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Massaker in Srebrenica Völkermord spaltet Serbien

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Die Trauer hält an: 8000 bosnische Muslime wurden am 11. Juli 1995 getötet.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Auch 15 Jahre danach streitet das serbische Parlament darüber, ob das Massaker in Srebrenica ein Völkermord war. Eine "Propagandalüge", wettern die Nationalisten.

Der US-Kongress hat es ebenso verurteilt wie das Europaparlament: das Massaker vom 11. Juli 1995 in der ostbosnischen Stadt Srebrenica, das als schlimmstes Kriegsverbrechen seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa gilt. An diesem Tag hatten bosnisch-serbische Verbände rund 8000 muslimische Jungen und Männer ermordet. Die EU hat den 11. Juli zum offiziellen Gedenktag erklärt. Jetzt reißt Srebrenica wieder tiefe Gräben in Serbien auf. Das Parlament kann sich nicht zu einer Verurteilung des Massakers durchringen.

Dabei geht es um "eine nationale Aufgabe" und "den ernsthaften Trennungsschnitt mit der Vergangenheit, um die nationale Reinigung und die Abwendung einer Kollektivschuld", beschreibt Bozidar Andrejic im Wirtschaftsmagazin "Ekonomeast" die Ausgangslage. "Niemand hat das Recht, den Serben das Brandmal der Verantwortung für ein in ihrem Namen begangenes Verbrechen aufzudrücken", läuft der frühere Regierungschef Vojislav Kostunica Sturm gegen eine Resolution des Parlaments zu Srebrenica.

"Genozid hat es nicht gegeben"

"Unsere Balkan-Mentalität sieht die Entschuldigung bei einem Anderen als Erniedrigung statt als moralischen und zivilisatorischen Akt", hieß es in einem Kommentar der Zeitung "Danas". Der "Nationaldichter" Dobrica Cosic geht noch viel weiter: "Wir akzeptieren die islamistisch-fundamentalistische bosnische Propagandalüge von einem serbischen Völkermord in Srebrenica", schimpft er. "Damit machen wir unsere Nachkommen zu Angehörigen eines Genozid-Volkes wie Nazi-Deutschland".

Der Internationale Gerichtshof (IGH) hatte vor drei Jahren in Srebrenica "Völkermord" festgestellt. Doch das ist jetzt im serbischen Parlament zum Reizbegriff geworden. Fast die gesamte Opposition und Teile der Regierung leugnen diesen Sachverhalt. "Den Genozid werden wir nicht verurteilen, weil es ihn nicht gegeben hat", sagt der frühere Freischärler Dragan Markovic "Palma", dessen Partei heute in der Regierung sitzt.

Auch die Sozialisten des im UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag an Herzinfarkt gestorbenen serbischen Autokraten Slobodan Milosevic wollen keine Parlamentserklärung mit dem Begriff Völkermord mittragen. Sie sitzen heute an Schlüsselpositionen in der Regierung, die sie als Juniorpartner der "Demokraten" (DS) von Staatschef Boris Tadic mittragen. Infrastrukturminister Milutin Mrkonjic hat noch heute ein Bild von Milosevic an der Wand hängen, weil "ich ihn verehre".

Dikussion "zynisch und unmenschlich"

Die Tadic-DS will jetzt zwei Resolutionen durchs Parlament bringen, um überhaupt eine Srebrenica-Verurteilung zustande zu bringen. In einer solle "das Verbrechen" in Srebrenica unter Vermeidung des Wortes Völkermord verurteilt werden. In einer zweiten sollen alle Verbrechen an Serben und an anderen Völkern angeprangert werden. Ein solches Szenario "stellt das Eingeständnis dar, dass die nationalistische Strömung in der Politik des heutigen Serbiens das Übergewicht besitzt", sagte die bekannteste serbische Soziologin Zagorka Golubovic dem Magazin "NIN".

"Die zukünftige Entwicklung Serbiens hängt in großem Maße davon ab, ob wir das Verbrechen in Srebrenica klar und eindeutig verurteilen", erklärt die Historikerin Dubravka Stojanovic in der Zeitung "Blic" die Bedeutung des Streits. Die Diskussion, ob dort von den Serben Völkermord oder "nur" ein Verbrechen begangen worden ist, "ist zynisch und unmenschlich".

Quelle: n-tv.de, Thomas Brey, dpa

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