Pressestimmen

Papst stellt neue Regeln auf "Das bedeutet harten Tobak für den Vatikan"

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Papst Franziskus ist bekannt für seine Nähe zum Volk und fehlenden Berührungsängste. Nun hat das Kirchenoberhaupt sein erstes Apostolische Schreiben "Evangelii Gaudium" veröffentlicht. Darin finden sich einige Reformen, die aus Sicht der Kirche durchaus als radikal verstanden werden können. Ob sich die neuen Regeln auch in der Praxis umsetzen lassen, bezweifeln einige der deutschen Tageszeitungen.

Das Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung sieht die neuen Reformen noch mit Skepsis: "Nachdem der Papst nun sein Programm vorgestellt hat, darf man gespannt sein, wie er es mit Leben füllt. Wird er den Bischöfen Freiheiten lassen? Hoffentlich." Als die Erzdiözese Freiburg wiederverheirateten Geschiedenen neulich die Hand reichte, habe es Kritik aus dem Vatikan gegeben, schreibt das Blatt. "Dort haben offenbar noch nicht alle begriffen, dass die Zeiten sich geändert haben. Sie sollten 'Evangelii gaudium' lesen."

Auch der Kölner Stadt-Anzeiger ist gespannt auf die ersten Reaktionen. Bislang habe sich Papst Franziskus von den starken Beharrungskräften in seiner Umgebung in seiner theologischen Linie nicht beirren lassen. Es sei ihm zuzutrauen, dass das auch für seinen kirchenpolitischen Kurs gilt, meint die Zeitung. "Sein erstes Lehrschreiben bedeutet harten Tobak für die Falken im Vatikan. Auf sie muss es revolutionär wirken, wenn Franziskus eine 'heilsame Dezentralisierung' und mehr Mitsprache der Ortsbischöfe einfordert." Das bedeute nicht mehr und nicht weniger einen Machtverlust der Kurie – und eine rigorose Abkehr vom römischen Zentralismus, wie er gerade von seinen beiden Vorgängern verfochten wurde. "Wie ernst es Franziskus mit 'neuen Wegen' und 'kreativen Methoden' ist, kann er sehr bald unter Beweis stellen, meint der Kommentator. "Schon bei der demnächst anstehenden Kölner Bischofswahl."

"Dieser Mann ist ein Segen für die katholische Kirche.", schreibt die Pforzheimer Zeitung. Denn Papst Franziskus verleihe der in theologischen Regeln erstarrten Institution endlich wieder ein menschliches Antlitz. Er hole die katholische Kirche heraus aus ihrem klerikalen Elfenbeinturm, in dem sie sich seit Jahrzehnten eingerichtet hat, und führe sie zurück an ihre Wurzel: den einzelnen Menschen und seine Lebenswirklichkeit. "Es kommt einer Revolution gleich", schreibt die Zeitung weiter, "dass er sich eine Hinwendung seiner Kirche zu den sozialen Problemen in der Welt wünscht, sie sogar auffordert, 'auf die Straßen hinaus zu gehen' und sich zu 'beschmutzen'. Das ist Balsam für katholische Seelen, besonders jener vielen, die der Institution den Rücken gekehrt haben."

Das Offenburger Tageblatt honoriert zwar Franziskus Ehrgeiz, doch sieht die Probleme an ganz anderer Stelle: "Während bei Benedikt XVI. die Reformbemühungen immer etwas halbherzig daherkamen, meint Franziskus es anscheinend sehr ernst. Kirche hat immer noch die Macht, in vielen Bereichen Gutes zu tun, durch Seelsorge und Entwicklungshilfe." Dafür bedürfe es eines Papstes, der die richtigen Zeichen setzt, meint die Zeitung, und kommt zu dem Schluss: "Das tut Franziskus. Weg von Prunk und Protz, hin zu den Armen und Vernachlässigten, die Beistand brauchen." Diese Reformen seien schon eine Mammutaufgabe, jedoch "werden Franziskus' Worte bezüglich Politik und Wirtschaft wirkungslos verhallen – leider". Das Blatt bringt das Problem der Reformen auf einen nüchternen Punkt: "Wie recht hat der Papst doch, wenn er von der 'Tyrannei des Marktes' und vom Menschen als 'Konsumgut' spricht. Doch das Primat des Geldes wird andauern."

Zusammengestellt von Hanna Landmann.

Quelle: n-tv.de