New York ist, würde bei einem ein Meter höheren Meeresspiegel statistisch alle drei Jahre auftreten. Ein solches Überflutungsereignis würde viele Milliarden Dollar Schäden verursachen. Einmal im Jahrhundert kann man sich von einer solchen Katastrophe erholen - aber nicht, wenn so etwas alle drei Jahre passiert. Und es gibt viele Küstengebiete, die noch verletzbarer sind als die Küste von New York. Denken Sie etwa an Bangladesch, dessen Großteil aus einem tief liegenden Flussdelta besteht, in dem viele Millionen Menschen leben. Gerade in Entwicklungsländern gibt es viele sehr verwundbare Gebiete.

2 Grad gelten auch deshalb als problematische Schwelle, weil dann unter Umständen eine sich selbst beschleunigende Erwärmung droht, weil eine Kettenreaktion losgetreten wird, die nicht mehr gestoppt werden kann.

Möglicherweise, muss man sagen. Es gibt die Gefahr von Rückkopplungen im Klimasystem, wo Dinge angestoßen werden, die dann zum Selbstläufer werden. Das sind die so genannten "tipping points", also Kipp-Punkte im Klimasystem. Ein Beispiel wäre ein Umkippen von Meeresströmungen. Dieses Risiko kann man nach meiner Einschätzung, wenn man die Erwärmung auf 2 Grad begrenzt, sehr, sehr klein halten. Das wird bei größerer Erwärmung allerdings immer wahrscheinlicher. Ein anderer Selbstläufer im System ist der grönländische Eisschild. Wenn zuviel davon abschmilzt, dann kommt die Oberfläche automatisch in immer wärmere Luftschichten. Derzeit ist das Eis 3000 Meter dick, es ist also an der Oberfläche allein durch die Höhe der Eisschicht kalt wie im Hochgebirge. Man weiß, dass die Luft pro Kilometer weiter nach unten im Schnitt 6,5 Grad wärmer wird. Wenn diese Eismasse zu stark schrumpft, wird sie komplett abschmelzen. Das wäre ein Prozess, den wir in diesem Jahrhundert anstoßen und dann nicht mehr aufhalten könnten. Langfristig würde allein die Grönlandeismasse einen globalen Meeresspiegelanstieg von sieben Metern mit sich bringen.

Was ist mit dem Permafrost?

Prof. Dr. Stefan Rahmstorf ist einer der beiden Leiter des Forschungsbereichs Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und als Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen einer der Berater der Bundesregierung. (Foto: Karsten Schöne)

Wenn Permafrostböden auftauen, kann dabei Methan freigesetzt werden, was ein sehr potentes Treibhausgas ist. Diese Methanquelle können wir nicht kontrollieren. Wenn es zu warm wird, kann man nichts dagegen machen, dass zusätzliches Treibhausgas aus den Böden, später auch vom Meeresgrund entweicht. Damit würden wir praktisch die Kontrolle über das System verlieren.

Passiert das nicht längst?

Dass Permafrost auftaut, wird bereits großräumig beobachtet; dass dadurch zusätzlich Methan freigesetzt wird, wird bislang punktuell gemessen. Derzeit kann man dazu global aber keine zuverlässigen Mengenangaben machen. Es ist jedoch ein erhebliches Risiko, auf das wir als Klimaforscher hinweisen müssen - auch wenn wir das heute noch nicht gut quantifizieren können.

Als Richtwert gilt gemeinhin, dass der CO2-Ausstoß bis 2050 im Vergleich zu 1990 weltweit halbiert werden muss, wenn die 2-Grad-Marke gehalten werden soll. Für Deutschland bedeutet das eine Reduzierung um 80 bis 85 Prozent. Sehen Sie die Bereitschaft in Politik oder Öffentlichkeit, so ein Ziel anzustreben?

