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Wasserleitung für Urlaubsorte Montenegro kämpft gegen Trockenheit

Das Problem an Montenegros Küste an der südlichen Adria traf jedes Jahr auch Hunderttausende Urlauber: Wassermangel legte selbst in Nobelhotels die Leitungen trocken. Wasser gab es seit rund 30 Jahren im Sommer nur stundenweise. Doch nun soll eine neue regionale Wasserleitung für rund 82 Millionen Euro die Probleme endgültig lösen und dem Tourismus Schwung verleihen.

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An der Adria in Becici (Montenegro), im Hintergrund eine im Bau befindliche Tourismusanlage (Foto vom März 2009).

(Foto: picture-alliance/ dpa)

"Grandios und "einzigartig", ein "Jahrhundertwerk für unser Land", nennt der stellvertretende Planungs- und Umweltminister Sinisa Stankovic das Projekt. Feierlich eröffnet werden sollte der erste Bauabschnitt mit 80 Kilometer Leitungen am 15. Juni. Jetzt könnte es wegen kleiner Verzögerungen auch Mitte Juli werden. Doch auf jeden Fall dürften die Touristen in dieser Hauptsaison mit ungetrübten Wasserfreuden rechnen, sagt der Politiker.

Rund 150.000 Menschen leben an der Küste zwischen der Bucht von Kotor im Norden und Ulcinj im Süden. Es ist eine grandiose Karstlandschaft, die aber über wenig Quellen verfügt. Früher konnten sich die Einheimischen mit lokalen Zisternen über den Sommer retten. Doch jetzt machen dort rund 250.000 Gäste regelmäßig Urlaub. 1.600 Liter Wasser pro Sekunde gab es im besten Fall, aber 2.700 Liter werden eigentlich zur ausreichenden Versorgung gebraucht. Die neue Wasserleitung bringt in der ersten Phase genau die fehlenden 1 100 Liter pro Sekunde. Weitere 500 Liter folgen im zweiten Bauabschnitt.

Umweltschützer warnen vor den Folgen

Zoran Bosnjak, Direktor des eigens gegründeten Staatsunternehmens "Regionales Wasserwerk der montenegrinischen Küste", spricht über die Suche nach immer neuen Finanzquellen. Die Weltbank beteiligte sich mit sechs Millionen Euro, die Osteuropabank (EBRD) steuerte 18 Millionen bei. Die Regierung gab 35 Millionen Euro und erst vor kurzem hat Bosnjak mit dem Entwicklungsfonds von Abu Dhabi einen Kredit von 17 Millionen Euro unterschrieben.

Mit diesem Geld wurde nach langer Suche die Quelle "Bessere Schwestern" im Skutarisee (anderer Name: Shkodrasee) angezapft. Der 48 Kilometer lange und 14 Kilometer breite See liegt zwischen Montenegro, zu dem zwei Drittel gehören, und Albanien. Ein 1600 Meter hohes Gebirge schirmt den See zur Adria ab und sorgt für eine schöne Landschaft, die inzwischen zum Nationalpark erklärt wurde. Und genau da setzt die Kritik der Umweltschützer an, die das Absinken des ohnehin stark schwankenden Wasserspiegels befürchten.

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Fischerbbot im Shkodrasee (Skutarisee)

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die Fischer in der Gemeinde Ostros erreicht man nach fast zweistündiger Fahrt auf ungesicherten Hochgebirgswegen, die oft mehr an Wanderwege oder Tiersteige als an Straßen erinnern. Emro Durakovic ist der Ortsvorsteher und gleichzeitig Präsident der Fischervereinigung, der immerhin 32 Mitglieder angehören. Befürchtungen über Auswirkungen der neuen Wasserleitung auf ihren Lebensraum gebe es nicht, meint er. Der stämmige Mann hat ganz andere Sorgen. Hier leben ausschließlich Albaner, die insgesamt 10 Prozent der montenegrinischen Bevölkerung stellen. Und sie sind von der offiziellen Politik augenscheinlich vergessen worden.

Fischfang als einzige Einnahmequelle

Nur eines von acht Dörfern der Kommune hat fließendes Wasser. "Ohne Wasser kein Leben", bringt es Durakovic auf den Punkt. Fast die Hälfte der Einwohner ist in die USA und nach Deutschland ausgewandert. Heute gibt es nur noch 3000 Gemeldete, viele kommen nur am Wochenende aus der Hauptstadt Podgorica. 90 Prozent der Menschen sind arbeitslos. Fischfang ihre einzige Einnahmequelle. Doch die Fänge fallen seit Jahren immer bescheidener aus, berichtet der Dorfchef.

