Dossier

Regime in Bedrängnis Nordkorea spielt mit dem Feuer

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Ökonomischer Zwerg mit riesiger Armee: Militärparade in Pjöngjang (Archivbild von 2007).

(Foto: dpa)

Lautes Säbelrasseln auf der koreanischen Halbinsel: Der Konflikt zwischen den feindlichen Brüdern erfährt eine Zuspitzung. Nordkorea hält die Welt wieder einmal in Atem.

Wenn man das Verhältnis zwischen Nord- und Südkorea mit dem der beiden deutschen Staaten zwischen 1949 und 1989 vergleicht, dann herrschte zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR ein herzliches Einvernehmen. Durch das Zündeln der stalinistischen Führung in Pjöngjang ist die Lage auf der koreanischen Halbinsel erneut in den Fokus der Weltöffentlichkeit geraten. Und die Töne, die nördlich und südlich des 38. Breitengrades zu vernehmen sind, werden immer schriller.

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Die Versenkung der "Cheonan" sorgt für die Zuspitzung des Konflikts.

(Foto: dpa)

In der Auseinandersetzung nach Versenkung des südkoreanischen Kriegsschiffs "Cheonan", für die von den USA und Südkorea Nordkorea verantwortlich gemacht wird, zieht das Regime von Kim Jong-il alle propagandistischen Register. Der militärische Sicherheitspakt mit Südkorea wird aufgekündigt; die ohnehin spärlichen Verbindungen zwischen den beiden Koreas werden nach und nach gekappt. Aber damit nicht genug: Im Falle der Verletzung der Seegrenze droht Pjöngjang unverhohlen mit einem Angriff auf den Süden. Was treibt Nordkorea zu dieser aggressiven Politik?

Politische Beobachter vermuten einen Machtkampf in Nordkorea - hervorgerufen auch durch Kims angeschlagene Gesundheit. Die vielen Stimmen, die in der aktuellen Auseinandersetzung vor allen Dingen aus dem Generalstab kommen, legen die Vermutung nahe, dass die Generäle ein etwaiges Machtvakuum für sich ausnutzen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Kim Jong-il seinen Sohn Kim Jong-un - er ist gerade einmal 27 oder 28 Jahre alt, so genau weiß man das nicht - als Nachfolger auserkoren haben soll.

Ökonomisch am Ende

Zudem plagen Nordkorea massive wirtschaftliche Probleme. Das bettelarme Land mit seiner völlig veralteten Industrie und seiner rückständigen Landwirtschaft kann seit Jahren seine Bevölkerung nicht ernähren. Mit den Propagandafeldzügen gegen den Süden versucht die Pjöngjanger Führung, von den inneren Problemen abzulenken. Instrument ist dabei eine Armee mit mehr als einer Million Mann unter Waffen (bei 24 Millionen Einwohnern) und mit - nach eigenen Angaben - einsatzbereiten Atomraketen.

Zudem hat in Südkorea seit Februar 2008 mit Lee Myung-bak einen Präsidenten, der einen härten Kurs gegenüber dem Norden fährt. Er reagiert auf die Bedrohung seines Landes durch das Atomprogramm Pjöngjangs. Vorbei sind die Zeiten des politischen Tauwetters, die in den Besuch des damaligen südkoreanischen Präsident Kim Dae-jung in Nordkorea im Jahr 2000 mündeten.

China sind die Hände gebunden

Die Zuspitzung des Konflikts wird in Washington, Peking, Moskau und Tokio mit großer Besorgnis verfolgt. Vor allem Chinesen und Amerikaner versuchen, den Konflikt zu entschärfen und das wild gewordene nordkoreanische Regime wieder einzufangen. Dabei kommt vor allem China eine wichtige Rolle zu. Allerdings wäre es falsch, Pekings Rolle zu überschätzen. Das Verhältnis mit dem nordkoreanischen "Bruder" ist so ungetrübt nicht. Peking ist Kims Atomwaffenprogramm ein Dorn im Auge und die chinesische Regierung hat ihr Unverständnis bereits deutlich artikuliert. Zudem ist seine kommunistische Führung an einer Intensivierung der Wirtschaftsbeziehungen zu Südkorea interessiert. Die Zuspitzung des Konflikts zwischen beiden Koreas kommt für Präsident Hu Jintao und seine Mitstreiter zur Unzeit.

