Pressestimmen

Putin feiert auf der Krim "Russland fühlt sich eingekreist und bedroht"

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Der "Tag des Sieges" wird in Moskau traditionsgemäß mit einer großen Militärparade gefeiert. Doch in diesem Jahr gibt es noch eine weitere Parade: Auch auf der erst kürzlich annektierten Krim lässt Russland die Soldaten aufmarschieren. Die deutschen Tageszeitungen verstehen das allesamt als russische Provokation in Richtung Westen. Man ist sich jedoch nicht sicher, weshalb der Kreml-Chef provoziert.

"Er kann's nicht lassen", meint die Westfälische Zeitung: "Eine Geste der Provokation in Richtung Westen, eine Demonstration nationaler russischer Stärke - nicht glamourös wie noch bei den Olympischen Spielen in Sotschi, sondern eher furchteinflößend wie ein Kalter Krieger. Putin spielt mit den Muskeln, aber auch mit dem Feuer." Das Blatt ist sich sicher: "Er heizt den Konflikt in der Ukraine mit derartigen Manövern nur weiter an."

Auch der Münchener Merkur ist der Ansicht: "Das passt exakt ins provozierende Wechselspiel mit Feuerlöscher und Brandbeschleuniger, das der russische Präsident bisher so virtuos demonstriert hat. Während die Deutschen dem Regisseur im Kreml in einer seltsamen Mischung aus Kriegsangst und Verständnis gebannt zuschauen, fragen sich die westlichen Regierungen, welches Schlusskapitel Putins Drehbuch für das Ukraine-Drama vorsehen mag. Das Referendum droht das Land ins Chaos zu stürzen und zu einer unheilbaren Wunde für Europa und Russland zugleich zu machen. Kann das in Moskaus Interesse sein? An Putins Umgang mit dem Votum wird sich zeigen, ob er 'nur' ein eiskalter Kosten-Nutzen-Rechner ist - oder ein größenwahnsinniger Imperialist."

Aus Putins Sicht sei es "nur konsequent, sich am Ort seines Triumphs zu zeigen und Ovationen entgegenzunehmen", findet die Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Das haben 'Befreier' und Heimholer schon immer so gemacht. Eine Gelegenheit, bei der man den Kampf gegen die 'Faschisten' in der Ukraine in die Tradition des Widerstands gegen Hitler stellen kann, lässt sich ein Meister der Propaganda wie Putin nicht entgehen. Zu seinem Zielen zählt an oberster Stelle die Sicherung seiner Herrschaft, der auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet die Erfolge fehlen. Das suchte Putin mit der Annexion der Krim zu kompensieren."

"Putin hat in Russland Zustimmungswerte, von denen andere Staatsmänner nur träumen können. Dennoch stellt sich die Frage, inwieweit der Präsident bereits ein Getriebener ist", schreibt der Reutlinger General-Anzeiger: "Geht es ihm nicht schon darum, durch martialisches Auftreten die Nationalisten im eigenen Land zu besänftigen?" Die Zeitung glaubt: "Putin reagiert auch deshalb in Sachen Ukraine so heftig, weil er Ansteckungsgefahr für sein Land fürchtet. Die Reaktionen der Separatisten in der Ost-Ukraine auf seinen Vorschlag, das Referendum zu verschieben, zeigen überdies, dass sein Einfluss nicht endlos währt."

Auch die Hessisch Niedersächsische Allgemeine ist sich sicher: "Russland fühlt sich eingekreist und bedroht. Nicht nur ökonomisch von Europäischer Union und militärisch von der Nato, sondern in einem tieferen Sinne von westlichen Werten wie Liberalität und Demokratie. Oder, wie Putin es formulieren würde, von Materialismus und einer fortschreitenden Verweichlichung der Gesellschaft. Die Verfolgung von Homosexuellen ist die innenpolitische Antwort auf diese Ängste, die Destabilisierung der Ukraine die außenpolitische. All dies, so hat es Putin vor Jahren selbst erklärt, habe seinen Ursprung im Zerfall der Sowjetunion, den er für die größte Katastrophe hält. Dieses Trauma bestimmt sein Handeln, macht es nicht entschuldbar, aber doch in einem gewissen Maße verständlich."

Zusammengestellt von Laura Kleiner

Quelle: ntv.de