Ratgeber

"Darf ich mal in die Tasche sehen?" So reagiert man bei Diebstahl-Kontrollen

Wenn einen ein Wildfremder auf der Straße fragt, ob er mal in die Tasche gucken darf, findet man das ziemlich dreist. Anders beim Einkaufen. Da kommt man der Bitte meist nach, um noch peinlichere Situationen zu vermeiden. Warum eigentlich?

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Niemand muss wildfremde Menschen an seine Tasche lassen.

(Foto: imago/Westend61)

Die Kundin steht an der Kasse. Bezahlt. Verstaut ihre Einkäufe. Gerade will sie den Supermarkt verlassen, da geht der Alarm los. Schon eilt ein Mann in Uniform herbei: "Darf ich mal in Ihre Tasche gucken?" Verdutzt hält ihm die Frau ihren Einkaufsbeutel hin. Der Sicherheitsmann möchte jetzt auch noch den Kassenzettel sehen. Der liegt allerdings schon im Mülleimer. Die Kundin ist sich derweil keiner Schuld bewusst und fragt sich inzwischen, ob der ganze Vorgang überhaupt seine Richtigkeit hat. Da wühlt ein wildfremder Mann in ihren Sachen herum. Darf der das überhaupt? Kann sie sich auch weigern?

Klar ist Ladendiebstahl ein Problem für den deutschen Einzelhandel. Je nach Statistik verursachen klauende Kunden Schäden zwischen 1,7 und über 2 Milliarden Euro im Jahr. Gefragt ist alles, was klein und vergleichsweise teuer ist. Im Elektrohandel sind das Smartphones, Konsolenspiele oder Speichermedien. Ansonsten stehen Parfum und Kosmetik, Rasierklingen, Tabak und Spirituosen hoch im Kurs. Kein Wunder, dass viele Märkte solche Waren wegschließen und nur auf Nachfrage herausrücken. Doch diese Vorsichtsmaßnahme reicht allein nicht aus. Kaufhäuser und größere Supermärkte beschäftigen Ladendetektive, die meist auf Provisionsbasis Jagd auf diebische Kunden machen. Securities stehen an den Sicherheitsschleusen von Elektromärkten und Kleiderketten. Wenn es beim Rausgehen piept, sieht auch mal die Kassiererin nach dem Rechten.

Also alle möglichen Leute, die eins nicht sind: Polizeibeamte. Und genau das ist der Knackpunkt. Eine Taschenkontrolle ohne einen ganz konkreten Verdacht ist ein Eingriff in das Persönlichkeitsrecht. Und den darf nur die Polizei vornehmen. Ladendetektive und Shop-Angestellte stehen rechtlich nicht anders da als ein Fremder, dem man auf der Straße begegnet. Und den würde man ja auch nicht die Tasche durchwühlen lassen.

AGB-Klauseln sind ungültig

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Ladendetektive können meist mit Prämien rechnen.

(Foto: imago stock&people)

Manchmal versuchen sich die Geschäfte durch Hinweisschilder abzusichern. Kunden werden dann gebeten, größere Taschen am Eingang abzugeben oder einzuschließen. Ansonsten behalte man sich Kontrollen vor. Oft wird auch auf die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) verwiesen. Beides ist rechtlich nicht haltbar. Firmen können zwar Regeln aufstellen, das bedeutet aber nicht, dass sie dann auch gelten. Eine Klausel, die Taschenkontrollen ohne konkreten Anlass vorsieht, ist eine unangemessene  Benachteiligung von Verbrauchern und damit ungültig. Das hat der BGH schon vor über 20 Jahren entschieden.

Niemand muss sich also von einem Ladendetektiv oder einer Kassiererin in die Tasche gucken lassen. Das darf nur die Polizei. Aber die ist ja in den seltensten Fällen gleich vor Ort. Muss man also dableiben, bis die Beamten eintreffen? Das Sicherheitspersonal wird sich in solchen Fällen womöglich auf Paragraf 127 der Strafprozessordnung berufen, die "Vorläufige Festnahme". Besser bekannt unter "Jedermann-Festnahme": "Wird jemand auf frischer Tat betroffen oder verfolgt, so ist, wenn er der Flucht verdächtig ist oder seine Identität nicht sofort festgestellt werden kann, jedermann befugt, ihn auch ohne richterliche Anordnung vorläufig festzunehmen", heißt es da.

Das Entscheidende steht gleich am Beginn: die "frische Tat". Ein vager Verdacht reicht also nicht. Die Abgrenzung ist aber nicht ganz einfach. Wenn jemand etwas zu langsam durch die Regalreihen geschlichen ist oder sich ohne Einzukaufen an der Kasse vorbeiquetscht, kann man ihm daraus sicher keinen Strick drehen. Wenn die Schleusen beim Rausgehen Alarm schlagen, könnte ein konkreter Verdacht dagegen schon naheliegen. Genauso, wenn der Detektiv mit eigenen Augen beobachtet hat, dass ein Kunde Waren in seiner Tasche verschwinden ließ.

Wie immer bei der Jedermann-Festnahme muss die Verhältnismäßigkeit gewahrt werden. Einen Teenager mit Kabelbinder fixieren, weil der womöglich ein Deo eingesteckt hat, ist natürlich übertrieben. Solche körperlichen Übergriffe sind aber auch die Ausnahme.

Nicht mit ins Hinterzimmer kommen

Und wie verhält man sich nun richtig, wenn man sich nicht von fremden Menschen in die Taschen gucken lassen will? Udo Vetter, Rechtsanwalt und Blogger, rät Betroffenen in der Situation dazu, grundsätzlich auf die Polizei zu bestehen. Wenn kein ganz konkreter Verdacht besteht, ist die Sache damit oft auch schon erledigt und man kann gehen. Schließlich solle die Geduld der Beamten nicht überstrapaziert werden, sagt Vetter: "Wenn die Polizei drei oder viermal kommt und nie etwas findet, kommen die Sicherheitsleute schon in Erklärungsnot".

Während man auf die Polizei wartet, sollte man im Kassenbereich bleiben. "Nie mit ins Hinterzimmer kommen", warnt Vetter. Ladendetektive arbeiteten häufig auf Provisionsbasis. Immer wieder gebe es Fälle, in denen Kunden Waren untergeschoben würden.

Findet die Polizei tatsächlich unbezahlte Ware, gibt es normalerweise eine Anzeige. Bei Ersttätern verläuft die Sache normalerweise glimpflich. Häufig wird das Verfahren eingestellt oder man kommt mit einer geringen Geldstrafe davon. Darüber hinaus bittet einen oft auch noch der Bestohlene zur Kasse. 25 bis 50, manchmal 100 Euro Fangprämie verlangen viele Läden von den ertappten Dieben. Bei teurerem Diebesgut kann es auch mehr sein.

Quelle: ntv.de

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