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Die falsche Wahl Ein Recht auf Malala

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Schülerinnen in Pakistan singen und beten am Jahrestag des Anschlags auf Malala.

(Foto: AP)

Die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen hat den Friedensnobelpreis gewiss verdient. Die Entscheidung von Oslo war dennoch ebenso falsch wie typisch. Es wäre besser gewesen, die Auszeichnung an ein Gesicht mit Geschichte zu geben.

Carl von Ossietzky. Andrej Sacharow. Lech Walesa. Aung San Suu Kyi. Keiner von ihnen durfte nach Oslo reisen, um den Friedensnobelpreis entgegenzunehmen. Als vor zwei Jahren der chinesische Schriftsteller Liu Xiaobo den Preis erhielt, ging das Bild des leeren Stuhls um die Welt. Es war ein eindrucksvolles Zeichen für die Unterdrückung der Meinungsfreiheit in China.

"Entscheidung der Vernunft"

Bereits kurz nach der Bekanntgabe der Entscheidung kommentierte der Friedensforscher Otfried Nassauer die Nobelpreisverleihung bei n-tv so: "Es ist nach verschiedenen umstrittenen Entscheidungen auch eine Entscheidung, wo wahrscheinlich niemand großen Protest erheben wird. Die OPCW ist eine der wichtigsten Organisationen zur Verhinderung der Weiterverbreitung und der Existenz von Massenvernichtungswaffen. Sie funktioniert. Sie ist seit 1997  da und erfüllt ihre Aufgabe, wie jetzt zum Beispiel in Syrien. Von daher ist das keine so große Überraschung, sondern wahrscheinlich eine reine Vernunftsentscheidung."

Große Schlagzeilen macht das Komitee zur Verleihung des Friedensnobelpreises immer dann, wenn die Medaille mit dem Bild des Dynamit-Erfinders Alfred Nobel an echte Menschen geht. Im besten Fall haben die eine wirkliche Leistung vorzuweisen - wie Albert Schweitzer, Martin Luther King, Mutter Teresa, Willy Brandt oder Elie Wiesel.

Länger jedoch ist die Liste der umstrittenen Entscheidungen. Ganz oben auf ihr steht Mahatma Gandhi, der den Preis nie bekam. Leichter war es stets für jene, die sich öffentlich von Gewalt oder Unterdrückung losgesagt hatten, an den Friedensnobelpreis zu kommen. Palästinenserpräsident Jassir Arafat erhielt ihn 1994, ein Jahr nach dem südafrikanischen Präsidenten Frederik Willem de Klerk. Gewürdigt wurde hier vor allem eine Hoffnung. Das gilt auch für US-Präsident Barack Obama. Und für den früheren US-Vizepräsidenten Al Gore, der zwar einen sehenswerten Film über den Klimawandel gemacht hatte, dafür jedoch mit dem Oscar gut bedient war. "Politische Satire wurde überflüssig, als Henry Kissinger den Friedensnobelpreis erhielt", soll der amerikanische Satiriker Tom Lehrer 1973 gesagt haben, als der schon damals umstrittene US-Außenminister vom Osloer Nobelkomitee geehrt wurde.

Der Preis braucht Gesicht und Geschichte

Doch immerhin: Dies waren Menschen, über die man streiten kann. Einen Sinn hatte der Friedensnobelpreis auch dann, wenn die Öffentlichkeit den Preisträger so überhaupt erst kennenlernte - wie etwa 2006, als der bangladeschische Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus für sein Mikrokredit-Institut Grameen Bank ausgezeichnet wurde.

In diesem Jahr hat sich das Nobelkomitee gegen ein Gesicht entschieden. Die 16-jährige Malala Yousafzai ging leer aus. Taliban-Terroristen hatten ihr vor ziemlich genau einem Jahr in den Kopf geschossen, weil sie sich in ihrer pakistanischen Heimat für das Recht von Mädchen auf schulische Bildung engagiert hatte. Grob gesagt: Das Nobelkomitee hat die Vernichtung der Chemiewaffen in Syrien dem Recht auf Bildung für Mädchen vorgezogen.

Grundsätzlich ist gegen eine solche Entscheidung nichts zu sagen - schließlich kann der Friedensnobelpreis nur einmal verliehen werden. Dennoch hätte Malala dem Preis ein Gesicht und eine Geschichte gegeben. Die Arbeit der Mitarbeiter der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen ist wichtig und ehrenwert. Doch diese Organisation wurde nicht von mutigen Frauen und Männern gegründet, die gegen staatliche Repression für Menschenwürde, Freiheit und Frieden arbeiten. Sondern von einer Gruppe von Staaten, die die Chemiewaffenkonvention unterzeichnet haben.

Die Entscheidung des Nobelkomitees hat eine lange Tradition. Zwar wurden immer wieder einzelne Helden und Heldinnen geehrt - 2011 beispielsweise wie in einem Akt der Wiedergutmachung gleich drei Frauen auf einmal. Doch wer die Liste der Preisträger überfliegt, findet dort überraschend viele staatliche Organisationen und ihre Vertreter, zuletzt 2012 die Europäische Union.

Möglicherweise glaubt das Nobel-Komitee, dass die Strahlkraft seines Preises ein wenig Glanz auf die EU geworfen hat. Doch so funktioniert die Welt schon lange nicht mehr. Die globale Öffentlichkeit hat ein Recht auf die Geschichten von kleinen Menschen, die Großes leisten. Sie hat ein Recht auf Geschichten wie die von Malala. Die OPCW hat den Preis gewiss verdient. Die Entscheidung von Oslo war dennoch falsch.

Quelle: ntv.de

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