Dossier

Holocaust-Gedenktag Wulff dankt den Überlebenden

2vtk0801.jpg3530560967271410628.jpg

Die Gleise, die zu den Gaskammern in Auschwitz führten.

(Foto: dpa)

Im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau dankt Bundespräsident Wulff den Holocaust-Überlebenden für ihren Versöhnungswillen. Polens Präsident Komorowski sieht das Verhältnis von Deutschen und Polen als Beweis dafür, "dass sich die Welt in Richtung des Guten bewegt". Im Bundestag erinnert der Holocaust-Überlebe Zoni Weisz an die vergessene Verfolgung der Sinti und Roma.

270111BER211_270111BER211.jpg9086201196221707064.jpg

(Foto: dapd)

Bundespräsident Christian Wulff hat zum internationalen Holocaust-Gedenktag dazu aufgerufen, die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten wachzuhalten. Die Deutschen hätten dafür "ewig einzustehen", sagte er in einer Rede in Auschwitz-Birkenau zum 66. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers. "Wir tragen alle dafür Verantwortung, dass ein solcher Zivilisationsbruch nicht wieder geschieht." Wulff ist der erste Bundespräsident, der eine Rede in dem ehemaligen Konzentrationslager hielt.

"Die heutige Jugend muss die Wahrheit über das nationalsozialistische Terrorregime kennen", forderte er weiter. Dann werde sie auch den Kräften entgegentreten, "die die Tatsachen immer noch oder wieder leugnen oder verfälschen".

2011-01-27T144803Z_01_OSW10_RTRMDNP_3_POLAND.JPG6701859867696861696.jpg

(Foto: REUTERS)

Er dankte den Holocaust-Überlebenden und den Nachkommen der Opfer für ihren Versöhnungswillen. Die Deutschen wüssten es zu schätzen, dass in ihrem Land wieder jüdisches Leben blühe, die Beziehungen zu Israel einzigartig seien und es eine tiefe Freundschaft zu Polen und anderen Nachbarn gebe.

"Welt bewegt sich in Richtung des Guten"

Gemeinsam mit Polens Präsident Bronislaw Komorowski traf Wulff in der Begegnungsstätte in Auschwitz (Polnisch: Oswiecim) mit ehemaligen KZ-Häftlingen zusammen. Sie diskutierten auch mit Jugendlichen aus beiden Ländern. Komorowski bezeichnete die gemeinsame Teilnahme an dem Gedenken als Beweis für das neue Verhältnis zwischen Polen und Deutschen. "Das ist ein Zeichen dafür, dass sich die Welt in Richtung des Guten bewegt", sagte er.

In Deutschland wird seit 1996 am 27. Januar an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. An diesem Tag hatten sowjetische Soldaten 1945 die Insassen des Lagers Auschwitz befreit. In Auschwitz-Birkenau im besetzten Polen ermordeten die Nazis zwischen 1940 und 1945 mehr als 1,1 Millionen Menschen. Die meisten Opfer waren Juden. Auch politische Häftlinge aus Polen, sowjetische Kriegsgefangene, Sinti und Roma sowie Vertreter anderer Nationen starben im Lager.

Erinnung an "vergessenen Holocaust" im Bundestag

270111MAW103_270111MAW103.jpg7916383819635821065.jpg

Nach Polen flog Wulff in Begleitung von Holocaust-Überlebenden. Einer von ihnen, Hermann Höllreiner, zeigt hier seine eintätowierte Häftlingsnummer.

(Foto: dapd)

In Berlin sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert bei der Gedenkstunde im Parlament, in welch schrecklichem Ausmaß auch Angehörige der Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt worden seien, sei lange Zeit außerhalb des öffentlichen Bewusstseins geblieben. "Umso wichtiger ist es, dass wir uns an sie erinnern." Noch heute fühlten sich viele Sinti und Roma diskriminiert und stigmatisiert, auch in Deutschland. Sie seien die größte und "zugleich die wohl auch am meisten diskriminierte Minderheit Europas", sagte Lammert. Er begrüße es daher, dass sich Ungarn während seiner EU-Präsidentschaft im ersten Halbjahr 2011 für eine Verbesserung ihrer Situation einsetzen wolle.

Lammert bekräftigte, dass die Nachgeborenen die Schrecken der Geschichte nicht vergessen dürften. "Die Opfer verpflichten uns, alle Formen von Diskriminierung und Intoleranz zu ächten und jeder Art des Hasses und der Ausgrenzung entschieden entgegenzutreten", sagte der Bundestagspräsident.

"Gesellschaft hat fast nichts gelernt"

270111BER808_270111BER808.jpg80983596776238717.jpg

Zoni Weisz kritisiert die Diskriminierung von Roma und Sinti in Europa.

(Foto: dapd)

Der niederländische Holocaust-Überlebende Zoni Weisz, der als erster Vertreter von Sinti und Roma an einem Holocaust-Gedenktag im Bundestag sprach, bezeichnete die Verfolgung seines Volkes durch die Nationalsozialisten als "vergessenen Holocaust". Die Medien hätten diesem Thema wenig Aufmerksamkeit gewidmet, in vielen Gedenkreden sei in keiner Weise an das Schicksal der Sinti und Roma erinnert worden. Die Gesellschaft habe fast nichts daraus gelernt, "sonst würde sie heute verantwortungsvoller mit uns umgehen", sagte Weisz. Nach seiner Rede erhoben sich alle Parlamentarier von ihren Plätzen.

"Wir sind Europäer und müssen die gleichen Rechte wie alle anderen haben", forderte Weisz. Anlass zur Sorge gebe aber, dass in Ländern wie Rumänien und Bulgarien die meisten Sinti und Roma immer noch ein menschenunwürdiges Leben führen müssten. In Ungarn werde die Minderheit wieder von Rechtsextremisten in schwarzen Uniformen offen verfolgt. Es gebe in osteuropäischen Ländern Geschäfte und Gaststätten mit Schildern wie: "Zutritt für Zigeuner verboten", klagte Weisz, der die NS-Zeit in einem Versteck überlebte, während seine Eltern und Geschwister sowie 21 weitere Familienangehörige in Konzentrationslagern umkamen.

Quelle: n-tv.de, ghö/hvo/dpa/AFP