Pressestimmen

Rücktritt von Trittin, Künast und Roth "Zeitpunkt zu gehen fast verpasst"

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Es ist eine Zäsur: Die Grünen ziehen nach ihrem Absturz bei der Bundestagswahl drastische personelle Konsequenzen. Die langjährige Führungsriege zieht sich zurück - Parteichefin Claudia Roth sowie die Fraktionsvorsitzenden Jürgen Trittin und Renate Künast erklären den Verzicht auf ihre Spitzenämter. Damit, so könnte man meinen, sei der Weg für eine Neuaufstellung der Partei frei. Doch weit gefehlt, meinen die Kommentatoren der deutschen Zeitungen - sie erkennen bereits das nächste Problem.

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Die Bildkombo zeigt die Spitzenpolitiker von Bündnis 90/Die Grünen, die ihre Parteiämter aufgeben wollen: Claudia Roth, Jürgen Trittin und Renate Künast (o.: l.-r.), als auch deren potenzielle Nachfolger: Katrin Göring-Eckardt, Kerstin Andreae und Anton Hofreiter (u.: l.-r.).

(Foto: dpa)

Für die Süddeutsche Zeitung geht es bei den Grünen "ähnlich rund wie bei der FDP". Denn obwohl sie noch im Bundestag vertreten seien, werde hier "genau so wild zurückgetreten wie bei den Liberalen". Das zeige, so das Blatt aus München, "wie die Grünen ihre Niederlage vom Sonntag empfinden: als eine Schmach", was jedoch "bei einem Ergebnis von 8,4 Prozent weniger mit realen Zahlen als mit überzogenen Erwartungen zu tun" habe.

Die Ursache für den radikalen Umbruch bei den Grünen sieht auch die Saarbrücker Zeitung in den "eigenen hohen Erwartungen" der Partei: "Man wollte einen rot-grünen Regierungswechsel. Rot-Grün aber ist so tot wie eine ägyptische Mumie. Klar ist auch, dass die Ambitionen von Jürgen Trittin auf den Job des Bundesfinanzministers den Grünen schwer geschadet haben. Statt über die Energiewende zu reden, hat man sich in komplizierten Steuerrechnungen verzettelt und viele Wähler damit regelrecht vergrault". Für das saarländische Blatt steht fest: "Ein grüner Neuanfang mit Trittin wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen".

"Die grünen Bäume sind nicht in den Himmel gewachsen, und deshalb ist die sich ankündigende personelle Zäsur richtig", kommentiert das Badische Tagblatt das Geschehen. Dass nun unbekanntere Gesichter wie Anton Hofreiter oder Simone Peter nachrückten, sei gut so, denn: "Vor allem Jürgen Trittin war vor dem 22. September drauf und dran, zu einer ähnlich dominierenden Figur zu werden, wie es in früheren Jahren Joschka Fischer gewesen ist". Einer Partei wie den Grünen, so der Kommentar aus Baden-Baden tue aber "ein solcher Übervater nicht gut".

"Die Partei hat, wie nun auch die Wähler, schon länger unter den immer gleichen Figuren gelitten, die sich für ziemlich unersetzbar hielten", stellt die Frankfurter Rundschau fest. Und so hätten Roth, Trittin und Künast dann auch "den Zeitpunkt zu gehen, fast verpasst". Dessen nicht genug habe die altgediegene Führungsriege "es versäumt, Nachfolger aufzubauen".

Mit Claudia Roth, Jürgen Trittin und Renate Künast zieht sich nach Ansicht des Mannheimer Morgens die Generation zurück, "der die Partei den Aufstieg aus der außerparlamentarischen Opposition in fast alle Parlamente der Republik zu verdanken hat. Eine Generation aber auch, die sich genau deshalb etwas zu sicher gefühlt hat". Denn: "Anders als Trittin dachte, zahlen auch die Anhänger der Grünen nur ungern mehr Steuern. Anders als Renate Künast dachte, essen sie vielleicht gerne fleischlos, aber eben nicht auf Kommando. Und anders als Claudia Roth dachte, tickt die Republik längst nicht so links wie die Parteichefin selbst".

Nach Auffassung der Aachener Nachrichten spricht einiges dafür, den Jungen in der Partei "endlich eine Chance zum Aufstieg zu geben. Doch wer verkörpert diese Generation? Was denkt sie? Wie fühlt sie? Ist sie so bürgerlich wie Cem Özdemir, so stromlinienförmig wie Karin Göring-Eckhardt? Kommen nach den Straßenkämpfern nun die Langweiler? Von diesen Fragen hängt viel ab. Denn eines ist wohl klar: Eine grün angestrichene FDP braucht in diesem Lande niemand. Die Grünen dürfen das, was sie groß gemacht hat, nicht aufgeben: anders zu sein, intelligent und dabei frech und aufmüpfig".

Der Tagesspiegel bricht eine Lanze für all die, "die da jetzt gehen, aus dem Bundestag oder auch nur in die hinteren Reihen, sie alle haben das Deutschland der vergangenen Jahrzehnte geprägt. Roth, Trittin, Westerwelle und natürlich auch die Bürgerrechtskämpferin Leutheusser-Schnarrenberger: Charismatische Figuren voll politischer Leidenschaft, Fixpunkte einer Gesellschaft, die nach Freiheit, Unabhängigkeit und Rechten für Minderheiten strebten. Nicht zu vergessen in diesen Tagen, wo jeder die Große Koalition für ausgemacht hält: Die jetzt gehen, von Trittin bis Westerwelle, waren streitbare Kämpfer für ihre Überzeugungen, bis hin zum Dogmatismus. Und damit Garanten im Streit wider dem gesellschaftlichen Mainstream, das scheinbar 'Alternativlose'. Sie waren wichtig".

Zusammengestellt von Susanne Niedorf-Schipke

Quelle: n-tv.de

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