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Zwischenruf Machtkampf im Iran voll entbrannt

Der Überfall auf die Botschaft Großbritanniens in Teheran ist Ausdruck eines wachsenden Hasses auf den Westen. Zugleich zeigt der Vorfall, dass der innenpolitische Machtkampf zwischen Präsident Ahmadinedschad und dem "Führer" Khamenei offen entbrannt ist.

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Die Zerstörung nach außen ist Ausdruck des inneren Chaos.

(Foto: REUTERS)

Mit der Erstürmung der britischen Botschaft in Teheran ist ein weiteres, gefährliches Kapitel der Konfrontation zwischen dem Iran und dem Westen aufgeschlagen worden. Anders als 1979 bei der Besetzung der US-Vertretung war diesmal aber nicht ein Aufruf des "Obersten Führers" zur Gewalt vorangegangen. Gleichwohl hätte der Nachfolger des damaligen Scharfmachers Ruhollah Chomeini, Ali Chamenei, als höchste Instanz die behördliche Genehmigung der Proteste vor dem Gebäude der diplomatischen Vertretung verhindern können.

Es ist zum jetzigen Zeitpunkt kaum möglich, die wahren Hintermänner des Überfalls zu benennen. Augenzeugen berichten jedenfalls, dass einige der Beteiligten den Schlägertrupps der Bassidsch-Milizen angehören, die sich bei der Niederschlagung der sogenannten grünen Rebellion 2009/2010 unrühmlich hervorgetan haben. Die Bassidsch sind den "Revolutionsgarden" unterstellt, denen Präsident Mahmud Ahmadinedschad selbst einst angehörte. Die Bassidsch-e Mostasafan, die Mobilisierten der Unterdrückten, wie sie offiziell heißen, sind eine seiner Stützen.

Unmittelbarer Hintergrund für die Brutalität des Mobs war offensichtlich die Verschärfung der Sanktionen gegen das Regime, in deren Folge der internationale Zahlungsverkehr mit der iranischen Zentralbank erheblich erschwert, wenn nicht verunmöglicht wird. London als einem der weltgrößten Finanzplätze kommt dabei eine besondere Rolle zu. Nun drohen dem Iran erhebliche Verluste bei seinen Deviseneinnahmen für Erdgas und -öl. Dies könnte die Ahmadinedschad weiter schwächen. Chamenei hatte jüngst schon sein Missfallen über einer abermaligen Wiederwahl des Präsidenten anklingen lassen. Das Verhältnis zwischen den religiösen Fanatikern um Ahmadinedschad und den noch orthodoxeren Mullahs um Chamenei gilt als zerrüttet.

Ob nun von Ahmadinedschad angezettelt oder nur geduldet, der Angriff auf die Botschaft fällt auf die Regierung und damit auf den Präsidenten als deren Chef zurück. Die Aktion hatte mithin eine außenpolitische - gegen Britannien gerichtete - und eine innenpolitische Dimension. Der Machtkampf im Iran ist in vollem Gange.

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Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: n-tv.de

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