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Sensation in Wimbledon Auch Federer macht den Abflug

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Federer kann es nicht fassen: Raus gegen den 116.

(Foto: REUTERS)

Die größte anzunehmende Überraschung auf dem Heiligen Rasen von Wimbledon ist perfekt: Rekord-Champion Roger Federer scheitert in Runde zwei am Weltranglisten-116. Sergej Stachowsky. Damit reiht sich der Maestro aus der Schweiz in die Riege der populären Abflieger ein, zu der auch Rafael Nadal und Maria Scharapowa gehören.

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Sergej Stachowsky kann sein Glück kaum fassen. Er peitscht Roger Federer vom Platz.

(Foto: dpa)

Zehn Jahre nach seinem ersten Triumph ist Rekord-Champion Roger Federer bei seinem Lieblings-Grand-Slam in Runde zwei gescheitert. Der siebenmalige Titelträger, der im vergangenen Jahr seinen 17. Majorsieg im All England Club gefeiert hatte, unterlag dem Weltranglisten-116. Sergej Stachowsky (Ukraine) nach 3:00 Stunden 7:6 (7:5), 6:7 (5:7), 5:7, 6:7 (5:7).

Damit endete auch Federers Rekordserie bei den vier weltweit größten Tennis-Turnieren. Seit Roland Garros 2004 hatte der Schweizer nicht mehr vor dem Viertelfinale verloren - damals schlug ihn der Brasilianer Gustavo Kuerten. 36 Mal in Folge stand er unter den besten Acht.

Wer gedacht hatte, das Aus des French-Open-Champion Rafael Nadal (Spanien) am ersten Turniertag sei die größte Sensation gewesen, sah sich in den Abendstunden auf dem Centre Court heftig getäuscht. Niemand hatte mit Federers Pleite gerechnet, vor allem nicht nach dessen Sieg beim Vorbereitungsturnier in Halle/Westfalen, seinem ersten Turniersieg seit zehn Monaten.

Stachowsky bleibt besonnen

Doch Sergej Stachowsky, der in seiner Karriere erst elf Grand-Slam-Matches gewonnen hatte, belehrte die Zuschauer eines Besseren. Mit klassischem Aufschlag-Volley-Tennis, das viele Experten schon ins Reich der Geschichte verbannen wollten, setzte er Federer unter Druck. Der Maestro reagierte ungehalten: Immer häufiger wählte er den Weg durch den Körper seines Gegners, es hatte den Anschein, als versuche er Stachowsky am Netz abzuschießen. Federer kam noch einmal zurück, glich im vierten Durchgang mit seinem ersten Break im gesamten Spiel den frühen Rückstand aus, und hatte sogar einen Satzball. Doch der 27 Jahre alte Außenseiter ließ zu keinem Zeitpunkt nach und verwandelte im Tiebreak seinen zweiten Matchball.

"Ich kann es noch gar nicht glauben, ich bin einfach nur glücklich", sagte Stachowsky: "Wenn man gegen Roger in Wimbledon antritt, spielt man gegen zwei Personen. Gegen Roger selbst und sein Ego, seine Ausstrahlung, die da draußen auf dem Platz ist."

Solch eine schmerzhafte Pleite hatte der 31-jährige Federer seit dem Erstrundenaus 2002 in Wimbledon nicht mehr kassiert, als er dem Kroaten Mario Ancic unterlag. Bereits bei den French Open in Paris war der Rekord-Grand-Slam-Sieger frühzeitig ins Straucheln geraten und hatte sich nur mit Mühe ins Viertelfinale gerettet. Dort unterlag er ohne große Gegenwehr dem Franzosen Jo-Wilfried Tsonga.

Auch Scharapowa scheitert früh

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Maria Scharapowa muss den Rest des Turniers von der Tribüne aus verfolgen.

