Eine unglückliche Ehe am AbgrundUnion und SPD zur Paartherapie, bitte - und zwar dalli!
Ein Kommentar von Sebastian Huld
An ihrem ersten Jahrestag reden Union und SPD mehr übereinander als miteinander. Der Frust sitzt tief, die Streits sind heftig. Außenstehende empfinden die Beziehung als eher unangenehm, wie Umfragen zeigen. Höchste Zeit, ein paar Methoden der Paarberatung zu beherzigen.
Wenn eine Regierungskoalition eine Ehe auf Zeit ist, muss selbige von Beginn an als ohnehin überschaubares Liebesglück verstanden werden. Das gilt umso mehr für Union und SPD, die mangels alternativer Mehrheiten im Bundestag in die Ehe gezwungen wurden. Nicht von verstockten Eltern wohlgemerkt, sondern vom eigenen Verantwortungsgefühl für Deutschland - sowie von der durchaus vorhandenen Lust der führenden Akteure auf ein Regierungsamt. Ein Jahr nach dem Beinahe-Desaster am Altar (Kanzlerwahl im zweiten Durchgang) zeigt sich: Dieser Partnerschaft fehlt momentan alles, was es zum Eheglück braucht. Keine Lust aufeinander, unerfüllte Erwartungen aneinander, keine gemeinsamen Ziele und Vorstellungen. Die Außenstehenden merken's auch längst: Nur 11 Prozent der Bundesbürger sind mit Schwarz-Rot zufrieden. Die Ehe ist bislang glücklos. Hilft jetzt nur noch Paartherapie? Einen Versuch ist es wert.
Beide Partner müssen zunächst einzeln betrachtet werden: Wo kommen sie her, wo stehen sie, wo wollen sie hin? Die SPD ist die Partnerschaft als gebranntes Kind eingegangen; widerwillig und nach einer demütigenden Wahlniederlage frei von Selbstwertgefühl. Eigentlich hatte sie sich 2021 aus der nicht enden wollenden Umklammerung der Union befreit geglaubt. Von der hässlichen Raupe des ewigen Koalitionsjuniors hatte sich die SPD zu einem roten Schmetterling entpuppt. Sie war jetzt Kanzlerpartei, die in einer komplizierten, aber aufregenden ménage à trois (französisch für Ampel) den Ton angab. Bald aber mussten die Sozialdemokraten erfahren, dass kein noch so großer Wahlerfolg, kein noch so mächtiges Amt ihre innere Zerrissenheit und programmatische Leere füllen konnte. Die strukturellen Probleme der SPD blieben, ihr Kanzlerglück platzte. Schließlich trottete sie zurück in die Beziehung, aus der sie sich befreit zu haben glaubte - unfähig zu lieben, auch weil es an Selbstliebe fehlte.
Innere Leere und Zerrissenheit: Das kannte auch die Union nach 16 Jahren im Zeichen der Raute, glaubte aber im Frühjahr 2025, zu sich selbst zurückgefunden zu haben. Erstmals seit Jahren war die Union wieder längere Zeit "solo" unterwegs, in der Opposition und daher mal so ganz ohne Verantwortung. Sie hatte endlich Zeit für ein wenig Selbstreflexion, konnte den Kopf neu sortieren, sich selbst starkreden - und sich an der dysfunktionalen Beziehung der anderen aufrichten. Ganz klar: Die nächste Beziehung unter Unionsführung würde wieder richtig stark werden und das ganze Land würde wieder erkennen, was es an den beiden Schwesterparteien hat. Denn auch das wurde in der Berliner Rehaklinik "Zur lauten Opposition" aufgearbeitet: CDU und CSU traten nicht länger als gespaltene Persönlichkeit mit zwei zum Teilen widerstreitenden Gesichtern auf.
Beide fühlen sich als Gebende
Damit aber war ein Teil des Unglücks auch schon angelegt: Die SPD wollte sich in einer Beziehung berappeln, auf die sie von Beginn an keine Lust verspürte. Die Union wollte sich in selbiger Beziehung endlich wieder austoben und sie selbst sein können, und war es dann nicht einen Tag lang. Für seinen Platz im Kanzleramt zahlte Friedrich Merz mit seiner Zustimmung zu einer gigantischen Neuverschuldung, damit auch die Sozialdemokraten in die Ehe einwilligten. Manchem in der Union schien es, als müsse hier der Bräutigam die Mitgift zahlen. Seither fühlte sich die Unionsseite des Öfteren über den Tisch gezogen und ihre Zweifel wuchsen - an der Koalition genauso wie am Kanzler und CDU-Vorsitzenden Merz, der all das mit sich machen ließ. Typisch unglückliche Partnerschaft: Auch die andere Seite hat den Eindruck, dass immer nur sie etwas geben muss.
