Reise

Per Trendgefährt durch die Stadt Wo Berlin "arm, aber sexy" ist

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Stadtführer Müller beim "Deutschen Nationaldenkmal für die Siege in den Befreiungskriegen" auf dem Kreuzberg im gleichnamigen Berliner Ortsteil.

(Foto: dpa)

Warum der Slogan "arm, aber sexy" auf Berlin passt, kann man auf Radtouren erkunden. Sie führen auch dorthin, wo im Sommer die wohl dickste Haschischwolke der Stadt hängt.

Eigentlich fehlt nur noch der fliegende Teppich. Berlin, das vor Touristen summt wie ein Bienenstock, kann man auf viele Arten erkunden: mit dem Trabi, auf Segway-Elektrorollern oder mit dem Ballon. Das große Trendgefährt ist allerdings das Fahrrad. Immer mehr Besucher strampeln auf Hollandrädern oder Retro-Cruisern an Reichstag und Brandenburger Tor vorbei. Die Konkurrenz unter den Anbietern von Gruppentouren wächst. Eine Route führt, Wowereit sei Dank, dorthin, wo Berlin "arm, aber sexy" ist.

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Nikolaiviertel mit der Nikolaikirche, dahinter Rotes Rathaus und Fernsehturm.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Touristen aus Hamburg, Unterfranken, dem Ruhrgebiet und aus der Schweiz sind diesmal dabei. Stadtführer Robert Müller klärt als erstes auf, woher der Titel der Tour kommt. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) wollte in einem Interview ausdrücken, dass seine Stadt trotz knapper Kassen viel zu bieten hat, eben "arm, aber sexy" ist. Heute ist der Spruch heimlicher Werbeslogan der Hauptstadt, vielleicht sogar beliebter als die Imagekampagne "Be Berlin" (Sei Berlin).

Die "Arm, aber sexy"-Tour für 12 Euro ist 18 Kilometer lang und die erfolgreichste, die Müller im Programm hat: "Sex sells." Es geht los im nicht besonders sexy wirkenden Nikolaiviertel am Roten Rathaus, weil dort das Büro ist. Über die tosende Leipziger Straße und an den Reisebussen am Checkpoint Charlie vorbei radelt die Gruppe zur ersten Station, dem Kreuzberg im Viktoriapark. Dort gab es Zeiten, in denen das Geld für den Wasserfall fehlte. Jetzt stören nur Scherben das Idyll auf dem Hügel, Hinterlassenschaften der Partygänger.

Feiernde stören den Feierabend

Durch die Bergmannstraße mit ihren Läden und Cafés und den Chamissokiez im nobleren Teil Kreuzbergs - in dem, wie im Prenzlauer Berg, der "Bionade-Biedermeier", die Fraktion der Ökospießer, wohnt - führt der Weg zur Admiralbrücke am Landwehrkanal. Pfandsammler und Rastazopfträger sitzen in der Sonne.

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Admiralbrücke am Landwehrkanal in Berlin-Kreuzberg: Die denkmalgeschützte Brücke mit ihren Pollern und Gaslaternen wird zum Ärger der Anwohner bei schönem Wetter bis in die Nacht als Partymeile genutzt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Müller deutet auf die Kronkorken im Pflaster und erzählt von der neuen Mode, sich zum Feiern auf Brücken zu setzen. Und vom Streit, der deswegen zwischen Partyszene und Nachbarn herrscht. Ein Vermittler soll helfen. "Wie genau das aussehen soll, ist mir nicht ganz klar", sagt Müller.

Vor der Weiterfahrt in die türkisch geprägte Gegend am Kottbusser Tor bittet er darum, beim Fotografieren Respekt zu zeigen. In der Oranienstraße zeigt Müller auf die ausgewechselten Pflastersteine: Spuren der Krawalle vom 1. Mai. Im Görlitzer Park, über dem an Sommertagen eine Grill- und Haschisch-Wolke hängt, erinnert er daran, wie eine seiner Gruppen eine Drogenrazzia live zu sehen bekam.

Investoren vs. Subkultur

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Abendsonne im Görlitzer Park.

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Nicht nur in Kreuzberg, auch in Treptow und Friedrichshain, lernen die Radler, wie sich Berlin wandelt. Investorenpläne und Subkultur vertragen sich nicht immer. Das ist an der Spree zu beobachten, wo Strandbars und Clubs den Hotels und Büros weichen könnten.

"Abwechslungsreich und informativ" finden die Touristen die Tour, die nicht die schnieken Seiten der Stadt zeigt. "Für den Kudamm-Läufer ist das nichts", sagt Reinhard aus dem Ruhrgebiet. Maurice aus Genf mag es, dass die Route nicht in die Vergangenheit, sondern in die Gegenwart führt. "So etwas gibt es selten."

Am Ende der vier Stunden langen Reise durch das alternative Berlin zeigt Stadtführer Müller noch ein wüst aussehendes Baumhaus, das sich ein Türke am ehemaligen Mauerstreifen aus Laminat, Rohren und Lattenrosten zusammengezimmert hat. "In einer anderen Stadt stünde das nicht mehr."

Quelle: n-tv.de, Caroline Bock, dpa