Dossier

Deutsche helfen in Algerien "Revolutionärer" Kampf gegen Müll

Brennende Müllkippen, massive Belastung durch Industrie und Kunstdüngerproduktion sowie eine nach blutigen Jahren des Bürgerkriegs ums tägliche Überleben besorgte Bevölkerung - hier, im ostalgerischen Annaba fand Hans-Jürgen Karpe den geeigneten Punkt, den Hebel modernen Umwelt-Managements anzusetzen. Der Professor half der 450.000-Einwohner-Stadt am Mittelmeer mit einem "revolutionären" Konzept, sich Straßenreinigung, Mülltrennung und Umweltschutz auf die Fahnen zu schreiben. So tragen Straßenkehrer, auf die man sonst eher herabsieht, jetzt stolz Uniformen, es wird ein "Müllmann des Monats" gewählt. Die Stadt am Meer - immerhin auch ein Seebad - ist sauber geworden. Entscheidend war: Algerien beginnt, "ökologisch" zu denken.

Notwendig waren moderne Abfallbehälter und Straßenkehrmaschinen, eine ausgetüftelte Routenplanung für die organisierte Müllabfuhr durch 750 Straßenkehrer und Müllmänner -und motivierte Mitarbeiter. Unterstützt von einem aufgeschlossenen Bürgermeister und einer breit angelegten Aufklärungskampagne krempelten Umweltmanager wie Karpe die Ärmel auf. Wo der Verbrennungsofen für Krankenhausabfälle gebaut werden sollte, das war anfangs noch eine Detailfrage. Zunächst einmal galt es, Duschen für Straßenkehrer zu installieren, sie einzukleiden, ihnen die Routen vorzugeben und sie stolz auf ihre Arbeit zu machen. "Wir gehen ganz weit runter, wir gehen an die Front", erklärt Karpe.

Die Medien müssen mitspielen

Er traf in Algerien mit Chrif Rahmani auf einen engagierten neuen Umweltminister, der dieses deutsch-algerische Entwicklungsprojekt entschlossen förderte. "Das Problem ist dabei nicht das Geld, vielmehr müssen die Medien mitspielen und die Bürger." Also durchforstete der Umweltfachmann von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) im hessischen Eschborn auch den Koran auf das Thema "Sauberkeit" hin und arbeitete an einem Handbuch für Imame mit, "um die Rolle der Moscheen im Umweltschutz" zu zeigen. Die Stadtverordneten werden eingespannt, auch die Pfadfinder Annabas, die Imame auf Tagungen informiert, die von der Regierung unabhängigen Organisationen sowie auch die algerischen Ordnungskräfte einbezogen.

Am Anfang stand die Gazelle "Dounya", ein für Umweltschutz werbendes Maskottchen. Um Öko-Bewusstsein am nordafrikanischen Südrand des Mittelmeeres zu fördern, schickten die vereinten Umweltschützer einen Informationszug mit fünf Waggons auf der Küstenstrecke in 23 Städte -eine Million Interessierte kamen und ließen sich für ihre Umwelt "sensibilisieren". Und dann wurde Annaba auserkoren, Schauplatz für das angewandte integrierte Umweltkonzept zu werden. Und das war so erfolgreich, dass dem GTZ-Professor jetzt vorschwebt, "das Modell" auf alle anderen Großstädte zu übertragen: "Eine Demokratie kann sich nicht in verschmutzter Umwelt entwickeln."

Modernste Umwelttechnologie Afrikas

"Solche Dinge dürfen nicht von oben angeordnet sein, sie müssen von allen getragen werden, wenn sie erfolgreich sein sollen", sagt Karpe. "Wir haben da aber wirklich etwas losgetreten." Nicht zuletzt kann dies auch dazu dienen, Algerien nach den Jahren des Terrors mit 150.000 Toten in ein anderes Licht zu rücken. Das Land habe heute die modernste Umwelttechnologie Afrikas, lobte der ehemalige Direktor des UN-Umweltprogramms (UNEP), Klaus Töpfer. Diese ist auch bitter nötig, kämpft Algerien doch mit allen denkbaren Umweltproblemen. Mit Chrif Rahmani und seinem 2001 gegründeten Umweltministerium ist das von der Geschichte gebeutelte Land jedoch ein Stück weit aus dem Schatten der Vergangenheit getreten. Es hat sich, so Karpes Bilanz, fast unbemerkt "zu dem Modellland für nachhaltige Entwicklung in Afrika gemausert."

Hanns-Jochen Kaffsack, dpa

Quelle: ntv.de

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