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Handballer imponieren "60 Minuten den Hintern aufgerissen"

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Furioser Einpeitscher: Torwart-Routinier Johannes Bitter gegen Weißrussland.

(Foto: imago images/Agentur 54 Grad)

Nach der enttäuschenden EM-Vorrunde mit zwei Totalabstürzen melden sich die deutschen Handballer gegen Weißrussland endlich im Turnier an. Der deutliche Sieg wahrt die Halbfinal-Chance - auch wenn DHB-Vize Hanning warnt: "So rosarot wie mein Sakko ist die Lage nicht."

Die Sache begann schon ziemlich schwungvoll, als der Ball noch gar nicht im Spiel war: Kurz vor dem Anpfiff schwang Ersatztorwart "Jogi" Bitter die Arme fünf, sechs Mal wie ein Derwisch gen Himmel, um die Zuschauer mitzunehmen. Und siehe da, die Fans in der Wiener Stadthalle stiegen voll darauf ein. Heimspiel für Deutschland, genau das war das Signal. Ein Fanal, um die Europameisterschaft der Handballer nach der überaus enttäuschenden Vorrunde nun doch noch zu einem versöhnlichen Ende zu bringen. Und nach den weitgehend blutleeren Auftritten im norwegischen Trondheim bedeutete der Umzug in die Alpenrepublik tatsächlich den allseits beschworenen Neuanfang.

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Bitters für alle sichtbares Statement war ein unmissverständliches Zeichen, dass nun alles besser werden würde. Der Umzug tue allen gut, nun werde in voller Halle und vor viel stimmungsvollerer Kulisse alles leichter von der Hand gehen. Das klang erst einmal wie das Pfeifen im Walde, doch die Mannschaft des Deutschen Handballbundes (DHB) ließ den hehren Ankündigungen in der österreichischen Hauptstadt tatsächlich Taten folgen. Am Ende von 60 einseitigen Minuten hatte der Europameister von 2016 das Kräftemessen gegen einen jederzeit unterlegenen Widersacher mehr als deutlich mit 31:23 (18:11) gewonnen und darf sich weiterhin Hoffnungen auf das avisierte Erreichen des Halbfinales machen.

Bundestrainer Christian Prokop, dessen Job bei einer erneuten Schlappe nach der verpatzen EM 2018 endgültig in existenzielle Gefahr geraten wäre, reagierte nach Spielschluss sichtbar erleichtert: "Das war über 60 Minuten sowohl in der Abwehr, als auch im Angriff eine hundertprozentige Steigerung. Genauso müssen wir spielen, wenn wir in diesem Turnier etwas erreichen wollen."

Wie ausgewechselt

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Erleichtert und erlöst: DHB-Coach Christian Prokop.

(Foto: imago images/Agentur 54 Grad)

Mit dieser Einschätzung hatte er hundertprozentig Recht: Das deutsche Team wirkte tatsächlich wie ausgewechselt. Es fing an mit Torhüter Andreas Wolff, der gleich den ersten Wurf auf seinen Kasten entschärfte. Das war weit mehr als eine handelsübliche Parade. Es war eine Befreiung, nachdem einer der besten Keeper der Welt in den Vorrundenpartien gegen die Spanier und die Letten 21 gegnerische Versuche in Folge hinter sich ins Netz rauschen sah. Eine unfassbar schlechte Bilanz, die der betont selbstbewusste Keeper wahrscheinlich seit der E-Jugend bei der SG Ollheim/Strassfeld nicht mehr hinnehmen musste.

Wolff kam entgegen, dass in der Abwehr der so wichtige Mittelblock viel kompakter stand als in den Partien zuvor. Das Paradestück der deutschen Defensive mit Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler agierte endlich wieder so sicher, wie man das von ihr gewohnt ist. Wenn der beim THW Kiel beschäftigte Abräumdienst die gegnerischen Angreifer zur Seite rammte, jubelte die deutsche Bank intensiver als bei eigenen Torerfolgen.

Und spätestens als Pekeler, der eigentlich nur vor dem eigenen Tor aufräumen soll, in der ersten Hälfte noch zwei Tempogegenstöße verwandelte, war allen klar: An diesem Abend könnte die Wende zum Besseren glücken. Und sie glückte.

Endlich kein Totalabsturz

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DHB-Vizepräsident Bob Hanning trug das passende Jackett zu seiner Spielanalyse.

(Foto: dpa)

Alles gut bei den deutschen Handballern? So vorschnell sollte niemand urteilen. Okay, nach dem Totalabsturz aller Systeme im Spiel gegen die Spanier und in der letzten Viertelstunde gegen die Letten war gegen Weißrussland ein klarer Aufwärtstrend erkennbar. Doch damit ist noch lange nicht alles gut. Er habe auch in der äußerst dürftigen Vorrunde "nicht alles schwarzgesehen", betonte DHB-Vizepräsident Bob Hanning nach dem Spiel in der Mixed-Zone, um gleich darauf mit seinem erneut schrillen Outfit zu kokettieren: "Aber so rosarot wie mein Sakko ist die Lage nun auch wieder nicht."

Immerhin, die deutschen Handballer müssen ihr Ziel, bei der EM das Halbfinale zu erreichen, nicht frühzeitig begraben. Die Leistung gegen Weißrussland gibt in vielerlei Hinsicht Mut. Zum Beispiel, dass Prokop nicht nur allen 14 Feldspielern Spielpraxis verschaffte, sondern auch, dass sich alle Akteure in die Torschützenliste eintragen durften. So etwas gibt es nicht alle Tage, und doch mochte der Bundestrainer das nicht überbewerten.

"Mir hat imponiert, dass die Mannschaft sich 60 Minuten lang den Hintern aufgerissen hat", lobte er: "Ich kann viel vorgeben und fordern. Die Jungs müssen selber wissen, was sie für eine EM-Geschichte schreiben können. So viele Möglichkeiten gibt es in der Karriere nicht. Heute haben sie gezeigt, dass sie richtig Gas geben und diese Chance nutzen wollen."

Aber, gab Prokop auch zu Protokoll: Entscheidend sei letztlich, wie sich das Kollektiv bewähre, wenn sich die Kräfteverhältnisse nicht so eindeutig darstellen wie gegen die Weißrussen, sondern das Spiel auf Messers Schneide stehe. Auch Jungstar Timo Kastening, gegen Weißrussland mit sechs Toren bester deutscher Werfer, mahnte: "Ich glaube, wir müssen in allen Bereichen noch eine Schippe drauflegen." Die Probe aufs Exempel wird für die deutschen Handballer nicht lange auf sich warten lassen. Nächster Gegner ist am Samstag (20.30 Uhr/ZDF und im ntv.de-Liveticker) das noch ungeschlagene Weltklasseteam aus Kroatien.

Wer noch einmal detailliert lesen möchte, wie das erste Hauptrundenspiel der EM für die deutschen Handballer gegen Weißrussland verlief, dem sei der Liveticker des Kollegen Till Erdenberger ans Herz gelegt.

Quelle: ntv.de