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Zwischenruf Korea-Konflikt eskaliert wieder

Der Dauerkonflikt zwischen Nord- und Südkorea geht in eine neue Runde. Kim Jong Il droht mit Atomwaffen. Er nutzt die Eskalation, um von den Problemen seines Landes abzulenken.

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Keine Entspannung: Nordkorea feuert Artilleriegeschosse ins Meer (Archivbild vom 12.02.2009).

(Foto: picture alliance / dpa)

Mit dem Feuer nordkoreanischer Schiffgeschütze in Richtung Süden und den gemeinsamen US-amerikanisch-südkoreanischen Manövern ist der Dauerkonflikt auf der nordostasiatischen Halbinsel in gefährlicher Weise eskaliert.

Unmittelbarer Anlass dafür war der Untergang der südkoreanischen Korvette "Cheonan" Ende März im Gelben Meer. Der Ort der Katastrophe, bei der 46 Menschen den Tod fanden, liegt in einem Gebiet, dessen Grenzziehung zwischen den verfeindeten Seiten umstritten ist. Seit dem Waffenstillstand von Panmunjon 1953 kommt es dort immer wieder zu Zusammenstößen zwischen dem totalitären Norden und dem mittlerweile demokratisierten Süden.

Vergleich zu Tongking 1964

Seoul und Washington machen das Regime in Pjöngjang für den Untergang des 1.200-Tonnen-Kriegsschiffes verantwortlich. Sie stützen sich dabei auf ein Gutachten, das von Experten aus mehreren Ländern erstellt wurde. Kritiker zweifeln die nordkoreanische Urheberschaft an, sprechen von einem Unglück und bemühen den Vergleich mit dem Zwischenfall im Golf von Tongking 1964. Damals sollten nordvietnamesische Schnellboote ein US-Kriegsschiff angegriffen haben. Das erwies sich später als Lüge. Der damalige Präsident Lyndon B. Johnson nahm den vorgeblichen Zwischenfall zum Anlass, Nordvietnam zu bombardieren und den Krieg im Süden auszuweiten.

Johnsons Nachfolger Barack Obama passt die Eskalation insofern ins Konzept, als dass sie die gegenwärtige Welle von Protesten gegen die US-Militärpräsenz auf der japanischen Insel Okinawa abebben ließ. Es wäre der Entspannung zwischen Nord- und Südkorea dienlich gewesen, hätte Japans Premierminister Naoto Kan die historisch überfällige Entschuldigung für die blutige Kolonialherrschaft seines Landes über Korea nicht nur einseitig an die südliche Seite gerichtet.

Ablenkung von inneren Problemen

Für den wirtschaftlich und sozial daniederliegenden Norden ist die Eskalation ein willkommener äußerer Vorwand, von den Problemen im Inneren abzulenken. Absurde Drohungen mit einem "heiligen Krieg" sind – immer noch und immer wieder – geeignet, eine offensichtliche Mehrheit der Nordkoreaner in einem Zustand kollektiven Bedrohungswahns zu halten. Dass der inzwischen offenbar wieder agilere Machthaber Kim Jong Il dabei auch mit dem Einsatz von Atomwaffen droht, verleiht dem Konflikt – auch im eigentlichen Sinne des Wortes – zusätzliche Sprengkraft. Denn auch die USA haben im Süden Nuklearwaffen stationiert.

Am Ende von Zuspitzungen haben immer wieder Verhandlungen zwischen den beiden Korea gestanden. Es spricht wenig dagegen, dass es auch diesmal so kommt. An einem weiteren Kriegsschauplatz sind die USA ebenso wenig interessiert wie Nordkoreas Verbündeter China. Für die 24 Millionen Nordkoreaner aber bedeuten die Spannungen, dass sich nichts an ihrem kargen Leben endet. Nordkorea gibt das Geld lieber für die Armee und Kim Jog Ils "Hennessy" aus.

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Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: n-tv.de

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