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Chinas Staatschef Hu Jintao (rechts) mit seinem südkoreanischen Amtskollegen Lee Myung-bak. Peking will Ruhe vor seiner Haustür.

(Foto: REUTERS)

China fürchtet zudem nichts mehr als einen völligen wirtschaftlichen Zusammenbruch Nordkoreas. Binnen kurzer Zeit würde das Reich der Mitte mit nach eigener Einschätzung rund zwei Millionen nordkoreanischen Flüchtlingen konfrontiert - das wäre selbst für China nur schwer verkraftbar. Wie begrenzt Pekings Möglichkeiten sind, verdeutlicht auch die Tatsache, dass Nordkorea seinen Kurs kurz nach dem jüngsten Besuch von Kim Jong-il in China verschärft hat.

Die USA reagieren als engster Verbündeter Südkoreas besonnen. Washington will eine "feste, aber wohlüberlegte" Antwort auf das nordkoreanische Säbelrasseln - und das ist gut so. Zudem versucht das Weiße Haus den Eindruck zu vermeiden, den Korea-Konflikt im Alleingang lösen zu wollen. Wie China sind auch die Amerikaner aus strategischen Gründen nicht an einer Verschärfung des Konflikts interessiert.

Hoffen auf Friedensvertrag

Völlig zurückhaltend präsentiert sich in diesen Tagen Russland. Die Beziehungen zu Pjöngjang waren bereits zu Sowjetzeiten kompliziert. Die jetzige Moskauer Führung will den Erhalt des Status Quo auf der koreanischen Halbinsel. Sie zieht lieber die diplomatische Karte - anders sind die halbherzigen Appelle an Nordkorea hinsichtlich des Atomwaffenprogramms nicht zu verstehen.

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Der kranke Diktator Kim Jong-il. Wer kommt danach?

(Foto: REUTERS)

Japan kann aus historischen Gründen bei der Eindämmung der innerkoreanischen Auseinandersetzungen nicht an vorderster Front mitmischen. Unvergessen ist in beiden Teilen Koreas die japanische Besetzung von 1905 bis 1945. Die Regierung in Tokio könnte allerdings hinter den Kulissen eine wichtige Rolle spielen.

Es ist wohl nicht damit zu rechnen, dass Pjöngjang den Süden angreifen wird. Das Regime würde sich damit selbst den Todesstoß versetzen - so viel Realismus muss sogar Steinzeit-Kommunisten zugebilligt werden. Vielleicht zielen die nordkoreanischen Provokationen darauf ab, die Amerikaner zur Zustimmung für einen Friedensvertrag mit Südkorea zu bewegen; darauf wartet Pjöngjang seit 1953. Dann könnte sich der marode Staat nämlich Hoffnung auf internationale Finanzhilfen machen.

Eine Eindämmung des Konflikts ist nötig. Daran müssen Nord- und Südkorea interessiert sein. Seoul muss den komplizierten Weg nehmen und seinerseits die Politik der schrittweisen Annäherung und punktuellen wirtschaftlichen Zusammenarbeit wieder aufnehmen. Denn eine schnelle Vereinigung, die durch ein implodierendes Nordkorea hervorgerufen wird, kann selbst das ökonomisch starke Südkorea nicht stemmen. Geduld und Beharrlichkeit sind vonnöten, um den Kontakt mit dem Norden nicht abreißen zu lassen. Dies ist auch im Interesse aller Koreaner.

Quelle: n-tv.de

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