Reise

Mit dem Rad um die Welt "Man muss die Einsamkeit aushalten können"

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Der Karakorum Highway in Pakistan.

(Foto: Peter Smolka - www.tour-de-friends.de)

Im März 2013 startet Peter Smolka zu einer Weltumrundung mit dem Rad. In viereinhalb Jahren durchfährt er insgesamt 68 Länder. Seit wenigen Tagen ist er zurück in seiner bayrischen Heimat. n-tv.de sprach mit ihm.

Im März 2013 startet Peter Smolka zu einer Weltumrundung mit dem Rad. In viereinhalb Jahren durchfährt der heute 56-Jährige insgesamt 68 Länder. Seit wenigen Tagen ist er zurück in seiner bayerischen Heimat. n-tv.de sprach mit ihm.

n-tv.de: Herr Smolka, wie viele Kilometer waren Sie unterwegs?

Peter Smolka: Es waren exakt 88.000 Kilometer.

Wenn man den Äquatorumfang mit etwas mehr als 40.000 Kilometern als Maßstab für eine Weltumfahrung nimmt, war es eine zweifache Umrundung. Wie kam das?

Ich habe viele Abstecher gemacht. Im letzten Drittel der Reise habe ich meiner Tante im baden-württembergischen Biberach einen Überraschungsbesuch abgestattet. Ich bin dorthin geradelt, obwohl ich in Belgien unterwegs war und als nächstes Ziel Skandinavien vor mir hatte. Zudem habe ich alle zehn Partnerstädte meines Wohnortes Erlangen besucht, um eine Grußbotschaft unseres Bürgermeisters zu überreichen. In der Summe kam ganz schön was an Kilometern zusammen.

Wo waren die Partnerstädte?

Überall auf der Welt verteilt. Die erste, die ich ansteuerte, war das russische Wladimir nahe Moskau, rund 3600 Kilometer von meinem Startpunkt entfernt. Zuletzt übergab ich den Brief des Erlanger Stadtoberhauptes seinem Amtskollegen von Jena. Das war nur zwei Tage vor meiner Ankunft daheim.

Und danach? Können Sie die Etappen Ihrer Welttour kurz umreißen?

Von Wladimir aus durchquerte ich zentralasiatische Länder wie Kasachstan und Usbekistan Richtung Südindien, dann weiter durch Südostasien nach China. In Shanghai habe ich mich eingeschifft, um nach Kanada zu kommen. Ziel war eine kleine Hafenstadt nahe Vancouver.

Zwischenfrage: Warum sind Sie nicht geflogen?

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Unterwegs in Bolivien.

(Foto: Peter Smolka - www.tour-de-friends.de)

Flugangst war es nicht. Die ganze Zeit auf dem Rad in gemächlichem Tempo und dann plötzlich ins Flugzeug – das wäre mir zu schnell gewesen. Ich wollte es langsam angehen. Zwei Wochen Schiffstour gefielen mir besser.

Aha, das leuchtet irgendwie ein. Und wie ging es dann weiter?

Durch Nord- über Mittelamerika in den Süden des Kontinents nach Patagonien. Auch durch Lateinamerika bin ich im Zickzack gefahren und habe immer wieder längere Abstecher gemacht. Zwei Jahre nach meiner Ankunft in Kanada schiffte ich mich wieder ein. Jetzt ging es nach Kapstadt. Vom südlichen Afrika durchfuhr ich den schwarzen Kontinent hinauf nach Ägypten und weiter nach Nahost, genauer gesagt: nach Israel. Von da aus wurde es schwierig.

Warum?

Man kann von Süden her nicht nach Syrien reisen. Ich wäre durch Westsyrien gefahren, Ich hätte es riskiert. Angst hatte ich jedenfalls nicht. Aber man wird nicht reingelassen. Ich bin deshalb über Zypern in die Türkei und von dort aus durch Ost- nach Westeuropa inklusive Großbritannien. Einmal war ich nur 250 Kilometer von Erlangen entfernt. Aber da hatte ich noch Westeuropa und Skandinavien vor mir.

Klingt äußerst anstrengend.

Zum Ende der Reise geriet ich irgendwie in den Forrest-Gump-Trieb.