Diese Zahlen sind eigentlich noch zu optimistisch. Ende April sind in der Zeitschrift "Nature" zwei neue Studien erschienen, die sehr umfassend analysiert haben, wie viel an CO2-Emissionen wir uns noch leisten können, wenn wir unter den 2 Grad bleiben wollen. Das Ergebnis: Bis 2050 sind es noch etwa 700 Gigatonnen. Wenn die gegenwärtige Emissionsrate konstant bleibt, dann haben wir das schon in den nächsten 20 Jahren emittiert. Das zeigt, wie stark wir reduzieren müssen. 50 Prozent Reduktion weltweit bis 2050 sind das absolute Minimum. Besser wäre es, weltweit 80 Prozent zu reduzieren, um die Gefahr, über die 2 Grad hinauszuschießen, möglichst klein zu halten.

Ist das machbar?

Ich bin absolut überzeugt, dass es technologisch machbar ist. Die Technologien haben wir schon, um unser Energiesystem erst einmal wesentlich effizienter zu machen - also die Verschwendung abzustellen, die heute noch einen Großteil des Energieverbrauchs ausmacht -, und zweitens die Energieversorgung umzustellen auf die erneuerbaren Energien. Es ist möglich, dass wir unsere Stromversorgung zu 100 Prozent aus Erneuerbaren bestreiten. Aber natürlich gibt es gegen einen solchen Systemwechsel Widerstände von Interessengruppen.

2015 soll der CO2-Peak erreicht sein, ab dann müssen die globalen Kohlendioxid-Emissionen kontinuierlich sinken. Warum?

Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Die Kernaussage ist, dass wir nur noch sehr, sehr wenig Zeit haben, um die Wende hinzubekommen: die Trendumkehr von steigenden Emissionen zu fallenden Emissionen. Es ist ganz einfache Arithmetik: Wenn wir jetzt noch mal 10 Jahre warten, dann müssen wir viel steiler und viel weiter runter, um innerhalb des Kontingents von 700 Gigatonnen zu bleiben. Wenn wir jetzt anfangen würden zu reduzieren, müssten wir jährlich etwa 2 Prozent schaffen (bezogen auf die Emissionen von 1990). Das ist eine machbare Menge. Wenn wir erst in 10 Jahren anfangen, müssen wir jährlich 6 Prozent reduzieren. Das ist dann kaum noch zu schaffen. Wenn wir also nicht sehr schnell umschwenken, werden wir gegen die Wand laufen.

Sehen Sie einen Zeitpunkt kommen, an dem Klimaschützer möglicherweise sagen müssen: Das war's, wir haben verloren?

Ich kann nur hoffen, dass ich diesen Zeitpunkt nicht erleben muss. Aber wenn Sie mich in 10 Jahren fragen und die Emissionen dann immer noch nicht sinken, dann, fürchte ich, werden Sie mich ziemlich deprimiert erleben.

Im Moment noch nicht?

Im Moment habe ich noch Hoffnung. Es gibt ja auch positive Anzeichen, vor allem durch den Regierungswechsel in den Vereinigten Staaten. Wobei man auch sagen muss, dass es hierzulande eher gemischte Signale gibt. Bei den Konjunkturprogrammen beispielsweise wird viel Geld verpulvert für Dinge, die eher kontraproduktiv sind. Aber andererseits gibt es auch in Deutschland positive Signale. Erst kürzlich hat ja der Bundestag den Weg für neue Stromtrassen mit Erdkabeln geebnet. Das sind erste Schritte hin zu einem Netzausbau, der absolut notwendig ist für die Umstellung der Stromversorgung auf die erneuerbaren Energien.

Australien hat jetzt als erstes Industrieland Klimaschutzmaßnahmen wegen der Wirtschaftskrise zurückgestellt; Regierungschef Rudd hat den Handel mit Emissionszertifikaten um ein Jahr verschoben.

Das ist sehr frustrierend. Nach allem, was ich von australischen Kollegen höre, ist das dem noch sehr mächtigen Einfluss der Kohlelobby in Australien zuzuschreiben.

Im Dezember findet die UN-Klimakonferenz in Kopenhagen statt, auf der ein Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll beschlossen werden soll. Glauben Sie, dass es in Kopenhagen Beschlüsse geben wird, die auch nur in die Nähe des Notwendigen kommen?

Schwer zu sagen. Aber auch da habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Ich würde sagen, es steht bestenfalls fifty-fifty.

Mit Stefan Rahmstorf sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de