"Mannschaft hat sehr gelitten"Beim DHB-Team hat es vor der Explosion ordentlich gekracht

Es hätte alles in einer Katastrophe enden können: Die deutsche Handball-Nationalmannschaft bewegt sich in der EM-Vorrunde am Rande des Abgrunds. Doch statt abzustürzen, holt man sich unter maximalem Druck den maximalen Rückenwind.
Es waren unangenehme 48 Stunden, die sich die deutsche Handball-Nationalmannschaft mit ihrer überraschenden, völlig unnötigen Niederlage in ihrem zweiten EM-Spiel eingebrockt hatten: Nach dem 27:30 (17:13) gegen Serbien habe seine "Mannschaft schon sehr gelitten", verriet Bundestrainer Alfred Gislason. Nach der Pleite sah sich das hoch ambitionierte DHB-Team statt vorzeitig in der Hauptrunde auf einmal am Abgrund zum historischen EM-Desaster.
Der 30-Minuten-Kollaps, während dem die deutsche Mannschaft einen klaren Vorsprung verspielte und schließlich noch derart deutlich unterlag, dass sie vor dem Vorrundenfinale mit dem Rücken zur Wand stand, hat für Ärger gesorgt. Es hat intern ordentlich geknallt. Dann folgte gegen Spanien, als die deutsche Mannschaft unter maximalem Druck stand, die Explosion.
"Wir haben uns zusammengesetzt, wir haben Tacheles gesprochen, wir haben gesagt, was schlecht war, und auch wirklich Kritik ausgeübt", berichtete Linksaußen Lukas Mertens nach dem begeisternden 34:32 (17:15)-Sieg in einer hochintensiven Nervenschlacht gegen das spanische Topteam. Es sei eine kurze Nacht gewesen, sagte Mertens, Teile der Mannschaft hätten sich zuvor im Teamhotel in Silkeborg zur Aussprache getroffen. Er selbst habe "nicht so viel Schlaf bekommen", erst um drei Uhr im Bett gewesen. Torwart Andreas Wolff habe im Team "viele düstere Gedanken" gespürt, "was ein mögliches Ausscheiden betraf. Die Stimmung war sehr angespannt, teilweise geknickt".
"Wir brauchen auch Frust"
Die deutsche Mannschaft, "die beste, in der er je gespielt hat", wie EM-Held Wolff vor Turnierstart gesagt hat, ist gespickt mit wunderbaren Handballern. Wenn sie entfesselt sind und ihre unübersehbare Qualität von innen und außen kanalisiert wird, kann das Team beinahe jeden Gegner überrennen. Für die Steuerung von außen ist Bundestrainer Gislason zuständig, der gegen Serbien selbst gleich mehrere Fehler machte und hinterher hart kritisiert wurde.
Auf dem Feld riss gegen Spanien wieder Juri Knorr die Verantwortung fürs deutsche Offensivspiel an sich. Einer von denen, die Gislason unverblümt eine problematische Leistung vorgeworfen hatte. "Gebrodelt" habe es während der zweiten Hälfte des Serbien-Spiels in ihm, als Struktur, Effizienz und vor allem die Selbstverständlichkeit das deutsche Spiel fluchtartig verlassen hatte - und der hochbegabte Spielmacher zumeist von der Bank zusehen musste.
"Nicht verstanden" habe er diese Ideen seines Trainers, der ihn nun im wichtigsten Spiel der jüngeren deutschen EM-Geschichte wieder von der Leine ließ. Der geladene Knorr lieferte seine eigene Explosion, erzielte fünf Tore und warf sich bis zur Schlusssirene mit großer Verve in jeden Kampf mit der spanischen Abwehr. Auch für den 25-Jährigen, der mit Wut im Bauch ins Spiel gegangen war, war die Tacheles-Nacht von Silkeborg ein wichtiger Baustein auf dem Weg in die Hauptrunde - und vielleicht zu mehr. "Wir brauchen dieses Leben in der Mannschaft, wir brauchen auch Frust, wir brauchen Freude, wir brauchen viele Emotionen, damit sowas wie heute zusammenkommen kann", sagte der 25-Jährige am späten Montagabend. "Wir sind nicht die beste Mannschaft der Welt, wir sind eine gute Mannschaft. Wir brauchen diese Energie."
