Dossier

Wahlen 1989 Polen stürzt die Diktatur

Mit dem haushohen Sieg der demokratischen Opposition rechnet 1989 in Polen niemand. Aber anders als in China hat die Regierung keine Kraft, das Rad der Geschichte gewaltsam zurückzudrehen.

polen.jpgMit Streiks und Protesten, die nicht selten blutig endeten, haben die Polen mehrfach versucht, die kommunistische Diktatur zu stürzen. Doch das auf Moskaus Druck nach dem Zweiten Weltkrieg errichtete System erwies sich jedes Mal als stärker. Vor zwanzig Jahren geschah dann aber doch ein Wunder: An dem Tag, als chinesische Panzer auf den Platz des Himmlischen Friedens in Peking rollten, schickten Polens Bürger ihr ungeliebtes Regime in die Wüste: ohne einen einzigen Schuss, per Wahlzettel.

Die Parlamentswahl vom 4. Juni 1989, an der die demokratische Opposition erstmals seit 1947 teilnehmen konnte, endete mit einem "Knock-out" für die fast seit einem halben Jahrhundert regierende Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PZPR). Ihr Wahldesaster machte den Weg frei für den ersten nichtkommunistischen Regierungschef der Nachkriegszeit in Polen, Tadeusz Mazowiecki.

Polen machte den Anfang

Mit dem Machtwechsel an der Weichsel fiel der erste Dominostein im Ostblock, danach gerieten auch andere Länder der Region in Aufruhr. Fünf Monate später stürzte die Berliner Mauer - Mitteleuropa war wieder frei.

Am Anfang der Transformation stand der Kompromiss am Runden Tisch, den der mächtigste Mann in Polen, General Wojciech Jaruzelski, und andere Reformkommunisten mit Lech Walesa und seiner Gewerkschaft Solidarnosc im Frühjahr 1989 geschlossen hatten. Der Parteichef und seine engsten Mitarbeiter, Innenminister Czeslaw Kiszczak und Ministerpräsident Mieczyslaw Rakowski, handelten dabei aus rein pragmatischen Gründen. Weil sie Solidarnosc nicht zerstören konnten, wollten die Machthaber sie ins System einbinden. Die Regimekritiker sollten die Mitverantwortung für die längst fälligen schmerzlichen Reformen übernehmen, ohne die dem Land der wirtschaftliche Kollaps und soziale Unruhen drohten.

Die NATODer Deal am Runden Tisch sah nur eine beschränkte Teilnahme der Regimekritiker am Parlament vor. Sie konnte sich nur um 35 Prozent der 460 Mandate im Abgeordnetenhaus, dem Sejm, und um alle hundert Plätze in der Zweiten Kammer, dem Senat, bewerben. "Wir dachten, vielleicht in vier Jahren, vielleicht noch später, werde sich eine Möglichkeit zum Mitregieren ergeben", erinnerte sich später Walesas Berater, der künftige Außenminister Bronislaw Geremek.

Überraschender Sieg der Opposition

rundertischheute.jpgDer Erdrutschsieg der demokratischen Opposition, der einem Misstrauensvotum gegen die Machthaber gleichkam, überraschte beide Seiten. Solidarnosc-Kandidaten gewannen mit einer Ausnahme alle möglichen Plätze in den beiden Parlamentskammern. Dagegen fiel die kommunistische Liste mit 35 der wichtigsten Partei-Kandidaten fast vollständig durch.

"Genossen, das Wahlergebnis ist sehr schlecht", gab Jaruzelski am Tag nach der Wahl zu und sprach von einem "Plebiszit" gegen seine Partei. Selbst eine Kuh hätte ein Parlamentsmandat gewonnen, wenn sie sich mit Walesa hätte ablichten lassen, stellte resigniert Aleksander Kwasniewski fest, der in den Jahren 1996-2005 Polens Präsident war.

Auch die Regimekritiker wollten zunächst an ihren Sieg nicht glauben. Nachdem am frühen Morgen des 5. Juni die ersten Teilergebnisse aus geschlossenen Wahlbezirken wie Armeestandorten oder Botschaften durchsickerten, bekamen Solidarnosc-Mitglieder kalte Füße. "Packe einen Pullover und die Zahnbürste für alle Fälle ein", riet der junge Aktivist Jan Maria Rokita einem Kampfgefährten. Auch Bronislaw Geremek wurde unruhig. "Statt uns zu freuen machten wir uns Sorgen", schrieb er in seinen Memoiren. Die Massaker am Tiananmen- Platz überschatteten die Siegesstimmung in Warschau.

Kommunistische Parteiführung ohne Kraft

Doch anders als die chinesische KP hatte die Parteiführung in Warschau keine Kraft mehr, das Rad der Geschichte mit Gewalt zurückzudrehen. "Wir können das Wahlergebnis nicht für null und nichtig erklären", sagte ZK-Sekretär Andrzej Gdula auf der geschlossenen Politbüro-Sitzung. Auch die Solidarnosc stand zu den vorher getroffenen Vereinbarungen. Mit ihren Stimmen wurde General Jaruzelski zum Staatsoberhaupt gewählt, eine Geste, die die verunsicherten KP-Führungen in Ostberlin und Prag beruhigen sollte.

Danach war aber Schluss mit der Bescheidenheit. "Euer Präsident, unser Premier", forderte in einem Leitartikel der Historiker Adam Michnik. Nach wochenlangen Verhandlungen wählte am 24. August der Sejm den katholischen Publizisten Mazowiecki zum Regierungschef. Die PVAP konnte zunächst zwei Schlüsselressorts, das Innen- und das Verteidigungsministerium, behalten, doch schon bald darauf, im Januar 1990, löste sich die Partei selbst auf. "Innerhalb von einigen Monaten hat Polen seine Freiheit und Unabhängigkeit wiedererlangt", schrieb später der Historiker Jan Skorzynski.

Quelle: n-tv.de, Jacek Lepiarz, dpa

Mehr zum Thema