Woher hatten Sie das Geld für die Reise?

Ich hatte acht Jahre lang gespart und dann meinen Job als Softwareentwickler gekündigt. Ich habe während der viereinhalb Jahre sehr bescheiden gelebt. Ab und an habe ich mit Reiseberichten und -fotos ein wenig verdient. Das deckte allerdings nur einen kleinen Teil der Kosten ab.

Wo haben Sie geschlafen?

Überall, wo man mich ließ und es kostenlos oder erschwinglich war. In Schulen, auf Polizeistationen, in meinem Zelt oder im Freien und in Hostels.

Was war Ihr Antrieb für die Reise?

Ich liebe es, mit dem Rad zu reisen. Schon als Jugendlicher fuhr ich gut drei Wochen durch Schweden und 1982 zur Fußball-WM nach Spanien und wieder zurück. Im Büro halte ich es immer nur eine Weile aus. Dann zieht es mich in die weite Welt hinaus. Außerdem diente die Welttour einem guten Zweck.

Und welchem?

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Smolke Ende 2013 im indischen Bundestaat Goa.

(Foto: Peter Smolka - www.tour-de-friends.de)

Ich habe für Ärzte ohne Grenzen Geld gesammelt. Man konnte Reisepate werden und Kilometer kaufen. Einer kostete 20 Cent. Am Ende kam eine Spende von rund 20.000 Euro zusammen.

Was war Ihr übelstes Erlebnis?

Als mir nach 60.000 Kilometern in einem argentinischen Provinznest das Fahrrad gestohlen wurde. Ich war in einem kleinen Hostel und konnte mein Gefährt nicht mit in den Schlafsaal nehmen. Am frühen Morgen war es weg. Zehn Tage habe ich in dem Städtchen verbracht – das Fahrrad tauchte nicht wieder auf. Ich war total frustriert und wollte aufgeben. Der Zuspruch von daheim war so groß, dass ich mir ein – allerdings recht schlechtes – Fahrrad kaufte. In Kapstadt stellte mir mein Sponsor ein neues Fahrrad zur Verfügung. Damit bin ich den Rest der Strecke gefahren.

Und war es sonst nie gefährlich?

Den gesamten Zeitraum betrachtet, eigentlich nicht. Bis auf einen Überfall in Managua, der Hauptstadt von Nicaragua. Der war der absolute Tiefpunkt in den viereinhalb Jahren. Ich wollte einkaufen gehen, hatte 30 US-Dollar in der Tasche, als mich zwei Typen, einer mit einer Machete bewaffnet, zu Boden warfen und mich nach Geld durchsuchten, das sie nicht einmal fanden. Es dauerte sechs Wochen, bis ich das durch den Überfall ausgelöste Trauma überwunden hatte.

Und was war das schönste Erlebnis?

Die Landschaften von Kasachstan, Kirgisien, Kanada, Patagonien und Schweden, überall dort, wo es sehr klare Luft gibt und einsam ist. Als absoluten Höhepunkt erlebte ich die Salar de Uyuni in Bolivien, die mit mehr als 10.000 Quadrat­kilometern größte Salzpfanne der Erde. Kulinarisch fand ich Indien und Ostasien am stärksten.

Und in welchem Land haben Sie die Bewohner begeistert?

Ganz besonders in Mexiko und Kolumbien. Die Menschen sind dort sehr warmherzig sind. Überall wirst du gefragt: 'Brauchst du was?'

Wie viele Mäntel und Schläuche haben Sie verbraucht?

Acht Mäntel und maximal zehn Schläuche.

Mehr nicht? Das erscheint wenig.

Nein, mehr nicht. Der erste, den ich wechseln musste, hielt 25.000 Kilometer. Da war ich kurz vor Shanghai. Und insgesamt hatte ich nur 30 Mal ein Loch im Schlauch.

Welchen Tipp würden Sie Nachahmern geben?

Abgesehen vom Training: Man muss die tagelange Einsamkeit und Eintönigkeit der Landschaft aushalten können. Heimweh kann auch zermürben. Wer daran krankt, sollte besser kürzere Strecken wählen.

Das Interview führte Thomas Schmoll.

Quelle: n-tv.de

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