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Ein neuer Golfkrieg droht Warum die USA im Irak nicht gewinnen können

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US-Präsident Barack Obama schickt eine Elite-Einheit in den Irak.

(Foto: REUTERS)

Die USA diskutieren über die Entsendung von Truppen in den Irak. Das ist ein Fehler. Die Amerikaner fühlen sich für das Land verantwortlich, sie können ihm militärisch aber nicht helfen.

Jetzt also doch Bodentruppen! US-Präsident Barack Obama hatte klar gemacht, er werde keine Soldaten in den Irak schicken. Jetzt sollen 275 Mann die US-Botschaft sichern, weitere Militärschläge behält sich Obama vor. Die Entsendung der Soldaten droht zum Prolog einer weiteren Katastrophe der US-Außenpolitik zu werden.

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Isis-Rebellen nehmen Gefangene. Die Dschihadisten haben in den letzten Tagen mehrere große Städte erobert.

Die USA können die Isis-Rebellen durch Luftschläge an der Eroberung Bagdads hindern. Um die Islamisten dauerhaft in Schach zu halten, müssten sie das Land allerdings erneut besetzen. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die Amerikaner dabei nur verlieren können. Neun Jahre hatte die US-Armee Zeit, dem Irak Frieden und Demokratie zu bringen. Rund eine Billion Euro hatte die Supermacht dafür in die "Operation Iraqi Freedom" gesteckt. Die Bilanz: Etwa eine halbe Million Tote und mehr als drei Millionen Flüchtlinge. Jetzt, drei Jahre nach Abzug der US-Truppen, stehen islamistische Rebellen vor der Hauptstadt, Soldaten der irakischen Armee desertieren zu Tausenden.

Was ist schiefgelaufen? Der Irak hatte zum Zeitpunkt seiner sogenannten Befreiung keine demokratischen Strukturen. Der Sturz Saddam Husseins erzeugte ein Machtvakuum, das die fehlende Zivilgesellschaft nicht füllen konnte. Es brach ein Machtkampf aus zwischen der schiitischen Mehrheit und der benachteiligten sunnitischen Minderheit, in dem sogar Ministerialbeamte versuchten, sich gegenseitig zu ermorden. Die US-Streitkräfte blieben im Land, um die Ordnung wieder herzustellen. Aber gegen den Hass innerhalb der Bevölkerung waren auch sie machtlos. Denn Frieden in einer Gesellschaft kommt von innen und lässt sich nicht mit Gewalt erzwingen.

US-Armee gegen Wüstenkrieger chancenlos

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Afghanische Soldaten unter dem Kommando des Warlords Raschid Dostum.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Das mussten die Amerikaner auch in anderen Konflikten lernen: In Afghanistan sind die Amerikaner beim "Nation Building" gescheitert. Nach der Entmachtung der Taliban beteiligten die USA regionale Warlords an der Macht und bezahlten sie für die Entwaffnung ihrer Privatarmeen. Bis Washington einfiel, dass es die Taliban doch noch gab, und dass die Kriegsherren eigentlich gute Verbündete gegen die Dschihadisten wären. Also erhielten die Warlords abermals Geld und diesmal auch Waffen, um die USA im Kampf gegen die Islamisten zu unterstützen. Das Ergebnis der amerikanischen Afghanistan-Politik: Auch im 13. Kriegsjahr erstreckt sich die Macht der afghanischen Regierung nicht weit über die Stadtgrenzen Kabuls hinaus.

Die US-Regierung hat nicht verstanden, dass die Zeit der militärisch-humanitären Interventionen endgültig vorbei ist – falls es sie je gegeben hat. Denn im Kampf gegen Wüstenkrieger und Dschihadisten hat die moderne US-Armee kaum eine Chance. Die Feinde der USA führen einen asymmetrischen Krieg. Sie stellen sich den USA nicht zur Feldschlacht, sondern zermürben die Truppe mit nadelstichartigen Anschlägen. So vertrieben schon die Vietnamesen die USA aus ihrem Land und auch in Somalia musste die Supermacht das Feld letztlich den Warlords überlassen. Ein wesentlicher Nachteil der US-Streitkräfte: Als demokratische Armee müssen sie sichtbare  Erfolge liefern, sonst ruft die Bevölkerung die Soldaten an den Wahlurnen wieder zurück. Ihre Gegner aber sind in der Lage, den Krieg über Jahre auszusitzen.

Eine Militärintervention kann im Irak also keinen dauerhaften Frieden schaffen. Washington muss seinen Einfluss auf Bagdad nutzen, um dringend notwendige Reformen anzustoßen. So könnte eine Änderung des Wahlrechts zu einer Gleichberechtigung der sunnitischen Minderheit führen und viel Konfliktpotential abbauen. Die internationale Gemeinschaft kann dem Irak beim Aufbau einer demokratischen Zivilgesellschaft helfen und einen Aussöhnungsprozess zwischen den Religionsgemeinschaften finanzieren. Frieden kann nur mit friedlichen Mitteln geschaffen werden.

Quelle: ntv.de