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20 Jahre nach dem Ende der DDR "Zu wenig ist aufgearbeitet worden"

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Zwischen 1952 und 1988 werden von der Stasi in der Potsdamer Lindenstraße mehr als 6.200 Menschen inhaftiert.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Die friedliche Revolution in Ostdeutschland ist untrennbar mit der Erstürmung der Stasi-Dienststellen in Ostdeutschland verbunden. Doch auch nach 20 Jahren vermisst Gabriele Schnell eine ernsthafte Aufarbeitung. Im Gespräch mit n-tv.de beklagt die Koordinatorin der Potsdamer Gedenkstätte Lindenstraße zudem den fehlenden Respekt vor den Opfern des Unrechtsstaates DDR.

n-tv.de: 20 Jahre nach der Deutschen Einheit beschäftigen Sie sich in der Potsdamer Gedenkstätte "Lindenstraße" noch immer mit ostdeutscher Geschichte. Interessiert das die Menschen noch?

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Die Häftlinge werden in den Verhören eingeschüchtert und psychisch destabilisiert.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Gabriele Schnell: In den letzten drei, vier Jahren hat das Interesse an der politischen Zeitgeschichte spürbar zugenommen. Das merken wir in der Gedenkstätte an deutlich steigenden Besucherzahlen. Viele Menschen bemühen sich inzwischen um einen differenzierten Blick, manche blenden allerdings völlig aus, dass hinter der Stasi die SED stand. Das kommt in der öffentlichen Wahrnehmung leider noch immer viel zu kurz und hängt natürlich damit zusammen, dass es 20 Jahre lang versäumt wurde, die Rolle und die Verantwortung der Einheitspartei in den Focus zu rücken. Und was die Stasi anbelangt, richtete sich das öffentliche Interesse oft sehr stark auf die inoffiziellen Mitarbeiter, die "Hauptwaffe im Kampf gegen den Feind", wie es die Stasi nannte. Das gleiche Interesse wünsche ich mir für den hauptamtlichen Stasi-Apparat. Die Juristische Hochschule des MfS ist zum Beispiel noch gar nicht erforscht worden.

Diese MfS-Hochschule befand sich ja in Potsdam. Muss man davon ausgehen, dass die Stasi der Arbeitgeber vieler Potsdamer war?

Ich denke schon. Potsdam war eine zweigeteilte Stadt. Es gab neben der Stasi-Hochschule die Stasi-Bezirksverwaltung und eine Stasi-Kreisdienststelle, und es gab die Akademie für Staat und Recht und systemtragende Einrichtungen wie das Hauptquartier der Landstreitkräfte der NVA. In Potsdam-West ist ein ganzes Stadtviertel für NVA-Offiziere gebaut worden. Diesen Systemträgern standen die Systemfernen und Systemkritischen gegenüber, viele Wissenschaftler und die technische Intelligenz der naturwissenschaftlichen Institute, auch viele Künstler und Kulturschaffende. In gewisser Weise gibt es diese Zweiteilung der Stadt noch immer. Das lässt sich auch seit 20 Jahren an den Wahlergebnissen der einzelnen Stadtviertel ablesen wie zuletzt wieder bei der Oberbürgermeisterwahl. Ob ein OB-Kandidat, der eine Spitzenposition an der Akademie für Staat und Recht innehatte und Stasi-IM war, in einer anderen Stadt so viele Stimmen bekommen hätte, wage ich zu bezweifeln.

Wie beurteilen Sie die Aufarbeitung der DDR-Geschichte im Land Brandenburg?

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Inzwischen ist das "Lindenhotel" eine Gedenkstätte.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Gerade in Brandenburg ist da zu wenig aufgearbeitet worden. Wir haben mit Ulrike Poppe erst jetzt eine Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur bekommen. In den anderen Bundesländern gibt es diese Institutionen schon lange, und die haben gute Arbeit gemacht, insbesondere Öffentlichkeitsarbeit. Dort sind Gedenkstätten, die an die Opfer der SED-Diktatur erinnern, auch Landeseinrichtungen. In Brandenburg ist dieses Gedenken eher regionalisiert worden. Die Potsdamer Gedenkstätte "Lindenstraße" befindet sich als Teil des Potsdam-Museums in kommunaler Trägerschaft, und außer der Servicekraft, die die Eintrittskarten verkauft, gibt es kein festes Personal. Wenn freie Mitarbeiter mit Jahresverträgen die Forschungsarbeit leisten und die Gedenkstätte entwickeln, dann steht das auch für eine bestimmte Haltung gegenüber der Gedenkstätte. Davon mal abgesehen begrüße ich sehr, dass im Land Brandenburg gerade eine Enquete-Kommission zur Aufarbeitung und Bewältigung der Folgen der SED-Diktatur ihre Arbeit aufgenommen hat. Man kann nur hoffen, dass am Ende eine ehrliche Bilanz der vergangenen 20 Jahre steht, die bisherigen Bemühungen der Kommission gehen erkennbar in diese Richtung.

Treffen Sie in der Gedenkstätte auch auf Verfechter des DDR-Systems?