Spätestens mit der Ansprache am Mittag vor dem Spiel habe Gislason die Stimmung dann aber gedreht, wird aus dem deutschen Lager berichtet. "Ich habe an ihre Stärken appelliert und gesagt, sie sollen es genießen, bei diesem Turnier zusammen zu sein. Das haben sie gemacht", verriet der Trainer. Bei seinem team kam das sehr gut an: "Alfred hat ein paar Sachen angesprochen, die wichtig waren und uns auch abseits des Handballs ein gutes Gefühl gegeben haben. Er hat viele richtige Dinge gesagt", lobte Kapitän Johannes Golla. Und Knorr ergänzte: "Ich habe bei Alfred eine andere Lockerheit gespürt, die hat sich vielleicht auf uns übertragen."
Richtige Antworten
Die Beinahe-Katastrophe hat im deutschen Lager alle Sinne geschärft, die Antwort darauf fiel beeindruckend aus. Gegen Spanien, das Deutschlands Angriffserfolge immer und immer wieder konterte, gab es nahezu im gesamten Spiel keinen Bruch, der überragende achtfache Torschütze Renars Uscins, Knorr, Abwehrchef Julian Köster und Co. rannten 60 Minuten hochtourig dem großen Ziel entgegen. Und welche Idee Gislason auch kam, sie zündete.
Wo der Isländer zuvor noch nicht nur in einer unglücklichen Situation den eigenen Ausgleich zum 26:26 weggebuzzert hatte, sondern auch durch zu wildes Wechseln im zweiten Durchgang die Statik des deutschen Spiels eingerissen hatte, fand er auf jede Herausforderung des Alles-oder-nichts-Spiels, in dem es wohl auch um seinen Job ging, die richtigen Antworten. Die zahlreichen Wechsel innerhalb des Spiels waren aus einer Position der Stärke heraus wohlgesetzt. Am Ende durfte sich der Bundestrainer den Triumph eindeutig auch auf die eigenen Fahnen schreiben - wo er 48 Stunden zuvor noch die Verantwortung für die Niederlage übernommen hatte.
"Können jede Mannschaft schlagen"
In die Hauptrunde startet das auf der Gefühlsachterbahn kräftig durchgerüttelte DHB-Team nun mit der Maximalausbeute von zwei Punkten, das Ziel Halbfinale ist damit am Ende des "Albtraums" (Wolff) Hauptrunde noch verschwommen oder doch wieder gut zu erkennen. In den nächsten Tagen warten mit den unschlagbar scheinenden Dänen, Titelverteidiger Frankreich, Co-Gastgeber Norwegen und Nordmazedonien oder WM-Schreck Portugal vier brutal schwere Gegner auf die deutsche Mannschaft. "Wie phänomenal die Jungs gespielt haben, hat gezeigt, dass sie jede Mannschaft schlagen können. Das ist schön zu sehen", setzte Gislason dem Vertrauen in seine Mannschaft keine Grenzen.
Auch Routinier Wolff, der sich und sein Team vor dem Schicksalsspiel gegen Spanien "unter Druck wie selten zuvor" gesehen hatte, misst dem Leidensweg zwischen Desaster und Triumph eine höhere Bedeutung mit Blick auf den weiteren Turnierverlauf zu: "Dass wir mit einem blauen Auge davongekommen sind, stimmt uns froh und optimistisch, dass wir in der Hauptrunde noch besser spielen und weiter unsere Träume leben können", sagte er. Weil dem Knall eine Leistungsexplosion folgte - und nicht das böse Erwachen.