Dossier

Politische Volkszählung Wieviel Christen in Bethlehem?

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem

Ob Christen in Bethlehem nun verfolgt und geschändet werden oder aber problemlos mit ihren muslimischen Nachbarn auskommen, lässt sich nicht ermitteln. Verschüchterte Christen schweigen, Moslems behaupten, noch nie jemandem Leid zugefügt zu haben und Touristenmanager loben das friedliche Zusammenleben.

Nicht einmal die Zahl der Christen in Bethlehem kann zuverlässig ermittelt werden. Laut einem Reiseführer von 1934, als die nahöstlichen Streitigkeiten noch nicht so ausgeprägt waren wie heute, gab es in Bethlehem 6.800 Einwohner: 5.600 Christen und 1.200 Muslime. Das Verhältnis von Christen zu Muslimen schlug 1948 schlagartig um, als Flüchtlinge aus 120 Dörfern im heutigen Israel hinzukamen und die Moslems zur Mehrheit wurden.

Die Gesamtzahl der Einwohner der Region Bethlehem wird von Pastor Mitri Raheb mit 184.000 angegeben. Die Stadtverwaltung Bethlehems kennt angeblich 164.000 registrierte Einwohner, doch Bürgermeister Victor Batarseh redet von nur 28.000 Bürgern. In deutschen Medien schwanken die Zahlen zwischen 140.000 beim Bayrischen Rundfunk, 130.000 bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 50.000 beim Deutschen Verein des Heiligen Landes, 38.000 oder 27.000 nach Angaben des Caritas Babyhospital, je nachdem, wer interviewt wurde.

Die Palästinensische Generaldelegation in Bonn, die offizielle Vertretung der PLO in Deutschland, bildet mit nur 22.000 Einwohnern Bethlehems das Schlusslicht. Je nach Quelle schwankt also die Einwohnerzahl in Bethlehem um das Achtfache. Das ist, als ob in Berlin, je nach Quelle, 3,3 Millionen oder aber 26 Millionen Menschen, ein Drittel der deutschen Bevölkerung, lebten.

Noch verwirrender sind die Angaben zu den in Bethlehem lebenden Christen. Je nach Quelle schwankt das Verhältnis der Christen zu Moslems in Bethlehem von 2% (Deutscher Verein des Heiligen Landes), 20 % (FAZ), 25% (Ökumenischer Rat der Kirchen), einem Drittel (ZDF, Batarseh), 41 % (Raheb) und "über" 50 % (Generaldelegation). Da aber die Zahl der Einwohner ebenso gewaltig schwankt, gelangt man zu absurden Ergebnissen beim Versuch, die absolute Zahl der Christen in Bethlehem zu ermitteln, zumal der lateinische Patriarch Michel Sabbah bei einer Pressekonferenz eingestanden hat, dass seit Herbst 2000 etwa 3000 Christen Bethlehem verlassen hätten. Falls die Christen laut Deutschem Verein des Heiligen Landes tatsächlich nur 2 Prozent von 50.000 Einwohnern ausmachen, dann wären es Tausend. Wenn aber 3.000 von ihnen das Land verlassen hätten, gäbe es heute minus zweitausend Christen in Bethlehem.

Bei den anderen Quellen schwankt die Zahl der Christen zwischen 3.600 und 75.000, also fast das Dreifache der mutmaßlich offiziellen Einwohnerzahl Bethlehems von etwa 28.000 Bürgern. Die FAZ weiß von 30.000 Christen und die Generaldelegation von nur 11.000. Pastor Raheb hat eine geheime Studie für Tourismusinvestoren verfasst, die freilich im vollen Wortlaut im Internet zu finden ist. Er will die Zahlen ganz genau geprüft haben. Mal redet er von 20.000 Christen in Bethlehem und in seiner Studie von 16.400.

Es fragt sich, warum je nach Quelle die Zahl der Einwohner um das achtfache auseinander klaffen, bei den Christen sogar um das 75-fache. Man könnte meinen, als gäbe es dreimal mehr Christen in Bethlehem als Einwohner. Jene, die einen besonders hohen christlichen Bevölkerungsanteil nennen, wollen Spenden für eine "christliche" Stadt anlocken. Auffällig niedrige Christenzahlen werden zusammen mit Beschreibungen der israelischen Besatzungspolitik genannt. Manche wollen das Schwinden der Christen vertuschen. Spätestens seit der Volkszählung durch Kaiser Augustus vor 2.000 Jahren ist bekannt, dass mit Bevölkerungszahlen auch Politik gemacht wird.

Quelle: n-tv.de