Pressestimmen

Plagiatsvorwurf gegen Norbert Lammert "Der Nächste bitte!"

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Die deutschen Tageszeitungen kommentieren die Plagiatsvorwürfe gegen Bundestagspräsident Lammert mit einer ähnlichen Zurückhaltung wie die Opposition und weisen auf Unterschiede zum Fall Guttenberg hin. Diskutiert wird, ob eine Verjährung bei Promotionsplagiaten sinnvoll wäre.

Die Neue Osnabrücker Zeitung sieht den Vorfall zunächst einmal nüchtern: "Ob die anonymen Plagiatsvorwürfe zutreffen, wird sich nicht auf die Schnelle klären lassen - und schon gar nicht in den wenigen Wochen vor der Bundestagswahl." Die Opposition verhalte sich anständig, indem sie zur Zurückhaltung mahne. Auch das Verhalten von Lammert selbst bewertet die Zeitung als "das einzig Richtige". Lammert lasse die Vorwürfe von der Universität Bochum prüfen und stelle seine rund 40 Jahre alte Dissertation ins Netz. So könne sich jeder ein Bild machen. Mehr sei momentan nicht drin. Der Kommentator ist sich sicher: "Für eine Diskussion über die politische Zukunft des Bundestagspräsidenten ist es viel zu früh."

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Ein anonymer Blogger will Plagiate in der Dissertation von Norbert Lammert gefunden haben. Die Uni prüft den Fall.

(Foto: picture alliance / dpa)

Etwas erregter gehen die Westfälischen Nachrichten aus Münster mit dem Thema um: "Der  Nächste bitte!" Lammert dürften die Anschuldigungen auch deshalb schwer treffen, weil er sich "trotz seiner mitunter anstrengenden persönlichen Eitelkeit im ruppigen Parlamentsbetrieb über die Parteigrenzen hinweg den Ruf als moralische Instanz erarbeitet" habe und hohe Wertschätzung genieße. Doch man müsse vorsichtig sein, mit voreiliger Empörung. Die Plagiatsfälle seien alle unterschiedlich zu bewerten, so der Kommentator. "Während Strahlemann zu Guttenberg angesichts öffentlicher Lüge und vorsätzlicher Abschreiberei mit viel Schadenfreude aus dem Amt begleitet wurde, ist der Fall Schavan bereits in anderem Licht zu sehen: Die Prüfung der Vorwürfe läuft noch." Auch bei Lammert bleibe abzuwarten, ob vorsätzlich getäuscht oder womöglich "nur" fahrlässig oder schlampig gearbeitet wurde - und in welchem Umfang.

Das Straubinger Tagblatt schreibt, Lammert habe zwar auf die Vorwürfe reagiert und die Ruhr-Universität um eine Klärung gebeten. "Das Dilemma dabei allerdings ist, dass dabei jene urteilen und richten, deren Verhalten selber auf den Prüfstand gehört." Auch die Universitäten und ihre Professoren seien angesichts der Vielzahl von Plagiatsfällen nicht frei von Schuld, gerade in den 70er Jahren habe offenbar in den sozial- und geisteswissenschaftlichen Fakultäten ein anderer Standard gegolten als heute. Der Kommentator fordert: "So gesehen wäre es Zeit, auch bei Doktorarbeiten eine Verjährungsfrist einzuführen. Andere Vergehen werden schließlich auch nach einer gewissen Zeit nicht mehr verfolgt."

Auch der Mannheimer Morgen befürwortet eine Verjährungsfrist."Man mag zu Recht darüber streiten, ob bald 40 Jahre alte Doktorarbeiten heute eigentlich noch relevant sein dürfen, wenn Verdienste und Lebensleistungen eines Politikers bewertet werden sollen." Solange sich aber die Hochschulen um ihrer wissenschaftlichen Reputation Willen nicht darauf einigen könnten, hier mit einer Verjährungsfrist den Schlussstrich zu ziehen, fänden Plagiatsjäger weiterhin ihre akademischen "Opfer". Der Kommentator vertritt eine klare Meinung: "Wer folgt als Nächstes? Allmählich nimmt die Dezimierung der politischen Klasse durch Netz-Aktivisten groteske Züge an."

Quelle: ntv.de