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WM-Schwimm-Paar Köhler/Wellbrock "Belastend war es definitiv nicht"

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"Je härter es oben in der Höhe geht, desto leichter fällt es einem unten": Sarah Köhler.

(Foto: imago/Insidefoto)

Sie sind schnell, erfolgreich und verliebt: Die Deutschen Florian Wellbrock und Sarah Köhler stehen bei den Schwimm-Weltmeisterschaften im Fokus, die ab Freitag bis zum 28. Juli in Südkorea stattfinden. Im Interview sprechen sie über ihre Ziele, die enormen Erwartungen und über die Frage, wie viel Platz für die Liebe im Leistungssport bleibt. Wellbrock, 21 Jahre alt, will im Freiwasser im Ocean Park von Yeosu über zehn Kilometer das Ticket für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio buchen und eine Medaille holen. Danach kämpft er im Nambu University Municipal Aquatics Center von Gwangju über 800 und 1500 Meter Freistil um Edelmetall. Köhler, 25 Jahre alt, startet ebenfalls aussichtsreich über 800 und 1500 Meter, und sie ist für die 25 Kilometer und die 4x1,25-Kilometer-Mixedstaffel gemeldet.

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Diese Schwimm-WM ist auch ein Fingerzeig für die Sommerspiele im kommenden Jahr. Sind Sie deshalb besonders motiviert?

Florian Wellbrock: Weltmeisterschaften sind immer ein internationales Kräftemessen, egal ob im vorolympischen Jahr oder nicht. Außerdem sind die Olympischen Spiele für mich noch so weit weg.

Sarah Köhler: Ich schaue auch noch nicht nach Olympia. Ich will sehen, wie es jetzt bei der WM läuft, das ist als Herausforderung genug.

Wie ist Ihre Form so kurz vor dem WM-Start?

Wellbrock: Der Einstieg fiel mir etwas schwer, weil ich zuerst einen Wettkampfblock und danach meine schriftliche Prüfung zum Immobilienkaufmann gemacht habe, da ist etwas verloren gegangen. Aber das konnte ich durch das Trainingslager gut kompensieren. Die Daten stimmen.

Köhler: Die drei Wochen in Spanien waren diesmal ganz schön hart, es war alles ein bisschen zäh. Aber es hat sich ja oft gezeigt: Je härter es oben in der Höhe geht, desto leichter fällt es einem unten.

Hat sich das öffentliche Interesse nach Ihrem großen Erfolg bei der EM vor einem Jahr in Glasgow gehalten?

Wellbrock: Direkt nach der EM ist das Interesse natürlich gestiegen. Es gab ein, zwei Fernsehauftritte, und ein paar Zeitungen sind auf mich zugekommen. Manchmal wird man auf der Straße auch erkannt. Aber wir sind keine Fernsehstars, das hält sich alles in Grenzen, und wir können das noch genießen.

Sie wurden als Schwimm-Traumpaar gefeiert. War das auch eine Belastungsprobe für Ihre Beziehung?

Köhler: Das würde ich nicht sagen. Wir waren beide überrascht und können es nicht so recht nachvollziehen, warum das so ein mediales Interesse nach sich zieht. Wir sind auch nur zwei normale Menschen. Aber belastend war es definitiv nicht.

Wie viel Platz hat denn die Liebe bei einer WM oder bei Olympia?

Wellbrock: Wir sind da, um super Rennen zu schwimmen. Das ist unser Job, da muss man professionell sein. Aber nach dem Rennen und dem Ausschwimmen können wir auch ein Pärchen sein.

Haben Sie schon über die Themen Heirat und Nachwuchs geredet?

Wer schwimmt wann?

Wer schwimmt wann bei den Weltmeisterschaften in Gwangju über welche Strecke? Hier geht's zum Zeitplan.

Wellbrock: Wir sind ja erst ein bisschen mehr als zwei Jahre zusammen. Über das ein oder andere wurde schon mal philosophiert, aber nichts ist fest geplant.

Köhler: Vor Tokio kommt so etwas ohnehin nicht infrage, und das Thema Kinder ist sowieso ganz weit weg.

Zehn Jahre nach der höchst erfolgreichen WM von Rom ist das deutsche Schwimmen international nur noch zweitklassig. Was macht Ihnen Hoffnung?

Köhler: Nach den Tiefs der letzten Jahre haben wir jetzt ein paar Leute im Team, die bei einer soliden Leistung eine Medaille mit nach Hause bringen können. Dass wir nicht an Rom anknüpfen können, sollte aber jedem klar sein.

Wellbrock: 2009 war natürlich ein ganz starkes Jahr, keine Frage. Aber wenn man sich 2016 oder 2017 anschaut, dann sind wir jetzt wieder auf einem guten Weg und haben ein recht solides Team am Start.

Die größten Hoffnungen, sowohl im Becken als auch im Freiwasser, ruhen auf Ihren Schultern, Herr Wellbrock. Ex-Bundestrainer Henning Lambertz war kein Fan des Doppelstarts. Wie froh sind Sie, dass in Bernd Berkhahn ihr Heimtrainer zum Team-Chef ernannt wurde?

