Reise

Ochsengespanne und Muskelkraft Meßkirch baut auf Mittelalter

Eine mächtige Kathedrale soll es geben, und alles soll sein wie im Mittelalter: Völlig ohne moderne Maschinen will ein Verein in Meßkirch ein ganzes Kloster aufbauen. Die Bürger hielten das lange für eine Schnapsidee - inzwischen sind viel begeistert von dem Plan. Er soll Touristen anziehen: Ab 125.000 Besuchern pro Jahr ließen sich die Baukosten aus den Eintrittsgeldern finanzieren.

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Modell der geplanten mittelalterlichen Klosterstadt.

(Foto: dpa)

Am Anfang klang es für die meisten wie ein wirrer Traum von ein paar Mittelalter-Freaks: Mit Ochsen und Muskelkraft will ein Verein in Meßkirch (Baden-Württemberg) eine ganze Klosterstadt aufbauen. Zahlreiche Anwohner waren von dem Mammut-Projekt gar nicht begeistert - aber die Stimmung scheint sich zu drehen: Bei einer Bürgerversammlung am Samstagabend kamen von den rund 300 Besuchern viele positive Rückmeldungen für die deutschlandweit einzigartige Baustelle, die jedes Jahr tausende Gäste in die strukturschwache Region locken soll. Schon im kommenden Jahr könnte es losgehen.

Mit Axt, Hammer und Meißel

Mit aller Wucht schlägt Oliver Kachel mit seiner Axt auf einen unförmigen Felsblock, bis nach und nach ein akkurater Mauerstein entsteht. Steinmetze, die wie er noch ganz ohne Maschinen arbeiten, würden auf der Kloster-Baustelle viele gebraucht. Als Kachel bei der Bürgerversammlung zeigte, wie sich mit Axt, Hammer und Meißel Baumaterial für eine ganze Stadt herstelle lässt, waren viele Besucher überzeugt, dass das Projekt tatsächlich klappen kann.

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Steinmetz Oliver Kachel formt aus einem unförmigen Felsblock einen akkuraten Mauerstein.

(Foto: dpa)

70 bis 80 Arbeitsplätze würden entstehen, erzählt Bert Geurten, der Vater der Idee und Vorsitzender des Vereins Karolingische Klosterstadt. Steinmetz Oliver Kachel will auf jeden Fall dabei sein. Im Alltag sei ein Steinmetz heute damit beschäftigt, mit modernen Maschinen Grabsteine oder Küchenplatten herzustellen. Mit seinen eigenen Händen zu arbeiten so wie im Mittelalter, das reizt ihn. "Das ist schon was für die Seele, einen Stein von Hand zu bearbeiten."

Für Historiker und Archäologen wäre die Baustelle eine Sensation, sagt Geurten. In Europa gibt es bislang nur ein vergleichbares Projekt im französischen Guédelon. Zahlreiche Forscher hätten sich bei ihm gemeldet, die die mittelalterliche Baustelle wissenschaftlich begleiten wollen. "Das ist ein Stück Weltkulturerbe", schwärmt Geurten. Seit der gelernte Journalist vor über 40 Jahren ein Modell des Kloster-Bauplans gesehen hat, ist seine Fantasie entfesselt: Er will diese Stadt bauen - nicht als Modell, sondern in Originalgröße auf zwölf Hektar Fläche. Rund 40 Häuser und eine Kathedrale für 2000 Menschen sollen entstehen, und zwar ganz ohne moderne Maschinen.

Experten halten Idee für lukrativ

Während Geurten von der kulturhistorischen Bedeutung des Projekts spricht, denken viele Kommunalpolitiker vor allem an die Touristen, die die Baustelle anlocken könnte. Experten halten den Bau der mittelalterlichen Klosteranlage für durchaus lukrativ. Die Baustelle könnten jedes Jahr mindestens 180.000 Besucher sehen wollen, heißt es in einem Gutachten der Dualen Hochschule Ravensburg, aus dem Bürgermeister Arne Zwick am Wochenende erste Ergebnisse bekanntgab.

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Bert Geurten, Vorsitzender des Vereins Karolingische Klosterstadt.

(Foto: dpa)

Damit wäre die Baustelle innerhalb kürzester Zeit rentabel. Ab 125.000 Besuchern pro Jahr ließen sich die Baukosten aus den Eintrittsgeldern finanzieren, rechnet Geurten vor. In den ersten Jahren, bis diese Grenze erreicht ist, müsste allerdings die Stadt Meßkirch eine Anschubfinanzierung von mehreren hunderttausend Euro leisten. Nicht alle Bürger finden das gut. "Die haben bei der Stadt nicht mal das Geld, die Löcher in den Straßen zu flicken, und hier sind plötzlich ein paar Hunderttausend da", schimpft eine 54-Jährige.

Viel Verkehr für kleinen Ort

Die Menschen im direkt betroffenen Ortsteil Rohdorf sorgen sich außerdem wegen der Verkehrsbelastung. Wenn mehrere tausend Besucher pro Jahr mit Autos und Reisebussen anrücken, dann werde der 850-Einwohner-Ort nicht mehr derselbe sein, sagt eine Anwohnerin.

Trotzdem ist der erste große Protest gegen das Mammut-Projekt in Meßkirch abgeflaut. Auch in den politischen Gremien zeichnet sich eine Mehrheit für die Klosterstadt ab. Entscheidend ist nun, ob die Stadt dem Verein die nötige Anschubfinanzierung zur Verfügung stellt. Die Entscheidung darüber soll in den nächsten Monaten fallen.

Quelle: ntv.de, Marc Herwig, dpa

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