Von denen kommt eigentlich kaum jemand in unsere Gedenkstätte, leider. Denn an diesem Ort lässt sich viel entzaubern. Hin und wieder treffe ich aber auf Gäste, die einer gewissen Verklärung anheim gefallen sind. Doch an einem Ort, an dem Menschen wegen politischer Überzeugungen unter menschenverachtenden Bedingungen inhaftiert und verhört und dann ohne Gerichtsverfahren, wie wir sie heute kennen, ohne wirkliche Verteidigung und nach Vorgabe der Stasi verurteilt worden sind, verändern sich solche Haltungen. Die Leute gehen anders aus der Gedenkstätte heraus, als sie hineingegangen sind. Doch es ist mir ein Stück weit unbegreiflich, dass es im politischen Raum auch nach 20 Jahren noch keinen Konsens über den Unrechtsstaat DDR gibt. Neben den Verbrechen, die an den Opfern des SED-Regimes begangen wurden, ist für mich ein weiteres schlimmes Verbrechen, was das Regime in den Köpfen so vieler Menschen angerichtet hat. Warum fühlen sich denn heute viele Ältere zurückgesetzt vor den Westdeutschen? Diese Menschen haben in den Jahren der DDR ihr Leben anständig gelebt und müssten stolz und selbstbewusst sein. Doch die Deformierung durch das Regime macht ihnen das nicht möglich. Andere hingegen lavieren herum und verniedlichen ihre frühere Verantwortung.

Müsste sich da nach 20 Jahren nicht etwas geändert haben?

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Gabriele Schnell ist Koordinatorin der Gedenkstätte und Autorin de Buches "Lindenhotel - Berichte aus dem Potsdamer Geheimdienstgefängnis".

Ich denke, es gibt ein Menschenrecht auf Irrtum. Ich könnte gut damit umgehen, wenn jemand eine frühere Überzeugung korrigiert. Das gibt es vereinzelt. Ich kenne einen früheren DDR-Volkspolizisten, der sagt, er habe bis 1989 viel falsch gemacht. Seine Konsequenz war, dass er sich seither im demokratischen Sinn engagiert. So etwas finde ich wunderbar, aber es geschieht sehr selten.

Es gibt immer wieder die Forderung, die Stasi-Akten zu schließen. Wie stehen Sie dazu?

Es ist ja noch längst nicht aufgearbeitet, wie die Stasi und das gesamte DDR-System funktioniert haben. Die Strukturen und die sich daraus ableitenden Mechanismen müssen einfach komplett offengelegt werden. Ich bin durch meine Arbeit auf diesen Haftort in der Potsdamer Lindenstraße fixiert. Als Teil dieser Arbeit versuche ich Häftlinge ausfindig zu machen und bitte sie um Auskunft darüber, was sie hier erlebt haben. Da kommen noch immer Dinge zu Tage, die unsere Vorstellungskraft überschreiten. Das Leid, das diese Häftlinge erlitten haben, spielt zum Beispiel auch eine viel zu geringe Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung.

Woran machen Sie das fest?

Es gibt noch immer nicht den gebührenden öffentlichen Respekt für frühere politische Häftlinge. Ihre Lebensleistung wird nicht anerkannt, und es wird viel zu wenig berücksichtigt, was für ein Bruch in den Biographien durch die Haft entstanden ist. Die Leben, die sie danach leben konnten, waren ja komplett anders, als sie sich ihr Leben vorgestellt oder gewünscht hatten. Da sind Berufswege verwehrt worden, da haben Menschen ihre körperliche oder seelische Gesundheit verloren, das machen sich viele kaum klar. Oft leiden darunter nicht nur die Betroffenen, sonder auch ihre Angehörigen, bis hin zur nächsten Generation.

Es wird immer wieder beklagt, dass junge Menschen zu wenig über die DDR wissen. Sie haben viele Schülergruppen im Haus, wie erleben Sie die jungen Leute?

Wir haben hier eine Schülerprojektwerkstatt, bei der sich Schüler mit unterschiedlichen Projekten und in Zeitzeugengesprächen dem Thema nähern können. Außerdem gibt es Führungen, bei denen die Jugendlichen die Atmosphäre des ehemaligen Untersuchungsgefängnisses hautnah erleben können. Die Nachfrage nach beidem steigt seit Jahren. Es kommen manchmal auch Schüler, die wissen so gut wie nichts. Dann ist es für uns sehr mühsam, für grundlegendes Wissen zu sorgen. Es gibt aber auch viele Schüler, die schon einiges an Kenntnissen mitbringen. Es ist auch in unserer Erfahrung so, dass Schüler aus dem Westen oft mehr wissen, als Jugendliche aus dem Osten. Aber für uns ist wichtig, dass junge Leute in die Gedenkstätte kommen und sich überhaupt dafür interessieren. Oft wollen die Schüler dann gar nicht wieder gehen, weil ihnen jede Menge Fragen zur DDR kommen und sie auch sehr nachdenklich werden. Ein angehender Abiturient hat einmal zu mir gesagt, er will einfach wissen, in welchem Land seine Eltern gelebt haben. Da sind Eltern und Großeltern, aber auch Lehrer noch viel mehr gefragt.

20 Jahre nach der Deutschen Einheit arbeiten Sie noch immer mit der Vergangenheit. Welche Gefühle verbinden Sie mit dem 3. Oktober?

Wunderbare Gefühle. Ich bin seit 20 Jahren ein freier Mensch. Es ist für mich noch immer eine große Freude, dass wir demokratische Verhältnisse haben und die Menschen ungestraft für ihre politischen Interessen eintreten können. Ich empfinde das als großes Glück und bin dafür sehr dankbar, und ich bin noch immer stolz, dass ich das 1989 auch ein kleines bisschen mit angestoßen habe.

Mit Gabriele Schnell sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de

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