Seit die Grenzmarkierungen mitten im See gestohlen wurden, fischten Albaner von der gegenüberliegenden Seite in montenegrinischen Gewässern, beschwert sich Durakovic. Und das oft mit Dynamit und mit Strom. Die Folge: Auch Jungtiere und laichende Fische werden getötet, die Überfischung bedrohe den gesamten Bestand. Als Alternative sieht er die Förderung des Tourismus. In dieser wild-romantischen Gegend kann man weder übernachten noch gibt es ein Restaurant. "Die ausländischen Naturliebhaber kommen im Sommer mit Zelten und als Selbstversorger", klagt der Mann.

Die neue Wasserleitung zur trockenen Küste entspringt nicht weit entfernt von Ostros auf der anderen Seite des Sees. Die Karstquelle der "Besseren Schwestern" liegt in einem Gebiet mit dem aufschlussreichen Namen "Kleiner Matsch". Hier wird das Trinkwasser direkt in das neue Rohrsystem eingespeist, ohne sich mit dem Seewasser zu vermischen, erklärt Wasserwerk-Chef Bosnjak. Auf dem Seeboden wurde ein Kanal angelegt und darin ein Netz aufgehängt. Darauf kamen die Rohre, damit sie nicht im Morast versinken und stabil bleiben. Auf dem Seegrund laufen heute über neun Kilometer Doppelrohre. Bei einem Schaden soll das zweite Rohrsystem die sichere Versorgung garantieren.

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Kinder waschen ein Auto in Vranjina am Ufer des Shkodrasees.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Bei Virpazar durchsticht die Wasserleitung das Küstengebirge in einem gut vier Kilometer langen Tunnel und mündet in einem Reservoir, das 10.000 Kubikmeter Wasser aufnehmen kann. Von dort läuft ein Strang ins nördliche Budva und einer in die südlich gelegene Hafenstadt Bar. Von Budva geht das Netz weiter nach Tivat an der Bucht von Kotor. Diese Leitung war schon Anfang der 90er Jahre gebaut worden. Doch dann kamen Krieg und Wirtschaftssanktionen, so dass das Projekt bis 2005 auf Eis gelegt werden musste. Dann gab eine Machbarkeitsstudie neue Impulse.

Auch Wasserkraftwerke geplant - Umweltschützer empört

In den vergangenen zwei Jahren wurden die Urlauberorte wie zum Beispiel Petrovac buchstäblich umgekrempelt. Die Strandpromenaden glichen monatelang mehr einer aufgerissen Mondlandschaft, denn Orten der Erholung. Doch das ist inzwischen längst vergessen. Die "Laufstege der Sommerurlauber" präsentieren sich heute blitzblank und warten auf die Gäste.

Nach dem Bau der Küstenwasserleitung nimmt die Regierung ein neues Großprojekt in Angriff. Ministerpräsident Milo Djukanovic hat erst vor wenigen Tagen wieder unterstrichen, zu den neuen Wasserkraftwerken am Moraca-Fluss gebe es keine Alternative. Denn das Land ist chronisch mit Strom unterversorgt. Die Moraca entspringt im montenegrinischen Hochgebirge und stürzt über knapp 100 Kilometer ins Tal, wo sie im Skutarisee mündet. Der erhält 60 Prozent seines Wasser gerade von diesem Moraca-Fluss. Umweltschützer sehen durch das Projekt die Artenvielfalt bei Pflanzen und Tieren bedroht.

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Baustelle einer Tourismusanlage in Becici vor den Toren der Tourismushochburg Budva an der südlichen Adria. (Ende März 2009)

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Regierung will vier Wasserkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 238 Megawatt bauen. Kostenpunkt: 500 Millionen Euro. Damit wäre die landschaftlich spektakuläre Moraca-Schlucht Geschichte. Und es gibt noch ein Problem. Das kleine orthodoxe Kloster "Moraca" am Oberlauf aus dem 13. Jahrhundert wäre bedroht. Das jedenfalls glaubt Bischof Amfilohije und ist strikt gegen die Moraca-Staudämme. "Das Wasser der Talsperre kommt bis zu zwei Meter an die Klostermauern heran", sagt eine der Klosterschwestern. Die wertvollen Fresken, die ältesten 758 Jahre alt, seien in Gefahr, ebenso die Fundamente des Klosters.

An den äußeren Klostermauern entlang stürzt ein Gebirgsbach ins Tal und endet als donnernder Wasserfall in der Moraca. Hier sieht man, dass der Gebirgsboden auch ohne Talsperre schon bedrohlich nahe am Kloster abgestürzt ist. Genau das könnte ein Problem für die Stauseen werden. Deutsche und norwegische Fachleute haben bereits abgewinkt. Die geplanten Talsperren glichen einer "löchrigen Badewanne", weil das poröse Karstgestein die aufgestauten Wassermassen nicht halten könne. Dennoch wollen italienische Firmen das Projekt umsetzen. Sie sind sich ihrer Sache so sicher, dass sie in diesen Tagen schon mal ein 1000 Megawatt-Strom-Kabel durch die Adria legen, um Montenegro mit Italien zu verbinden.

Quelle: n-tv.de, Thomas Brey, dpa

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