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Ende der "Allmachtsfantasien"? Atomdebatte neu entbrannt

Mit dem schweren Atomunfall in Japan ist der Streit um den Atomausstieg heftig entbrannt. Bundeskanzlerin Angela Merkel kündigt die Überprüfung aller deutschen AKW an. Warum, "wenn sie zuvor als die sichersten der Welt hervorgehoben und für rekordverdächtig lange Laufzeiten auserkoren wurden"? Das sät Misstrauen.

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Japan erlebt eine der größten Katastrophen seiner Geschichte.

(Foto: dpa)

Die Rhein-Zeitung kommentiert: "Der Glaube an die friedliche Nutzung der Kernenergie hat sich als einer der größten Irrtümer der Menschheit erwiesen - für viele schon vor dem Fiasko von Fukushima. Wer jetzt argumentiert, in Japan habe es mit der Dopplung von Beben und Tsunami eine Sonderlage gegeben, wer jetzt darauf verweist, dass Kraftwerkstypen und Meilerstandorte an der Küste Japans nicht mit denen in Mitteleuropa vergleichbar ist, der rast weiter mit Vollgas in eine absehbar endende Sackgasse. Gewissheit war, ist und bleibt: Atomkraft ist nicht verantwortbar - weil sie das Maß dessen übersteigt, was der Mensch beherrschen kann und anrichten darf."

"Union und FDP haben 2009 mit der Laufzeitverlängerung ganz gezielt Wahlkampf betrieben. Keines ihrer Wahlversprechen haben sie so konsequent eingelöst wie dieses", kritisiert die Süddeutsche Zeitung. "Es gibt andererseits wenige Themen, welche die Bürger hierzulande zugleich so emotionalisieren und zur politischen Mobilisierung taugen wie die Atomkraft. Für eine Regierung, die Atomenergie befürwortet, sind das keine guten Nachrichten. Schon gar nicht wenige Tage vor wichtigen Landtagswahlen."

"Angeblich ging die Gefahr bloß von Schrottmeilern im ehemaligen Ostblock aus - wobei schon immer gern verdrängt wurde, dass auch Schweden, Frankreich oder die USA immer mal wieder knapp am Super-GAU vorbeischrammten", erinnert die Tageszeitung aus Berlin. "Das Fanal von Fukushima hat nun deutlich gemacht: Es gibt Situationen, in denen auch dreifache Sicherungssysteme versagen. Dann schlägt das Restrisiko voll durch."

"Nur zu gerne hatte man sich in den westlichen Industriestaaten, zu denen auch Japan zählt, daran gewöhnt, der Stromproduktion mittels Kernspaltung ein 'Restrisiko' zuzubilligen. Darin sah man freilich nur eine theoretische Größe. Praktisch, so die Erwartung, spiele das keine Rolle. Schließlich betreibe man ja keine Reaktoren vom Tschernobyl-Typ, so ein beliebter Hinweis der Politiker", schreibt die Augsburger Allgemeine. "Doch die Havarien in den Reaktoren von Fukushima zeigen, dass auch die Sicherheit westlicher Meiler relativ ist. Weil die Menschheit nicht gelernt hat, das Undenkbare zu denken. Es ist eine Lehre von Fukushima, dass es nicht genügt, die Sicherheitsauslegung technischer Anlagen 'nur' auf solche Gefahren auszurichten, die realistisch erscheinen."

Die Landeszeitung aus Lüneburg mahnt: "Das Ausmaß der Katastrophe in Japan ist noch lange nicht absehbar. Klar ist bisher nur, dass auch die vermeintlich sichersten Atomkraftwerke verwundbar sind. Damit haben die Allmachtsfantasien der Menschen einen Rückschlag erhalten. Die Katastrophe von Japan legt auch eine der größten Schwächen der Menschheit bloß: Das fehlende kollektive Gedächtnis. Der Super-GAU von Tschernobyl 1986 reichte nicht aus, um einen Ausstieg aus dieser Technologie zu bewirken. Nun kündigt die Kanzlerin eine Überprüfung der Sicherheitsstandards in allen 17 deutschen Meilern an. Da stellt sich die Frage, warum die Meiler überprüft werden sollen, wenn sie zuvor als die sichersten der Welt hervorgehoben und für rekordverdächtig lange Laufzeiten auserkoren wurden? So wird kein Vertrauen geschaffen, sondern Misstrauen gesät."

"Aus begründeter Furcht, nun bei den Landtagswahlen vor allem in Baden-Württemberg mit vier AKWs zu verlieren, erklären die Parteipolitiker mit der Kanzlerin vorneweg, man dürfe die Katastrophe nicht parteipolitisch nutzen. Ein frommer Wunsch", kommentiert die Sächsische Zeitung und warnt vor Schnellschüssen in Sachen Atomausstieg: "Schon vor der Katastrophe am anderen Ende der Welt war eine deutsche Mehrheit für den rascheren Ausstieg. Und doch: Wenn Deutschland jetzt unvermeidlich sein Energiekonzept für die Zukunft überdenkt, geht es um mehr. Gas ist knapp und wird auf Dauer nicht reichen. Kohle ist mit dem Klimaschutz nur unzureichend in Übereinstimmung zu bringen. Und die erneuerbaren Energien verschandeln auch Landschaft, führen zu Bürgerprotesten auf dem Land und sind teuer. Die Lösung ist eben auch nicht ganz so simpel, wie sie in manchen Polit-Reden scheint."

Quelle: n-tv.de, Zusammengestellt von Nadin Härtwig

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