Kommentare

Zwischenruf Jemen: Der Umsturz geht weiter

2wv53013.jpg2092037452953540496.jpg

Auch im Jemen demonstrieren die Menschen für einen Regimewechsel.

(Foto: dpa)

50 Tote bei Auseinandersetzungen in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa, hochrangige Militärs laufen zur Opposition über: Wird der Präsident Ali Abdullah Saleh bald gehen müssen? Wahrscheinlich wird Jemen dem ägyptischen Beispiel folgen.

Nun also der Jemen. Mit dem Übertritt hochrangiger Militärs auf die Seite der Opposition hat das entscheidende Kapitel des Kampfs um die Macht am Golf von Aden begonnen. Einmal mehr zeigt sich, dass Machtwechsel im arabischen Raum – und wohl nicht nur dort – ohne die Armee unmöglich sind. Nach dem jüngsten Massaker in der Hauptstadt Sanaa durch Anhänger von Präsident Ali Abdullah Saleh mit mehr als 50 Toten wird es für ihn immer enger.

Keine militärische Intervention nötig

Wahrscheinlich ist, dass der Jemen dem ägyptischen Beispiel folgt: Saleh übergibt die Macht an einen Militärrat, der möglicherweise sogar von einem Halbbruder geführt wird. Der gehört dem Stamm der Haschid an, aus dem auch Saleh stammt. Auch die Stammesoberen selbst haben sich gegen den Staatschef gestellt.

Diese Lösung garantiert zunächst jene Kontinuität, die für Washington in der strategisch sensiblen Zone unverzichtbar ist: Den Forderungen nach Veränderungen wird Rechnung getragen, ohne dass sich das Land international grundlegend anders positioniert. Auch aus saudischer Sicht ist diese Lösung akzeptabel. Das Wahhabitenkönigreich, das im Jemen oft genug als Regionalpolizist auftrat, braucht Ruhe an seinen Südgrenzen. Im Unterschied zu Libyen wird es wohl keiner militärischen Intervention bedürfen.

Ende der politischen Konflikte?

Fraglich ist, ob damit alle innenpolitischen Konflikte endgültig beendet sind. Der Jemen ist der ärmste der arabischen Staaten. Offiziell liegt die Arbeitslosigkeit bei etwa 35 Prozent. Das birgt weiteren sozialen Sprengstoff. Fraglich ist, wie sich die schiitischen Stämme im Nordosten verhalten. Erst kürzlich gab es heftige Kämpfe mit der schiitischen Houthi-Miliz. Der Jemen gilt als eines der Hauptrückzugsgebiete einer Terrorbande, die sich Osama bin Ladens al-Kaida, zugehörig fühlt.

Hinzukommt, dass sich das bürgerlich-nationalistische Nordjemen erst 1990 mit dem bis dahin staatssozialistischen Süden vereinigt hatte. Benachteiligungen von Südjemeniten sind ab der Tagesordnung. 1994 kam es sogar zu Kämpfen zwischen den Streitkräften von Saleh und Einheiten, die aus der Armee des Südjemen hervorgegangen waren. Die Gefahr eines abermaligen Bruchs zwischen beiden Landesteilen ist groß. Eine "Somalisierung", wie häufig kolportiert, wäre dies allerdings nicht. Nord und Süd haben bewiesen, dass sie auch getrennt als Staaten existieren können. Der sich jetzt abzeichnende Wandel in Sanaa bedeutet bei weitem noch nicht das Ende aller Konflikte.

Bleskin.jpg

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema