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Geste nach 20 Jahren Paris und London öffnen Archive

Frankreich und Großbritannien waren aus Angst vor einem zu mächtigen Deutschland gegen die Wiedervereinigung. Das verrät jetzt der Einblick in ihre diplomatischen Archive.

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Margaret Thatcher fürchtete sich in wirtschaftlicher Hinsicht vor einer deutschen Wiedervereinigung (Archivfoto von 21.02.1989).

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Helmut Kohl und François Mitterrand Hand in Hand in Verdun - das war erst fünf Jahre her, als 1989 die Berliner Mauer fiel. Eine ähnliche symbolträchtige Geste zur deutschen Wiedervereinigung gab es aber nicht, im Gegenteil, zu Deutschlands Enttäuschung hielt das Nachbarland sich zurück. Weitaus ablehnender reagierte bekanntermaßen die damalige britische Premierministerin, Margaret Thatcher, auf die Grenzöffnung. Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls gewähren Frankreich und Großbritannien jetzt Einblick in ihre diplomatischen Archive und lassen die Stimmung der damaligen Zeit aufscheinen.

Eine Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands sei "derzeit nicht wirklichkeitsnah", glaubten französische Diplomaten noch im Oktober 1989, wie in den jetzt veröffentlichten Dokumenten zu lesen ist. Der sozialistische französische Präsident reiste sogar noch Wochen nach der Grenzöffnung, im Dezember, zu einem Staatsbesuch in die DDR.

Deutschland größer "als unter Hitler"

Im Januar 1990 soll Mitterrand noch von der drohenden Wiederkehr der "schlechten Deutschen" gesprochen haben, die sich Gebiete zurückholen könnten, die sie nach dem Zweiten Weltkrieg verloren geben mussten. Deutschland könne dann sogar größer "als unter Hitler" werden, wird er in den britischen Archiven zitiert, die seit September einsehbar sind. Auf rund sechshundert Seiten ist dort zu lesen, was das britische Außenamt an seine Diplomaten schrieb und was die Auslandsdiplomaten nach London meldeten.

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Francois Mitterrand hielt eine Wiedervereinigung für "nicht wirklichkeitsnah" (Archivbild vom 01.01.1989).

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Aus den französischen Schriftstücken wird klar, dass es Großbritannien regelrecht grauste vor einem wiedervereinigten Deutschland. Schon jetzt sei die Bundesrepublik "in wirtschaftlicher Hinsicht zu fürchten", sagte Premierministerin Thatcher demnach im März 1990 bei einem Abendessen mit französischen Unternehmern in London. Wiedervereint würde es "die stärkste Kraft Europas" werden und die kleineren Länder im Osten in seinen Bannkreis ziehen. "Dieses Land wird versucht sein, die Rolle zu spielen, die es schon zu Beginn des Jahrhunderts hatte", prophezeite Thatcher.

D-Mark für Wiedervereinigung geopfert

"Frankreich und Großbritannien sollten sich in Anbetracht der deutschen Gefahr zusammentun", forderte die Premierministerin. "Sie sind die beiden einzigen Atommächte, die beiden einzigen europäischen Mächte, die Truppen in Deutschland stationiert haben." Thatcher habe an jenem Abend "auffallend ängstlich und leidenschaftlich" über Deutschland gesprochen, ist in dem französischen Dokument notiert.

Große "Enthüllungen" seien in den Archiven jedoch nicht zu erwarten, schränkt der französische Europastaatssekretär Pierre Lellouche ein. "Aber man sieht, wie die Diplomaten die Ereignisse von Tag zu Tag verfolgten und einschätzten." Mitterrands Haltung etwa sei anlässlich des Besuches des DDR-Botschafters in Paris am 14. November 1989 dokumentiert: "Der Präsident hat erklärt, dass er keine Angst vor der Wiedervereinigung habe", zitiert Lellouche aus dem Archiv. Vermutlich wird Mitterrand auch recht bald erkannt haben, dass sich Frankreichs Zustimmung zur Wiedervereinigung in deutsche Zugeständnisse für Europa umwidmen lassen könnte - so war Bundeskanzler Kohl später bereit, die starke D-Mark dem Euro zu opfern.

Heute feiert Frankreich mit

Seinerzeit seien die beiden Nachbarländer nicht zusammengekommen, stellte Lellouche unlängst fest. Jetzt, 20 Jahre später, müsse es klappen. Schon dass dieser Teil der Archive geöffnet wurde, fünf Jahre früher als gesetzlich vorgesehen, ist etwas Besonderes. Darüberhinaus reist Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy am Montag zu den Feierlichkeiten nach Berlin.

Und die französische Hauptstadt feiert den Jahrestag des Mauerfalls mit einer großen Schau auf der Place de la Concorde (Platz der Eintracht) am Beginn der Champs-Elysées. Das abendliche Bild- und Musikspektakel solle zeigen, dass die damaligen Ereignisse "fortan vollkommen Teil unserer gemeinsamen europäischen Geschichte" seien, sagt der Staatssekretär. Es sei als Geste Frankreichs an Deutschland gedacht.

Quelle: n-tv.de, Kerstin Löffler, AFP