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Urteil zu "(-)Ossi"-Kritzelei Einheit mit Tupfern

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"DDR" steht handschriftlich auf dem Bewerbungsschreiben.

dpa

Zwischen Rostock und Suhl gab es mehr DDR-Leben, als mancher sich vorstellt. Dass "Ossis" keine eigene Ethnie sind, ist eigentlich klar. Doch wie ist es mit den Deutschen?

"Wir sind ein Volk", mit diesem Ruf zogen Ost- und West-Deutsche vor zwanzig Jahren aus, um aus zwei Deutschlands wieder eines zu machen. Euphorische Zeiten waren das, wir waren alle Brüder und Schwestern.

20 Jahre später klagt eine geborene Ostdeutsche, weil sie sich durch eine "(-) Ossi"-Notiz auf ihren Bewerbungsunterlagen von einem schwäbischen Fensterbauer diskriminiert fühlt. Und weil das mit der Diskriminierung so eine Sache ist, muss man vor Gericht darlegen, in welcher Kategorie man sich jetzt genau zurückgesetzt fühlt.

In Frage kommen ethnische Herkunft, Geschlecht, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter oder sexuelle Identität. Von all diesen Möglichkeiten blieb offenbar die Diskriminierung aufgrund der ethnischen Herkunft. Doch dafür müssen Ostdeutsche erst einmal juristisch als eigene Volksgruppe eingestuft werden.

40 Jahre DDR zu wenig

Aus Sicht von Ethnologen sind die Kriterien relativ klar: Eine Menschengruppe, die kulturell, sozial, historisch und genetisch eine Einheit bildet, ist - kultursoziologisch, nicht biologisch - eine eigene Ethnie, man könnte auch Stamm oder Volk sagen. Dem Ethnologen Wolfgang Kaschuba von der Berliner Humboldt-Universität reichen 40 Jahre DDR eigentlich nicht aus, um den Ostdeutschen den Status eines eigenen Stammes zuzubilligen. Denn homogen war diese DDR eben trotz ihrer Größe oder Kleine nicht.

Zwischen Rostock und Karl-Marx-Stadt (für Wessis: heute Chemnitz), zwischen Konsum und Exquisit, zwischen linientreu und oppositionell gab es mehr DDR-Leben, als manch einer sich heute vorstellen kann. Insofern ist die juristische Einschätzung, dass die "Ossis" keine eigene Ethnie sind, irgendwie nachvollziehbar.

Nur, wenn schon die Ossis kein Volk sind, wie sieht es dann mit den Deutschen aus? Zwischen Flensburg und München, Prenzlauer Berg und Halle-Neustadt, Öko-Bauernhof und Eierfabrik, Ostsee und Alpen ist Deutschland so bunt und verschieden, dass es eine Freude sein kann. Doch dafür sollten wir uns am Anderen freuen - oder es wenigstens aushalten können.

Vielleicht hat die fiese Kritzelei des groben Personalmenschen der schwäbischen Fensterfirma doch ihr Gutes. Vielleicht kann eine Debatte darüber dazu führen, dass wir noch einmal ein wenig von dem empfinden, was vor 20 Jahren aus DDR und Bundesrepublik das neue Deutschland gemacht hat: gemeinsame Wurzeln, eine gemeinsame Sprache, unsere ganz eigene Einheit, mit nord-, süd-, ost-, west- und mitteldeutschen Tupfern.

Quelle: n-tv.de

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