Kommentare

Zwischenruf Eine Schicksalsgemeinschaft

Zum 40. Mal jährt sich der Kniefall von Willy Brandt am Denkmal für die von den Nazis im Warschauer Ghetto ermordeten Juden. Die Geste des Staatschefs stieß nicht nur auf Beifall, leistete aber einen wichtigen Beitrag zur Normalisierung der Beziehungen.

Kniefall.jpg

Demut eines Regierungschefs: Willy Brandt fällt vor dem Denkmal für die von den Nazis im Warschauer Ghetto ermordeten Juden auf die Knie.

(Foto: picture alliance / dpa)

Geplant hatte Willy Brandt den Kniefall am Denkmal für die von den Nazis im Warschauer Ghetto ermordeten Juden nicht. Manchmal sind es jene spontanen Gesten, welche die Geschichte prägen. Nicht, dass ohne diesen Moment die Unterzeichnung des Warschauer Vertrags zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen nicht möglich gewesen wäre. Aber ein Regierungschef in demütiger Haltung, der eine Last der Vergangenheit auf sich lädt, für die er keine Verantwortung trägt, leistete einen wichtigen Beitrag zur atmosphärischen Veränderung des politischen Klimas in Europa.

Auf ungeteilten Beifall stieß der Sozialdemokrat daheim nicht: Vielen galt der nach Norwegen geflohene Hitlergegner immer noch als "Vaterlandsverräter"; CDU und CSU verharrten zunächst auf der Position, die Grenze nicht anzuerkennen.

Die gegenseitige Anerkennung der Unverletzlichkeit der Grenzen war ein bedeutsamer Schritt zur Normalisierung der Beziehungen der Bundesrepublik zu ihren östlichen Nachbarn. Eine endgültige Anerkennung der im Potsdamer Abkommen von den Alliierten festgelegten Oder-Neiße-Linie bedeutete dies gleichwohl nicht. Änderungen waren demnach im Einklang mit einem Friedensvertrag durchaus möglich.

Wulffs Besuch tut Beziehungen gut

Die DDR hatte die Grenze 1950 im Vertrag von Görlitz als endgültig als Westgrenze Polens anerkannt. Leicht gefallen war dies gewiss nicht allen Beteiligten. Wilhelm Pieck, späterer Präsident der DDR, wetterte – wenngleich aus Parteidisziplin hinter vorgehaltener Hand - gegen die Teilung seiner Heimatstadt Guben; deutsche Kommunisten, die nach der Befreiung Stettins die Stadtverwaltung leiteten, mussten ihre Posten unter sowjetischem Druck an polnische Stellen übergeben.

In der Wendezeit ließ die Vorbehaltsklausel des Warschauer Vertrags polnische Ängste wiederaufleben. Der Staat, der die Grenze ohne juristisches Wenn und Aber akzeptiert hatte, war dabei, sich selbst das Licht auszuknipsen. Die Bundesregierung unter Helmut Kohl fand sich erst nach einigem Hin und Her bereit, im Zwei-plus-vier-Vertrag auf jegliche Gebietsforderungen zu verzichten.

Es tut den - dessen ungeachtet - immer wieder von Spannungen belasteten Beziehungen zwischen Warschau und Berlin gut, wenn Bundespräsident Christian Wulff mit seinem Besuch in der polnischen Hauptstadt die Bedeutung des Brandtschen Kniefalls bekräftigt. Wulffs Amtskollege Bronislaw Komorowski hat recht, wenn er von einer "Schicksalsgemeinschaft" beider Staaten spricht.

Bleskin.jpg

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen