Dossier

20 Jahre "Waterkantgate" Polit-Affäre mit Folgen

Heute bilden sie eine Koalition, damals waren sie spinnefeind - für Christ- und Sozialdemokraten in Schleswig-Holstein hat vor genau 20 Jahren das bitterste politische Kapitel in der Landesgeschichte begonnen. Am 7. September 1987, sechs Tage vor einer brisanten Landtagswahl, löste der "Spiegel"-Beitrag "Waterkantgate: Spitzel gegen den Spitzenmann" eine Affären-Lawine um den damaligen Ministerpräsidenten Uwe Barschel (CDU) aus, die sich zum großen Skandal ausweitete. Es ging um schmutzige Wahlkampftricks, Politiker-Lügen, Selbstüberhöhung wider besseren Wissens, gescheiterte Karrieren und zerbrochene Freundschaften - wie ein dunkler Schatten legten sich die unerhörten Vorgänge für viele Jahre über das Land.

Aus der Staatskanzlei hatte der Referent Reiner Pfeiffer 1987 den von Barschel gefürchteten SPD-Rivalen Björn Engholm bespitzeln lassen, eine anonyme Steueranzeige gegen ihn lanciert und ihn per Telefon mit fingiertem Aids-Verdacht traktiert. Pfeiffer stellt Barschel als Mitwisser und gar Urheber der Aktionen dar, der Regierungschef bestreitet alles in einer berühmt gewordenen "Ehrenwort"-Pressekonferenz, muss unter dem enormen Druck aber doch zurücktreten. Mit Barschels mysteriösem Tod - die Leiche wird am 11. Oktober 1987 in der Badewanne des Genfer Hotels "Beau Rivage" gefunden - erfährt sein Fall eine tragische Zuspitzung.

Mord oder Freitod

Bis heute ist ungewiss, ob der 43-Jährige ermordet wurde oder sich selbst tötete. Die Ermittler in der Schweiz bestätigten einen Selbstmord - schlüssig für jene, die ein "Schuldeingeständnis" sahen oder die verzweifelte Reaktion auf eine hoffnungslose Lage. Ex-Chefermittler Heinrich Wille, leitender Oberstaatsanwalt in Lübeck, geht fest von Mord aus. Mehrjährige Ermittlungen musste er 1998 einstellen, weil Täter- und Motivsuche aussichtslos erschienen. Ein aktuelles Buchprojekt Willes hat Generalstaatsanwalt Erhard Rex gestoppt.

Unter dem frischen Eindruck des Skandals wies ein Landtags-Untersuchungsausschuss Barschel 1988 ein hohes Schuldmaß zu. Ende 1995 gewichtete ein neuer Ausschuss die Dinge anders und sah für eine Mittäterschaft Barschels keine Beweise. Dafür seien führende Sozialdemokraten früher als lange behauptet über Pfeiffer als Affären-Mann im Bilde gewesen. Barschel wurde dennoch nicht "freigesprochen": Er habe auf seiner "Ehrenwort"-Pressekonferenz gelogen und Mitarbeiter zu Falschaussagen gedrängt; die politische Verantwortung für Pfeiffers Treiben falle ihm ohnehin zu.

Ahnungslose Opfer wussten mehr

Engholm-Sprecher Klaus Nilius war nach Geheimtreffs mit Pfeiffer spätestens Mitte Juli 1987 im Bild und informierte nach Überzeugung des Ausschusses auch Engholm. Dieser wurde nach einer Neuwahl im Mai 1988 - die Wahl am 13. September 1987 mündete im Patt - mit absoluter Mehrheit Regierungschef. Als völlig ahnungslose Opfer hatten sich die SPD-Spitzen zur Wahl 1987 und noch danach dargestellt.

Späte Bekenntnisse zu frühem Wissen stürzten die SPD Jahre später in eine tiefe Glaubwürdigkeitskrise. Engholm gestand 1993, dass er 1987 einige Tage früher Bescheid gewusst hatte, als er angegeben hatte. Er nannte das eine "Petitesse", musste aber als Ministerpräsident, SPD-Chef und Kanzlerkandidat aufgeben, Heide Simonis beerbte ihn.

Zuvor war der 87er Skandal mit der "Schubladen"-Affäre wieder hochgekocht: Unter dem Druck von "Stern"-Recherchen räumte der später zurückgetretene SPD-Sozialminister Günther Jansen ein, er habe Pfeiffer 40.000 Mark geschenkt - aus Mitleid, weil jener nach der 87er Affäre keine neue Chance bekommen habe.

Von Wolfgang Schmidt, dpa

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema