Kommentare

Zwischenruf Brennende Häuser, brennende Probleme

2zif0527.jpg1167982814673814931.jpg

Die Ruine eines Möbelgeschäftes im Londoner Stadtteil Croydon.

(Foto: dpa)

In Großbritannien gibt es soziale und ethnische Brennpunkte. Und nun brennende Häuser. Die konservativ-liberaldemokratische Regierung von Premier Cameron ist offenbar nicht in der Lage, auch nur eines der brennenden Probleme zu lösen.

Natürlich ist es dummes Zeug, wenn ein Anarchist in London meint, die Krawalle in der Hauptstadt und anderen Großstädten Großbritanniens wären der Aufstand der Arbeiterklasse. Ebenso dumm ist es, allein von gewöhnlicher Kriminalität zu sprechen und die Ausschreitung damit faktisch zu verharmlosen.

Die Geschehnisse sind komplexerer Natur. Unmittelbarer Auslöser der Gewaltorgie war zweifellos der Tod eines 29-Jährigen bei einem Polizeieinsatz unter bislang - wie es heißt - ungeklärten Umständen. Die brennenden Häuser sind aber auch - der vorläufige? - Höhepunkt mehrerer Protestwellen unterschiedlicher Intensität und Motivation, die ihre tieferen Ursachen in der Politik der konservativ-liberaldemokratischen Regierung haben.

Als im Herbst vergangenen Jahres Zehntausende Studenten auf die Straße gingen, reagierten sie - zum Teil mit heftiger Gewalt - sogar gegen die Limousine von Thronfolger Prinz Charles und Gattin Camilla - auf die Wahllüge der Liberaldemokraten, deren Chef Nick Clegg versprochen hatte, die Studiengebühren abzuschaffen und nach dem Urnengang deren drastische Erhöhung mitbeschloss. Entschieden friedlicher und zudem erfolgreich verliefen heftige landesweite Proteste gegen den geplanten Verkauf eines Teils der staatseigenen Waldflächen zur Finanzierung des Haushaltsdefizits Anfang dieses Jahres. Hintergrund der Proteste sind die unveränderte Bevorteilung der Begüterten, Sozialkürzungen und der Verfall einst weltweit vorbildlicher Institutionen wie des Nationalen Gesundheitsdienstes NHS.

Begünstigt werden die Gewaltausbrüche durch die hohe Jugendarbeitslosigkeit, die von 12,2 Prozent im Jahre 2000 auf 19,6 Prozent im vergangenen Jahr anwuchs. Die farbigen Bevölkerungsschichten sind davon in weitaus stärkerem Maße betroffenen als die weißen. Zweifellos geht dies nicht vorrangig auf das Konto des jetzigen Kabinetts unter Premierminister David Cameron: Tories und LibDems ernten die bitteren Früchte des Neoliberalismus von New Labour. Hinzu kommt, dass in vielen, aber nicht nur, nichtweißen Familien über die Jahre Hass und Verachtung für die staatlichen Institutionen gewachsen sind, weil diese nicht in der Lage waren, sie bei der Lösung ihrer sozialen Probleme zu unterstützen. In der Bündelung dieser Probleme werden Jugendliche zu gewissenlosen Plünderern und brutalen Gewalttätern, die auch vor dem Leben Ihresgleichen nicht haltmachen.

Der britische Staat ist gefordert, mit allem Nachdruck gegen Brandstiftung und Diebstahl vorzugehen. Er ist aber auch gefordert, sich endlich der Lösung der brennenden sozialen Probleme zuzuwenden. Bislang scheint der Staat aber nicht einmal in der Lage, genügend Feuerwehren einzusetzen, um die brennenden Häuser zu löschen.

Bleskin.jpg

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: n-tv.de