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Zwischenruf Katyn: Russlands Kainsmal

Es ist seit Jahrzehnten ein wunder Punkt im Verhältnis zwischen Polen und Russland: Das Blutbad von Katyn. Jetzt reichen sich die Regierungschefs beider Länder die Hand.

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Erst 1990 hatte sich Moskau zur Täterschaft bekannt.

(Foto: dpa)

Der gemeinsame Besuch von Russlands Premier Wladimir Putin und dessen polnischem Amtskollegen an der Gedenkstätte Katyn ist eine historische Wegmarke. Die Ermordung zehntausender polnischer Offiziere und Intellektueller durch Angehörige des Stalinschen Innenministeriums ist das Kainsmal Russlands als Rechtsnachfolger der Sowjetunion.

Das Mal wird nicht verschwinden, aber seine Benennung hilft, die Beziehungen zwischen beiden Staaten wieder zu normalisieren. Gleichwohl werden relativ weniger Einwohner der Russischen Föderation den Auftritt Putins billigen als Polen ihn würdigen. Viele Russen sind empört, dass Katyn wenige Wochen vor dem 65. Jahrestag des Sieges über Hitlerdeutschland auf die Tagesordnung gesetzt wird. Eine Teilnahme Tusks an den Feierlichkeiten am 9. Mai in Moskau wäre in diesem Zusammenhang eine wichtige Geste und würde Versuchen entgegenwirken, Nazideutschland und Sowjetunion auf eine Stufe zu stellen.

Katyn, das als Symbol für Massenerschießungen im April 1940 an mehreren Orten steht, hatte das Verhältnis zwischen beiden Staaten auch in der Zeit nach der Zerschlagung des deutschen Faschismus überschattet. Wenngleich sowohl die sowjetische wie die polnische Nachkriegspropaganda die Morde den Nazis anlasteten, wurde Schritt für Schritt bekannt, wer tatsächlich dahinterstand. Die beiden Regierungschefs ehrten aber nicht nur die polnischen Toten, sondern auch die unweit davon verscharrten sowjetischen Opfer des Stalinschen Terrors. Es ist zu hoffen, dass Russland nun die Archive öffnet, damit die Namen auch dieser Opfer bekannt werden.

Sowohl Warschau als auch Moskau haben begriffen, dass Konfrontation auf allen Ebene nichts bringt. Insofern sind die heutigen Versöhnungsgesten Ergebnis eines zunehmend realpolitischen Herangehens an die bilateralen Beziehungen. Polen hat mit dem Wahlsieg von Viktor Janukowitsch seine großpolnisch-atlantischen Ambitionen auf die Ukraine aufgegeben. Die für Polen so wichtigen Schweinefleischausfuhren nach Russland sind wieder aufgenommen worden. Die Wahrscheinlichkeit, dass Polen im Winter wieder auf russisches Gas verzichten müssen, ist geringer geworden.

Heute begannen die Bauarbeiten an der Ostseepipeline, die Deutschland unter Umgehung Polens mit russischem Erdgas versorgen soll. Die Planungen für die Stationierung US-amerikanischer "Patriot"-Raketen in hundert Kilometer Entfernung vom russischen Kaliningrad gehen weiter. Das frühere formelle Staatsoberhaupt der UdSSR, Michail Kalinin, gehörte zu den Unterzeichnern des Mordbefehls. Das sind die Kehrseiten des Händedrucks im Wald von Katyn.

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Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: n-tv.de

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