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Zwischenruf Albanien: Wischiwaschi aus Berlin

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Hunderte gedenken der drei erschossenen Demonstranten. (in der Mitte: Edi Rama, Chef der Opposition)

(Foto: dpa)

Albanien ist nach dem Sturz der stalinistischen Diktatur häufig Schauplatz blutiger Konfrontation geworden. So auch jetzt wieder. Die Reaktionen aus Berlin aber sind eher verhalten. Dabei täte Deutschland gut daran, Tirana mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Albanien ist nicht Tunesien und schon gar nicht Ägypten. Doch die geographische Lage eines Italien - beispielsweise - determiniert einen anderen Grad der Besorgnis als hierzulande. Die Regierung des Nachbarlandes – wenn nicht gerade damit beschäftigt, die Skandale ihres Chefs zu beschönigen - blickt dieser Tage höchst beunruhigt auf die Lage im Land der Skipetaren. Das offizielle Rom befürchtet einen Flüchtlingsansturm, sollte der Konflikt weiter eskalieren. Die Reaktion des offiziellen Berlin ist eher verhalten und hebt auf die Ergebnisse der Untersuchung der Ursachen des gewaltsamen Todes dreier Demonstranten ab. Wischiwaschi nennt das der Volksmund. Zumindest in einem Fall ist die Täterschaft auf Videoaufnahmen unzweifelhaft erkennbar.

Albanien ist nach dem Sturz der stalinistischen Diktatur häufig Schauplatz blutiger Konfrontation geworden. Das hinderte die NATO nicht, das Land in ihre Reihen aufzunehmen. Wahlbetrug und Korruption, ein verschrobenes Demokratieverständnis und schreiendes Massenelend waren für die Atlantische Allianz kein Grund, Tirana den Zutritt zum Bündnis zu verwehren und sind ihr jetzt kein Anlass, Albanien die Tür zu weisen. Auch im Falle Albaniens hat sich die Mittelmeerunion als Flop erwiesen. Gottlob hat die Europäische Union dem Regime von Ministerpräsident Sali Berisha, einst einer der Leibärzte von Diktator Enver Hodscha, bislang den Beitritt verwehrt. Nachdrückliche Reaktionen aus Brüssel blieben nach dem blutigen Polizeieinsatz gleichwohl aus.

Außenminister steckt Bestechungsgeld ein

Auslöser der Proteste mit geschätzten 300.000 Teilnehmern waren mit versteckter Kamera gedrehte Aufnahmen, die Außenminister Llir Meta bei der Übernahme eines Bestechungsgeldes in Höhe von 700.000 Euro zeigen. Das ist bei einem Durchschnittsverdienst von umgerechnet etwas mehr als 200 Euro nicht gerade ein Pappenstiel. Albanien ist das ärmste Land Europas, die offizielle Arbeitslosenquote beläuft sich auf 16, die Dunkelziffer auf 30 Prozent. Die Überweisungen der rund eine Millionen im Ausland lebenden Albaner machen dreizehn Prozent der Wirtschaftsleistung aus.

Berlin täte gut daran, Tirana mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Immer mehr Kinder rund ums Mittelmeer fallen in den Brunnen. Eines Tages ist auch Albanien an der Reihe. Die Erklärungen aus der deutschen Hauptstadt werden dann so klingen, wie heute im Falle Ägyptens: Wischiwaschi. Es sei denn, man kümmert sich künftig um Demokratie nicht nur in Belarus.

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Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: ntv.de

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