Zugleich wurde mit jeder weiteren Koalitionswoche deutlicher, dass beide Parteien mit unterschiedlichen Erwartungen in die Beziehung gestartet sind, weil ihre Vorstellungen vom guten und richtigen Leben ganz unterschiedlich sind. So unterschiedlich sogar, dass selbst ein schuldenfinanziertes Leben in Saus und Braus die Differenzen nicht zu überdecken vermochte. Und das umso weniger, je mehr die äußeren Umstände - die Wirtschaftsflaute, Trumps Zollchaos und sein Krieg gegen den Iran - den Effekt der Sondervermögen auffraßen. Nun starren beide statt auf wachsende Konjunkturwerte nur auf einen wachsenden Schuldenberg. Und Geldsorgen sind Gift für ohnehin schon wacklige Beziehungen.
Der Ton wird rauer, die Debatten giftiger
Hat es Schwarz-Rot es schwerer als frühere Regierungsbündnisse? Nein, jede Ehe und jede Koalition hat ihre eigenen Herausforderungen. Aber: Nie zuvor drohte das Scheitern einer Beziehung unmittelbar so schwere Verwerfungen nach sich zu ziehen wie diesmal: Das Schreckgespenst der AfD dominiert die Umfragen, inzwischen gar mit deutlichem Vorsprung auf die übrigen Parteien. Union und SPD fühlen sich gefangen in einer Beziehung, weil Neuwahlen in eine für sie noch schlimmere Situation führen könnten.
Zudem nagt der Zuspruch zur AfD gleichermaßen an SPD und Union. Speist sich der Erfolg der Rechtsaußenpartei doch maßgeblich aus dem Milieu früherer SPD-Wähler und kratzt zugleich am Selbstverständnis der Union, alleinige Stimme rechts der Mitte im Lande zu sein. Und je mehr beide Partner an Selbstvertrauen verlieren, desto schneller liegen die Nerven blank. Der Ton wird rauer, die Debatten giftiger. Die Hemmungen, sich auch in aller Öffentlichkeit anzugehen, fallen.
Zuletzt war das immer häufiger zu beobachten. SPD-Chefin Bärbel Bas warnte mit Blick auf die Union vor einem "menschenverachtenden" Sozialabbau. Ihr Co-Vorsitzender Lars Klingbeil bekannte stolz, sich für den Erhalt von Arbeitnehmerrechten vom Bundeskanzler anschreien zu lassen. SPD-Fraktionschef Matthias Miersch sprach Merz mal eben die charakterliche Eignung für das Amt des Regierungschefs ab. Der wiederum ermahnte die SPD bei "Caren Miosga", Kompromisse seien "keine Einbahnstraße". Die Unionsfraktion ließ wissen, wie wenig sie von den nicht vorhandenen Sparbemühungen des Bundesfinanzministers Klingbeil hält. Und Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat den Vizekanzler ohnehin gefressen.
Gebt euch die Liebe, die ihr spüren wollt
Bekommt Schwarz-Rot nicht die Kurve, gehen CDU und SPD bei den Ostwahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern krachend unter. Was dann aus dem Regierungsbündnis wird, vermag niemand seriös vorherzusagen, außer dass die Fliehkräfte unweigerlich größer werden. Am Montag nahmen sich Union und SPD die Zeit, als Fraktionen gemeinsam bei Bier und Beatwurst zusammenzukommen. Quality time in der Partnerschaft ist ja so wichtig! Kommende Woche macht Bundeskanzler Merz der SPD seine Aufwartung und im Sommer wollen die Fraktionsspitzen wieder zwei Tage am Stück verreisen. Nach Würzburg im Sommer 2025 geht es diesmal nach Münster, bestimmt auch wieder in ein schönes Hotel. Zeit füreinander nehmen, miteinander reden, Verständnis für Motive und Sorgen des anderen herstellen, auf gemeinsame Werte und Ziele verständigen: Das sind klassische Ansätze der Paartherapie. Die führen zwar nicht immer zum sofortigen Stimmungsumschwung, können aber langfristig beide Partner einander näherbringen.
Noch besser wäre, beide Seiten würden noch mehr Ansätze aus der Paarberatung beherzigen. Etwa die Regel "Keine Sätze mit 'immer'". Die SPD blockiert immer. Die Union will immer nur die Armen knechten: Union und SPD müssten dringend von solchen Erzählungen herunterkommen, weil diese ja doch nur die eigenen Wähler im Eindruck bestärken, die Koalition tauge nichts. Was dagegen wirklich hilft: Verständnis für die Gegenseite zeigen. Anerkennen, wo sich die andere Seite bewegt, nachgegeben und Kompromisse ermöglicht hat. Das hilft gegen kommunikative Verhärtungen. Denn im Kern wollen doch SPD und Union das Gleiche wie Menschen in einer Partnerschaft: gesehen, geliebt und für ihre Anstrengungen belohnt werden. Schaffen Union und SPD das im Umgang miteinander, muss das zweite Beziehungsjahr nicht das letzte sein. Wer weiß, es könnte sogar noch richtig gut werden.