(Foto: REUTERS)

Weit weniger überraschend war dagegen das Aus von Maria Scharapowa, auch wenn die russische Tennis-Queen an einer Qualifikantin scheiterte. Die Mitfavoritin unterlag Michelle Larcher de Brito (Portugal) 3:6, 4:6, war allerdings zum Ende nicht mehr im Vollbesitz ihrer Kräfte. Dreimal rutschte die Weltranglistendritte, die 2004 ihren ersten Grand-Slam-Titel in Wimbledon gefeiert hatte, auf dem Rasen aus und musste behandelt werden.

Gar nicht antreten konnte Wiktoria Asarenka. Die Weltranglistenzweite aus Weißrussland hatte sich im Erstrundenmatch am Knie verletzt und stieß nach ihrer Absage eine Diskussion über den rutschigen Rasen an. "Der Platz war an diesem Tag in keinem guten Zustand", kritisierte Asarenka: "Meine Gegnerin ist zweimal gefallen, ich einmal schlimm. Etliche andere Spieler sind nachher auch ausgerutscht."

Am dritten Turniertag ging es in Wimbledon so turbulent zu wie selten zuvor in der Historie der bedeutendsten Tennisveranstaltung der Welt. Sieben Profis - darunter die Weltranglisten-Zweite Victoria Asarenka, Nadal-Bezwinger Steve Darcis oder der an fünf gesetzte Jo-Wilfried Tsonga - gaben auf oder zogen verletzt zurück. So viele wie noch nie an einem Tag bei einem Grand-Slam-Turnier. Schadlos hielt sich der britische Hoffnungsträger Andy Murray bei seinem 6:3, 6:3, 7:5 gegen Lu Yen-Hsun aus Taiwan.

Vier deutsche Frauen noch im Rennen

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Für Dustin Brown läuft es rund.

(Foto: dpa)

Weitaus mehr Gegenwehr leistete die mit einer Wildcard gestartete Andrea Petkovic. Erst nach 2:36 Stunden musste sich die Darmstädterin der an Nummer 17 gesetzten Sloane Stephens aus den USA 6:7 (2:7), 6:2, 6:8 geschlagen geben. Von den acht deutschen Damen haben noch Angelique Kerber, Sabine Lisicki, Mona Barthel und Annika Beck die Chance auf den Einzug in Runde drei.

Tränen nach einem "geilen Match"

Vor dem Scheitern Federers hatten die Schlagzeilen des Tages allerdings Qualifikant Dustin Brown gehört. "Ich habe geheult wie ein kleines Mädchen", gab der 1,96 Meter große Mann mit den Rastalocken nach seinem beeindruckenden 6:4, 6:4, 6:7 (3:7), 6:2-Erfolg gegen den ehemaligen Wimbledon-Champion Lleyton Hewitt zu.

Zum ersten Mal schaffte es der 28 Jahre alte Tennisprofi aus Winsen/Aller in die dritte Runde eines Grand-Slam-Turniers, zum ersten Mal durfte er auf dem Podium des größten Interviewraums Platz nehmen. Seine Dreadlocks hatte der Deutsch-Jamaikaner mit einer weißen Wollmütze gebändigt, die untertassengroßen Kopfhörer um den Hals gehängt, als er Auskunft geben sollte über diesen denkwürdigen Tag auf dem Center Court 2 im All England Tennis Club.

"Es war ein geiles Match, es ist ein großartiger Tag", sagte der Sohn eines Jamaikaners und einer Deutschen. In den 2:26 Stunden hatte er die Zuschauer zuvor mit seinem eigenwilligen Spielstil, seinen präzisen Aufschlägen, vor allem aber seiner Dynamik und Power begeistert. "Ich habe mir schon während des Spiels gesagt: Dustin, egal, was heute passiert, heute gewinne ich. Heute ist dein Tag", erzählte er später. Auf seinem weißen T-Shirt war in schwarzen Lettern sein Spitzname Dreddy aufgedruckt, auf der Rückseite stand "Follow me" unter dem Twitternamen des twitterfreudigen Tennisprofis.

Quelle: ntv.de, dpa/sid