Dossier

Die britische Bahn Stehplatz auf dem Klo

Auf der 30-minütigen Bahnfahrt von Sutton nach London gibt es in den überfüllten Zügen morgens nur noch Stehplatz in der Toilette. "Hier stehen wir oft zu dritt", erzählt ein Bankangestellter im feinen Anzug. "Drängeln Sie ruhig", ermuntert er eine verlegene junge Frau, "so schließt man neue Bekanntschaften". Zwischen den Städten Bristol und Bath im Süden Englands sind die Züge während der Rushhour so voll, dass an jeder Station immer mehr Pendler stehen bleiben. Wer es ins Zuginnere geschafft hat, steht dort eingepfercht "wie in einem Viehwagen", beschwert sich Neal Gibbs, der die Strecke jeden Tag fährt.

Überfüllte Züge stehen bei britischen Bahnkunden an erster Stelle einer langen Beschwerdeliste, heißt es in dem neuesten Bericht von "Passenger Focus". Die Organisation schätzt, dass jeden Morgen rund 70.000 Passagiere auf ihrem Weg nach London nur einen Stehplatz bekommen. Eine Besserung in nicht in Sicht, so Verkehrsexperten, ganz im Gegenteil. Die Regierung will ein umstrittenes Maut-System durchsetzen, wonach Autofahrer in bestimmten Zonen bis zu umgerechnet zwei Euro pro Meile (1,6 Kilometer) bezahlen müssen. Dann werden noch mehr Pendler auf die Bahn umsteigen, so die Experten.

Schon jetzt kann die britische Bahn im Großraum London und im dicht besiedelten Süden Englands ihre Kunden kaum bedienen. Sollte das Maut-System tatsächlich umgesetzt werden, wäre das eine große Herausforderung für die Bahn, sagt Bill Emery, Chef der Aufsichtsbehörde für die britische Bahn, in der vergangenen Woche. Passagiere sollten unnötige Reisen vermeiden, fügt Emery hinzu und sorgte damit für Schlagzeilen. Diese Lösung erinnere an die Situation während des Zweiten Weltkrieges, höhnt die Boulevardzeitung "Daily Mail". Damals seien Bahnkunden tagtäglich zu Einschränkungen ermahnt worden. "Ist diese Reise wirklich notwendig?", wurde mit Postern an das Gewissen der Bahnkunden appelliert, berichtet die Zeitung.

Bei manchen ist die Schmerzgrenze längst erreicht. Vor wenigen Wochen gingen Pendler entlang der Bahnstrecke von Bath nach Bristol auf die Barrikaden. Sie weigerten sich, Fahrkarten zu kaufen und stürmten mit selbst gemachten Tickets an mehreren Stationen die Absperrung zum Bahnsteig. "Fahrziel: Zur Hölle und zurück", war darauf zu lesen. "Alle hielten ihre Tickets hoch, es war wie im Film", schwärmt ihr Anführer Peter Andrews von dem kurzen Moment, in dem es die Pendler "denen da oben endlich mal gezeigt haben".

In der Gegend um London stieß der Protest auf offene Ohren. Hier stehen viele Pendler jeden Tag nach Angaben von Passagier-Gruppen auf Entfernungen von bis zu 80 Kilometern. "Nein, einen Sitzplatz bekomme ich nie", sagt eine 32-jährige Büroangestellte, erstaunt über die Frage. Eine unbedachte Äußerung des für die Bahn zuständigen Beamten goss weiter Öl ins Feuer: Die Erwartungen der Bahnkunden, während der Rushhour einen Sitzplatz zu bekommen, seien einfach unrealistisch, sagte Mike Mitchell vor einem parlamentarischen Ausschuss Ende Januar.

Viele Kunden fühlten sich verhöhnt. Wenige Wochen später berichteten britische Zeitungen über einen besonders schlechten Dienst an Bahnkunden, die in einer eiskalten Nacht im Zug von London nach Southampton saßen. Unterwegs musste der Zug wegen dringender Gleisarbeiten anhalten, die Passagiere wurden per Bus weitertransportiert. Als dann der Bus eine Panne erlitt, fühlte sich das Personal offenbar überfordert und machte sich mit einem Taxi davon. Die Passagiere mussten selbst zusehen, wie sie nach Hause kommen.

(Ute Dickerscheid, dpa)

Quelle: ntv.de