Pressestimmen

Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr "Wie weit wollen wir gehen?"

Erneut sterben in Nordafghanistan vier Bundeswehr-Soldaten bei Gefechten mit Taliban-Kämpfern. Die Presse macht vor allem eines: Sie stellt Fragen - nach den deutschen Interessen in Afghanistan, nach Alternativen, nach dem Sinn des Einsatzes. Und sie verlangt nach Antworten. Eine Debatte sei dabei unabdingbar und längst überfällig.

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Demonstranten protestieren gegen den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan.

(Foto: dpa)

Die Rostocker Ostsee-Zeitung plädiert trotz und wegen der jüngsten Vorfälle für eine Diskussion über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr: "Die Taliban beherrschen mehr als Panzerfäuste oder Sprengfallen. Sie verstehen auch etwas von psychologischer Kriegsführung. Die Debatte über den Sinn des Einsatzes wird nicht mehr aufzuhalten sein. Genau das ist ihr Ziel - und trotzdem muss diese Debatte geführt werden. Ein Krieg wird nach anderen Regeln als ein Stabilisierungseinsatz geführt. Offensiver und härter." Zeit für Trauer sei ebenso wichtig wie Antworten auf dringende Fragen: "Wie weit wollen wir gehen? Was funktioniert sonst? Kann dieser Einsatz überhaupt ein gutes Ende nehmen, wenn jetzt sogar der im Zwielicht der Korruption stehende afghanische Präsident Karsai den Taliban gibt und die Nato-Truppen als Besatzer schmäht? Heute gehört das Mitgefühl den toten Soldaten und ihren Angehörigen. Morgen geht es um Antworten."

Auch die Hessische/Niedersächsische Allgemeine aus Kassel hält eine Diskussion über den Einsatz für unabdingbar und längst überfällig: "Die Frage, ob die vier Soldaten in einem bewaffneten nichtstaatlichen Konflikt starben oder in einem Krieg, ist für die Hinterbliebenen ohne Belang. Die Trauer überdeckt alles. Die deutsche Öffentlichkeit aber muss ernsthaft die Debatte führen, wie und ob der Afghanistan-Einsatz fortgesetzt werden kann. Zu lange haben sich alle Regierungen seit 2001 in die Lebenslüge geflüchtet, die Bundeswehr sichere ja nur einen zivile Mission militärisch ab. Dass zum Soldatenberuf auch die bittere Realität des Tötens und Sterbens gehört, wurde in einem Land gerne ausgeblendet, das durch zwei Weltkriege eine berechtigte Skepsis gegen alles Militärische entwickelt hat. Der Afghanistan-Einsatz war deshalb stets unpopulär. Das richtige Argument aber, am Hindukusch würden unsere Sicherheit und Freiheit verteidigt, verblasst zusehends. Zumal im Angesicht von immer neuen Toten."

Für die Märkische Allgemeine gibt es vor allem eine zentrale Frage: "Hat Deutschland Interessen in Afghanistan?" Das Blatt aus Potsdam meint: "Die hat es. Die Bundeswehr kämpft nicht für Amerika, Spanien oder die Briten, nur weil Al-Qaida-Anschläge bislang in New York, Madrid oder London stattfanden. Die Bundeswehr kämpft dafür, dass es nirgends mehr Anschläge gibt, auch nicht in Deutschland. Die nächste Frage lautet: Rechtfertigt dies die Gefährdung oder gar den Tod deutscher Soldaten? Darauf kann man nur antworten: Nichts rechtfertigt den gewaltsamen Tod eines Menschen. Am Ende wird jeder für sich entscheiden müssen, ob er es für eine logische Konsequenz hält, denen das Feld zu überlassen, die bewiesen haben, dass sie den Terror in die Welt, nach Bali, Djerba oder Karadschi tragen."

"Wie viele Gefallene hält Deutschland aus?", fragen sich die Nürnberger Nachrichten. "Jedes Todesopfer mehr erhöht den Druck auf die Regierung - und die tut sich hörbar schwer damit, nun endlich ausführlichere Begründungen für die Militärmission in Afghanistan zu liefern. Begründungen, die nicht bloß von den verzweifelt trauernden Angehörigen der Opfer verlangt werden, sondern auch von Bürgern, die am Sinn des Einsatzes zweifeln - und somit natürlich erst recht auch am Sinn des Todes: Wofür sterben deutsche Soldaten denn in Afghanistan? Eine heikle, aber eine durchaus zu stellende Frage." Zweifel gebe es vor allem am Sinn des Militäreinsatzes: "Selbst Regierungsvertreter und hochrangige Bundeswehr-Experten stellen nicht erst jetzt die Frage, ob dieser Krieg überhaupt zu gewinnen ist. Denn es ist ein asymmetrischer Krieg gegen höchst ungleiche Gegner."

Quelle: n-tv.de, Zusammengestellt von Nadin Härtwig

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