Dossier

Tiefe psychische Narben Zyklon-Opfer verstört

Fieber, Schüttelfrost, Magenkrämpfe, Durchfall - kaum ist die japanische Klinik für Zyklon-Opfer im Irrawaddy-Delta einsatzbereit, haben die Ärzte alle Hände voll zu tun. Die sichtbaren Wunden und Beschwerden behandeln die so gut es geht. Viel schwieriger sind die psychischen Narben, die die verheerende Naturkatastrophe bei den Überlebenden hinterlassen haben.

Unter den 30 Menschen, die vor dem Behandlungszeit im staatlichen Flüchtlingslager "Drei Meilen" rund fünf Kilometer außerhalb von LaButta Schlange stehen, ist Khin Mar Htwe. Das Baby der 30-Jährigen kam einen Tag vor der Ankunft der Ärzte auf die Welt, mit Hilfe einer Hebamme, die im Zyklon selbst Hab und Gut verlor und im Lager lebt. Der Junge ist kerngesund, bescheinigen die Ärzte. Aber die Freude vertreibt nur kurz die Sorgenfalten aus Khin Mar Htwes Gesicht.

Sie hat ihre beiden Töchter und ihre Mutter verloren. Jetzt steht sie mittellos da. "Ich kann nicht nach Hause", sagt sie. "Der Zyklon hat alles zerstört, unser Haus, unsere Felder, nichts ist mehr da." Wie es weitergehen soll, weiß sie nicht. "Ohne die Helfer wären wir schon alle tot."

Daw Gwet Htaw sucht auch Hilfe bei den Japanern, oder besser gesagt, ihr Mann. Er hat die 47-Jährige hergebracht, die seit vier Wochen apathisch und depressiv ist. Ihre Tochter und drei Enkel sind durch den Zyklon ums Leben gekommen. "Alles hängt von euch ab, ihr müsst ihr helfen", fleht der Mann.

Großer Redebedarf

Unzählige verstörte Menschen sah auch eine Ärztin, die zwei Wochen für die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" in Ngapudaw im Delta war. "Sobald wir in einem Dorf ankamen, haben die Leute uns umringt", berichtete sie nach der Rückkehr nach Rangun. "Viele wollten nur mit uns reden. Es tat ihnen schon gut zu wissen, dass endlich jemand da war und zuhörte." Viele Leute litten unter typischen Stress-Erscheinungen: hohem Blutdruck und schmerzenden Gliedern. "Das war vor allem da, wo praktisch alles zerstört war und viele Menschen ums Leben gekommen waren", berichtete die 27-Jährige Medizinerin.

Die Zahl der Verzweifelten sei überwältigend gewesen. "So viele Menschen haben ihre Familien verloren", berichtete sie. Ein Mann sei vor der Flutwelle davongerannt und in eine Baumkrone geklettert, wo er sich anbinden musste, um nicht fortgerissen zu werden. Tatenlos musste er zusehen, wie unten seine ganze Familie vom Wasser fortgerissen wurde.

Auch für die Helfer ist der Einsatz schwierig. "Wir haben mit 15 Leuten auf einem Boot gewohnt", berichtete die junge Frau. "Es hat ständig geregnet, alles war klamm." Duschen ging nur mit Salzwasser, die nächste Trinkwasserquelle war 30 Minuten mit dem Boot entfernt.

Die Ärzteteams fuhren jeden Morgen mit kleineren Booten in die abgelegenen Ortschaften. "In vielen kleinen Dörfern waren wir die ersten, die dort irgendeine Art von Hilfe brachten." Manche Dörfer waren nur bei Flut zu erreichen. "Unterwegs fuhren wir an Leichen und Tierkadavern vorbei. Der Gestank - das werde ich mein Leben lang nicht vergessen", berichtete die Ärztin. "Es fiel uns abends schwer einzuschlafen. Immer gingen einem die schrecklichen Geschichten durch den Kopf, die wir tagsüber gehört hatten." Die Ärztin wollte in Rangun ein paar Tage ausruhen und Energie tanken. Dann geht es zurück ins Katastrophengebiet.

Von Sint Aye Aye und Christiane Oelrich, dpa

Quelle: n-tv.de