Dossier

15 Jahre friedlich nebeneinander Tschechen und Slowaken

Der Schengen-Beitritt Tschechiens und der Slowakei am 21. Dezember hat auch eine nie geliebte Grenze unwirksam gemacht, die erst vor 15 Jahren neu gezogen wurde. Am 1. Januar 1993 zerfiel die Tschechoslowakei in zwei Nachfolgerepubliken. Anders als in Jugoslawien, dessen blutiger Zerfall etwa zeitgleich begann, wurde dort allerdings vorgelebt, dass es auch anders - nämlich friedlich - geht. Dass nie ein Schuss fiel, lag wohl auch daran, dass mehrheitlich weder Tschechen noch Slowaken die Trennung wirklich wollten.

Deshalb verzichteten die Machtpolitiker beider Seiten auch wohlweislich auf ein Referendum. Denn Umfragen zeigten, dass in beiden Landesteilen jeweils mehr als zwei Drittel der Bevölkerung eine Trennung des gemeinsamen Staates ablehnten. Auf Politikerebene ließ sich aber kein gemeinsamer Weg mehr finden. Denn bei den Parlamentswahlen 1992 hatten sich in beiden Landesteilen gegensätzliche Parteien jeweils klar durchgesetzt. So entschieden sich der Tscheche Vaclav Klaus und der Slowake Vladimir Meciar über die Köpfe der Menschen hinweg für eine einvernehmliche Scheidung.

Schwesternationen bleiben sich nah

Nach 15 Jahren haben sich beide Völker mit der Trennung abgefunden. Vor allem in der Slowakei ist die Tschechoslowakei-Nostalgie aber noch immer stark, auch wenn sich keine einzige politische Partei tatsächlich um Wiedervereinigung bemüht. Wie auch immer: In der Realität macht sich die Trennung bereits im Alltag bemerkbar. Immer weniger junge Tschechen verstehen ohne Probleme Slowakisch. Slowaken sind in der Sprache der doppelt so großen Schwesternation dagegen noch etwas firmer.

Unabhängig von möglichen Sprachproblemen ist die Sympathie zwischen beiden Nationen seit der Trennung nicht kleiner, sondern größer geworden - viele vergleichen die Situation mit einer vorübergehenden "Auszeit" in einer Zweierbeziehung. Früher auch im Alltag spürbare Rivalitäten zwischen beiden Völkern beschränken sich nun fast nur mehr auf Länderspiele im Eishockey, das in beiden Staaten wichtigster Sport geblieben ist. Werden aber Tschechen und Slowaken gefragt, welcher anderen Nation sie sich am nächsten fühlen und welche ihnen am sympathischsten ist, nennen beide ohne Zögern zuerst das jeweils andere Land.

International vorbildlich

So verwundert es nicht, dass die Trennung der Tschechoslowakei in zwei Staatsgebilde inzwischen oft als Vorbild präsentiert wird: Schon seit Jahren verweisen Befürworter einer Abspaltung des frankophonen Quebec vom übrigen Kanada auf das von Prag und Bratislava vorexerzierte Beispiel. Und in den vergangenen Monaten wurde das tschechisch-slowakische Beispiel immer wieder als mögliches Vorbild für Belgien genannt. Dort sei sogar die Ausgangslage auffallend ähnlich: Wie vor 15 Jahren in der Tschechoslowakei ist durch eine in beiden Landesteilen gegensätzlich ausgegangene Parlamentswahl ein politisches Patt entstanden.

Von Christoph Thanei, dpa

Quelle: ntv.de

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