Wellbrock: Dass Henning Lambertz damals dagegen war, war seine Entscheidung. Jetzt treffen glücklicherweise andere Leute die Entscheidung. Ich glaube, dass es für den Verband das Beste ist, weil ich schon gezeigt habe, dass ich beide Sachen gut drauf habe.

Sie gelten als jemand, den das Duell Mann gegen Mann im Wasser extrem motiviert. Was empfinden Sie dabei?

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WM 2009 in Rom: Paul Biedermann schlägt Michael Phelps.

(Foto: imago sportfotodienst)

Wellbrock: Ich kann mich noch an die WM 2009 erinnern, als Paul Biedermann gegen Michael Phelps geschwommen ist. Das hat mich fasziniert und motiviert. Jetzt schwimme ich zwar nicht gegen Biedermann oder Phelps, aber gegen andere große Namen. Das ist ein tolles Gefühl, das treibt einen jeden Tag an.

Wie ist denn Ihr Verhältnis zu Rivalen wie Gregorio Paltrinieri und Michailo Romantschuk?

Wellbrock: Man gibt auf Instagram sicher nicht zu viel preis, wenn einer mal nachfragt, wie es gerade geht und was man so trainiert. Aber es ist irgendwo schon eine Freundschaft entstanden.

Wir oft klicken Sie noch im Internet auf das Video Ihres EM-Goldrennens über 1500 m Freistil?

Wellbrock: Wenn ich total kaputt bin und überhaupt nicht aus dem Bett komme, dann schaue ich mir morgens das Rennen im Bad nochmal an und weiß: Dafür lohnt es sich zu kämpfen. Feuer frei!

Sind Sie durch diesen Erfolg mit noch mehr Ehrgeiz bei der Sache?

Wellbrock: Ich denke, dass ich auch vorher schon sehr konzentriert und hart gearbeitet habe, ansonsten kommt so ein Erfolg nicht zustande. Aber wenn man Europameister wird, dann macht das Lust auf mehr.

Mit Erfolg wächst auch die Verantwortung. Sind Sie für die Rolle des Vorschwimmers bereit?

Wellbrock: Darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch keine Gedanken gemacht. Ich werde oft gefragt, ob ich jetzt der neue Paul Biedermann bin. Für mich ist das überhaupt nicht relevant. Ich mache jetzt mein Ding, und wenn ich dann in diese Rolle reinfalle, dann ist das so. Wenn nicht, geht für mich die Welt auch nicht unter. Ich mache auf der Tribüne nicht den Hampelmann oder schwinge irgendwelche Reden. Ich hoffe, dass ich so ein Team mit meiner Leistung mitziehen und anspornen kann.

Unmittelbar nach der EM haben Sie öffentlich auch über Ihre bei einem Schwimmunfall verstorbene Schwester erzählt? Musste das mal raus?

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"Ich habe kein so großes Geltungsbedürfnis, dass ich das unbedingt preisgeben musste."

(Foto: imago images / VIADATA)

Wellbrock: Ich habe damals mit dem Reporter über mein Tattoo philosophiert, und dabei ist es mir ein bisschen rausgerutscht. Ich habe kein so großes Geltungsbedürfnis, dass ich das unbedingt preisgeben musste. Aber da kam eins zum anderen, dann hat man darüber gesprochen, und ich habe kein Problem damit. Jetzt ist es raus.

Frau Köhler, auch Sie gehen mit Medaillenambitionen im Becken und in der Team-Staffel im Freiwasser an den Start. Was sind Ihre Ziele?

Köhler: Ich kann nicht sagen: Ich will unbedingt mit einer Medaille nach Hause fahren, denn wenn ich Bestzeit schwimme, aber drei andere sind um ein paar Zehntel schneller, kann ich trotzdem zufrieden sein.

Auf Ihren Strecken ist die Amerikanerin Katie Ledecky quasi unschlagbar. Was macht Sie so stark?

Köhler: "Das ist schon sehr beeindruckend. Sie schwimmt von der Technik und vom Stil her ganz anders als alle anderen Frauen. Die Konkurrenz wird sich in den nächsten Jahren daran orientieren."

Sie Sind auch Athletensprecherin im DSV. Wie sehen Sie die Stimmung innerhalb des Teams nach dem Wechsel von Ex-Bundestrainer Henning Lambertz zu einem Trainer-Kompetenzteam?

Köhler: Ich habe das Gefühl, dass unter den Athleten teilweise mehr Offenheit besteht, dass man eher aufeinander zugeht. Die Stimmung ist besser geworden.

Das liegt sicher auch daran, dass das Beckenteam mit 30 Athleten an den Start geht. Die meisten werden im Vorlauf oder Halbfinale ausscheiden. Ist die Entscheidung trotzdem richtig?

Köhler: Wir können nicht immer nur die mitnehmen, die es ins Finale schaffen. Wir müssen die Leute ja heranführen, wenn wir wollen, dass sie in ein paar Jahren Medaillen holen.

Quelle: n-tv.de, Jörg Soldwisch und Thomas Lipinski, sid

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