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Rückkampf Joshua gegen Ruiz Box-Spektakel schlägt Menschenrechte k. o.

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Im ersten Aufeinandertreffen von Ruiz (links) und Joshua flogen die Fäuste, im Rückkampf gibt es mit den Menschenrechten in Saudi Arabien schon vor dem Gong das erste Opfer.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

Hauptsache Kasse machen. Anthony Joshua hat sich für den Rückkampf gegen Weltmeister Andy Ruiz Saudi-Arabien als Kampfort ausgesucht. Wenn die Saudis ihre Petrodollars regnen lassen, spielen Menschenrechtsverletzungen offenbar keine Rolle. Joshuas Äußerungen erinnern dabei an Franz Beckenbauer.

Der "Kampf auf den Dünen" ist ein wüster Skandal. Gastgeber Saudi-Arabien feiert das größte Box-Spektakel des Jahres, für den Rest der Welt ist der Rückkampf zwischen Weltmeister Andy Ruiz jr. und dem entthronten Champion Anthony Joshua aber ein Spektakel am falschen Ort. Wenn die Schwergewichtler am Samstagabend (22 Uhr MEZ/DAZN) in Dirijah, einem Vorort der Hauptstadt Riad, in den Ring steigen, verschwinden die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen des Königreichs im Schatten neben der von unzähligen Scheinwerfern erleuchteten, eigens errichteten Arena.

Folter als Routine in Gefängnissen, systematische Diskriminierung von Frauen und der schiitischen Minderheit, weltweit mit die meisten Hinrichtungen pro Jahr, der Mord am Journalisten Jamal Khashoggi, der verheerende Krieg im Jemen: Die Liste saudi-arabischer Gräueltaten ist lang. Doch Strahlemann Joshua feuert die Propaganda mit naiven Aussagen zusätzlich an. "Es wird definitiv eine Nacht, von der die Leute ihren Enkeln erzählen werden. Es wird einer dieser ikonischen Boxabende. Die Zusammenarbeit mit den Leuten in Saudi-Arabien war hervorragend", sagte der 30-Jährige und erklärte später gegenüber der BBC: "Ich habe mich hier umgesehen und jeder sah glücklich und gelassen aus. Ich habe nichts Negatives gesehen."

Saudi-Arabien "erledigt politisch guten Job"

Mit diesen Worten kopiert der Boxer fast Franz Beckenbauers Aussage zum Thema der Sklavenarbeit in Katar aus dem Jahr 2013: "Ich habe noch keinen einzigen Sklaven in Katar gesehen. Ich weiß nicht, woher diese Berichte kommen. Ich war schon oft in Katar und habe deshalb ein anderes Bild, das glaube ich realistischer ist." Der damalige Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Michael Sommer, hatte auf Beckenbauer gekontert, dass "wenn ich mich im Emirats-Palast umschaue, dann werde ich sie wahrscheinlich auch nicht sehen". Ähnliches gilt jetzt für den millionenschweren Joshua, der mit seiner Entourage nicht in den ungemütlichsten Hotelbetten schlafen dürfte.

Joshuas Promoter Eddie Hearn ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass der 100 Millionen Dollar teure Kampf in der Wüste steigt. Joshua legte dann auch noch mal nach und sagte, dass Saudi-Arabien "versucht, politisch einen guten Job zu erledigen". Als der Boxer in einem BBC-Interview auf die Missstände und einen Rüffel von Amnesty International angesprochen wurde, schien er die internationale Hilfsorganisation gar nicht zu kennen. "Das ist interessant", sagte Joshua, "ich weiß nicht viel über Amnesty, weil ich die meiste Zeit damit verbringe zu trainieren." Selbst der aktuelle WBO-, IBF- und IBO-Weltmeister sowie WBA-Superchampion Ruiz musste sich dem Diktat Joshuas und Hearns beugen. "Wir müssen in Saudi-Arabien antreten und uns nach den Anweisungen von Joshuas Promoter richten", klagte Ruiz-Trainer Manny Robles. So musste Ruiz nach seiner Ankunft in Riad einen Zeitunterschied von 13 Stunden zu seiner Heimat Kalifornien verarbeiten. Beim Briten Joshua waren es nur drei.

