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Zwischenruf Ägypten: Wann fällt Mubarak?

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Jetzt greifen auch in Kairo die Proteste um sich.

(Foto: dpa)

Es ist zweifelhaft, ob die Proteste in Ägypten ähnlich rasche Folgen wie in Tunesien haben werden. Der organisierte Islamismus hat weit mehr Einfluss am Nil. Kommen die Islamisten hier an die Macht, ist die Stabilität im Nahen und Mittleren Osten gefährdet.

Es war zu erwarten, dass auch die Menschen in Ägypten wie in Tunesien gegen das Regime auf die Straße gehen. Auch die Reaktion Husni Mubaraks gleicht der seines gestürzten Bruders im Geiste Zine El Abidine Ben Ali: Brutaler Polizeieinsatz, Tote. Der Westen hat zumindest insofern dazugelernt, dass kein Land die Entsendung von Polizisten zur „Wiederherstellung von Recht und Ordnung“ anbietet, wie im Falle Frankreichs gegenüber seiner einstigen Kolonie geschehen. Die US-amerikanische Aufforderung, beide Seiten sollten auf Gewalt verzichten, ist Ausdruck erschreckender Hilflosigkeit.

Es ist unklar, ob die Ereignisse in Ägypten so linear und rasch zum Zerfall des Systems Mubarak führen. Im September stehen Präsidentenwahlen an. Mubaraks Sohn Gamal soll seinem Vater im Amte folgen. Als Brückenbauer in Richtung Demokratie erscheint er ungeeignet, weil zu eng mit dem System seines Vaters verbunden. Ob der frühere Chef der Internationalen Atomenergiebehörde, Mohammad al-Baradei, die demokratischen Kräfte einen kann, ist offen. Unstrittig hingegen, dass das Land am Nil Zeichen für einen Umbruch setzt, der die gesamte Region zu erfassen droht.

Islamisten gefährden Stabilität

In Ägypten hat der organisierte Islamismus bedeutend mehr Einfluss als in Tunesien, wo islamistische Kräfte versuchen, auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Von hier nahm die Moslembruderschaft in den zwanziger Jahren ihren Ausgang, die heute in den meisten islamischen Ländern präsent ist. Allein in Ägypten hat die Organisation, die für Anschläge auf den früheren Staatschef Gamal Abdel Nasser verantwortlich, geschätzte eine Million Mitglieder. Eine Abspaltung der Bruderschaft war 1981 für den Mord an dessen Nachfolger Anwar as-Sadat verantwortlich.

Die Präsenz von Islamisten an der Spitze eines Landes wie Ägypten hätte unübersehbare Folgen für die Stabilität im Nahen und Mittleren Osten. Die in Gaza herrschende radikalislamische Hamas ist aus der Moslembruderschaft hervorgegangen. Ägypten ist neben Jordanien das einzige arabische Land, mit dem Israel diplomatische Beziehungen unterhält. Eine radikale Regierung in Kairo würde für einen überschaubaren Zeitraum das endgültige Aus für jegliche Friedensbemühungen im Nahen und Mittleren Osten bedeuten.

Die Wellen der Veränderung, wenn auch nicht überall mit dem gleichen Vorzeichen, schlagen hoch von Mauretanien über den Maghreb und den sich spaltenden Sudan bis in den Libanon. Eine neue Strategie ist weder in Washington, Brüssel, Berlin oder Paris erkennbar. Auch in Jerusalem nicht. Was fast noch schlimmer ist.

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Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: n-tv.de

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