Politik
Samstag, 05. Januar 2008

Intifada-Opfer: Statistiken im Vergleich

Die angesehene palästinensische Menschenrechtsorganisation Miftah hat zum Jahresbeginn eine Statistik der Opfer der Intifada seit ihrem Ausbruch am 28. September 2000 veröffentlicht. Die Zahlen unterscheiden sich teilweise von den Zahlen, die zum Jahresende von der israelischen Menschenrechtsorganisation Betzelem für den gleichen Zeitraum veröffentlicht worden sind.

Während Miftah seit Beginn der Intifada 4999 tote Palästinenser zählt, ergibt eine ähnliche Zählung von Betzelem, dass 568 Palästinenser von ihren eigenen Leuten getötet wurden, darunter 120 Hingerichtete, die der Kollaboration mit Israel verdächtigt wurden. Selbstmordattentäter und andere Fälle wurden hingegen nicht mitgezählt. Bei Miftah fehlt völlig die Angabe über Palästinenser, die von Palästinensern umgebracht worden sind. Da aber laut Miftah insgesamt 1985 Palästinenser durch Siedler, Soldaten, Liquidierung oder mangels Versorgung an Checkpoints gestorben sind, bleibt offen, wie die übrigen 3014 der insgesamt 4999 getöteten Palästinenser zu Tode gekommen sind.

Während Miftah 117 Palästinenser erwähnt, die wegen mangelnder medizinischer Versorgung gestorben seien, weil sie nicht rechtzeitig die israelischen Checkpoints passieren konnten und noch dazu 31 Totgeburten, werden die von Betzelem registrierten 51 palästinensischen Toten "wegen beschränkter Bewegungsfreiheit" nicht in der Gesamtstatistik aufgeführt. Es lasse sich nicht nachweisen, dass tatsächlich die Intifada-bedingten Straßensperren Schuld an deren Tod seien. Gleichwohl hat Betzelem separat alle bekannten Fälle mit Namen und Ort des Geschehens aufgelistet.

Miftah vermeldet insgesamt 1113 tote Israelis, während Betzelem 1028 zählt. Separat führt Betzelem jedoch noch 53 Ausländer auf, die von Palästinensern, etwa bei Selbstmordanschlägen, getötet wurden und die in der palästinensischen Statistik offenbar als "Israelis" mitgezählt werden

Während Miftah unter den 1113 getöteten Israelis 213 "Siedler" und 322 Soldaten aufzählt, unterscheidet Betzelem, ob die Israelis in den besetzten Gebieten oder aber in Israel getötet wurden. Auch hier sind die Kriterien wieder unklar, da bei Anschlägen in Israel auch Bewohner der Siedlungen in den besetzten Gebieten umgekommen sind. Und umgekehrt sind in den besetzten Gebieten auch Ausländer und Israelis getötet wurden, die gar nicht in den Siedlungen wohnten.

Miftah unterscheidet zwischen Männern, Frauen und Kindern. Identisch ist mit jeweils 305 auf beiden Seiten die absolute Zahl der getöteten Frauen. Auf die Gesamtzahl der Toten bezogen, sind 27,4 Prozent der israelischen Opfer Frauen, während auf der palästinensischen Seite die Frauen lediglich 6,1 Prozent der Opfer ausmachen.

Beide Organisationen zählen "Kinder" oder "Minderjährige" separat. Auf palästinensischer Seite starben laut Betzelem 866 Opfer "durch israelische Sicherheitskräfte", laut Miftah sind es 969. Betzelem zählt 119 getötete israelische Kinder, während Miftah 113 erwähnt. Besonders auf der palästinensischen Seite ist unklar, wie viele der 1450 "bei Feindseligkeiten getöteten Palästinenser" gleichzeitig Minderjährige waren. Hinzu kommen laut Betzelem noch 607 getötete Palästinenser, bei denen "unklar" sei, ob sie sich an den Kämpfen beteiligten. Miftah behauptet, dass 72 Palästinenser "von jüdischen Siedlern" getötet worden seien, während Betzelem in einer ähnlichen Rubrik behauptet, dass 42 Palästinenser durch "israelische Zivilisten" getötet worden seien.

Eine große Divergenz gibt es bei beiden Organisationen in der Rubrik der "außergerichtlich hingerichteten" Palästinenser. Gemeint sind die "gezielten Tötungen" durch die israelische Armee. Miftah zählt 656 "außergerichtlich getötete oder ermordete" Palästinenser und weitere 263 dabei umgekommene Unbeteiligte. Betzelem hingegen erwähnt nur halb so viele Opfer von "gezielten Tötungen", 368, wobei 219 das ausdrückliche Ziel dieser Tötungen waren.

Beide Organisationen verschweigen, wie viele Palästinenser bei sogenannten "Arbeitsunfällen" umgekommen sind, also durch Bomben, die vorzeitig explodierten und wie viele Selbstmordattentäter es gab. Betzelem unterschlägt ausdrücklich mehrere umstrittene Fälle, wie die sechs Angehörigen der Ghalia Familie, die am Strand von Gaza umgekommen sind. Bis heute sei unklar, was die tödliche Explosion ausgelöst habe, eine israelische Granate oder eine palästinensische Mine.

Quelle: n-tv.de