"Joshua ist überbewertet"

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Trotz offensichtlicher Vorteile ist der einstige Klitschko-Bezwinger Joshua weit davon entfernt, als haushoher Favorit in den Kampf zu gehen. Das war beim ersten Duell Anfang Juni noch anders, als der als "Dickerchen" verspottete Ruiz als Ersatzgegner eingesprungen war und Joshua im Madison Square Garden in der siebten Runde durch Technischen K.o. besiegt hatte.

Sechs Monate später hat Ruiz satte 7,6 Kilogramm zugenommen und sieht immer noch wie ein pummeliger Schuljunge aus. Doch die vier Niederschläge von New York dürften sich in Joshuas Hirn gebrannt haben, auch wenn dieser auf cool macht: "Ich werde einfach gewinnen. Dieses Mal werde ich es nicht verbocken. Ich habe keine Angst." Ruiz hält sich dagegen lieber zurück. "Ich weiß, dass AJ vorbereitet sein wird, also werde ich achtsamer sein. Ich möchte diese wunderschönen Gürtel nicht abgeben", sagte der 30-Jährige. Promoter-Legende Bob Arum geht da einen Schritt weiter: "Joshua ist überbewertet. Andy wird wieder gewinnen."

In der Tat bringt der deutlich kleinere Ruiz mit seiner Straßenkämpfer-Attitüde viele Dinge mit, die Joshua nicht schmecken. Er sucht permanent den Infight, hat sehr schnelle Hände und ist dank seiner Masse stabil. Joshua hat zwar die um 20 Zentimeter größere Reichweite, ließ sich aber im ersten Duell in den Infight locken. Die unmittelbare Konkurrenz der Boxer ist sich jedenfalls einig, dass Ruiz aus dem Kampf erneut als Sieger hervorgeht. "Im ersten Kampf habe ich als Boxer einige alarmierende Dinge gesehen", sagte WBC-Champion Deontay Wilder: "Und wenn es dieses Momentum auch im zweiten Kampf gibt, wird Andy locker gewinnen. Wenn er gewinnt, könnte es zwischen uns einen Vereinigungskampf geben." Gewohnt drastischere Worte fand Tyson Fury. "Dieser fette Typ ist mit drei Wochen Vorbereitung einfach dahingekommen und hat ihn in sieben Runden platt gemacht. Dieser Kampf wird ähnlich wie der erste laufen", sagte der Klitschko-Bezwinger und zitierte Mike Tyson: "Jeder geht mit einem großartigen Plan in den Kampf, bis er das erste Mal einen Schlag ins Gesicht bekommt."

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Der wirkliche Gewinner heißt Saudi-Arabien

Letztlich spielt es keine Rolle, wie der WM-Kampf ausgeht. Denn einer der Gewinner ist bereits im Vorfeld Saudi-Arabien. Das Land hat - wie zuvor andere Nationen - gezeigt, dass man sich Glanz und Gloria ohne Hinderlichkeiten einfach kaufen kann, wie Menschenrechtsverletzungen hin oder her. Oder wie Joshua-Promoter Hearn es ausdrückte: "Saudi-Arabien gibt verdammt viel Geld aus. Man kann das entweder annehmen oder der ganzen Sache den Rücken kehren und der Idiot sein." Sportwashing nennt man das. Joshua sagte, hätte er das Gefühl ausgenutzt zu werden, dann hätte er sich es zweimal überlegt mit dem Kampfort. Hat er aber nicht.

Knapp sechs Monate vor dem Kampf hatte noch jemand anders in Saudi-Arabien etwas zu feiern. Loujain al-Hathloul, eine der prominentesten Frauenrechtlerinnen des Landes, feierte Ende Juli ihren Geburtstag - und zwar im Gefängnis. Laut Amnesty International darf sie ihre Familie nicht sehen, erhält keine anwaltliche Unterstützung und ob sie gefoltert wurde, bleibt unaufgeklärt. Das Zeigt, wie grausam der Wüstenstaat Menschenrechtsverteidiger behandelt. Viele weitere Menschenrechtler wurde inhaftiert seit Kronprinz Mohammed bin Salman die Macht übernahm. Vielleicht hat Joshua deshalb kein unglückliches Gesicht auf der Straße gesehen.

Quelle: ntv.de, dbe/dpa