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Großevents sind sein FachgebietDer Maestro der olympischen Zeremonien

01.01.2026, 12:44 Uhr A. Affaticati 1Von Andrea Affaticati, Mailand
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Vielleicht können wir etwas von Marco Balich lernen? (Foto: FILIPPO AVANDERO)

Marco Balich ist seit fast drei Jahrzehnten in der Branche der Großevents tätig. Das ist seine 17. olympische Zeremonie. Verraten darüber darf er nichts, legt aber ein paar Fährten. Und von offizieller Seite gibt es auch zwei Hinweise.

Seit zwei Jahren arbeitet Marco Balich an der Eröffnungszeremonie der Olympischen Winterspiele Milano - Cortina 2026, die am 6. Februar im Mailänder Fußballstadion stattfinden wird. Großevents sind sein Fachgebiet. 16 olympische Eröffnungs- oder Abschlusszeremonien hat er schon organisiert oder mitorganisiert. Darunter Rio de Janeiro 2016, Tokio 2020 sowie die Winterspiele in Salt Lake City 2002, Turin 2006 und Sotschi 2014. "Die jetzige wird aber meine letzte sein", sagt Balich ntv.de. "Zeremonien für Olympiaden sind das Schwerste, was man überhaupt organisieren kann." Sie müssen bezaubern, ein Fest einzigartiger Kreativität sein, weiter müssen sie das Gastland auf eine unvergessliche Art und Weise darstellen. Und das alles einem strikten Protokoll folgend. Außerdem ist es das Spektakel mit der höchsten Zuschauerzahl.

Balich, 63 Jahre alt, ist ein stattlicher Mann mit einem sehr lebhaften Auftreten. ntv.de trifft ihn im Mailänder Viertel San Marco, nicht weit von der Kunstakademie Brera. Hier, wo einst einer der Navigli-Kanäle floss, befindet sich der Sitz des "Balich Wonder Studio", das Unterhaltung in Echtzeit produziert. Da er aber weltweit gefragt ist, gibt es Niederlassungen auch in Paris, New York, Riad und Dubai.

Balich stammt aus Venedig, wo auch seine Karriere begann. Das erste Event, an dem er mitarbeitete, war das bekannte und seinerzeit sehr umstrittene Konzert von Pink Floyd in seiner Heimatstadt 1989. Lange Zeit war er Tourmanager wichtiger internationaler Bands wie U2 und Simple Minds. Er produzierte Videoclips für italienische Sänger und beteiligte sich an der Organisation des "Heineken Jammin' Festival", ein dreitägiges musikalisches Großevent, das von 1998 bis 2012 im Sommer in Italien stattfand. Und dann kam eines Tages die Einladung, an dem Ausschreiben für die olympischen Zeremonien teilzunehmen.

Harmonie ist das Bindeglied

Natürlich möchte man von ihm Details über die anstehende Eröffnungsfeier, pardon, Zeremonie, so heißt das richtig, erfahren. Doch außer dem Konzept verrät er nichts. "Das darf ich nicht", sagt er verschmitzt. Immerhin - das Konzept heißt "Armonia": "Für die eine oder den anderen mag Harmonie eine leere Worthülse sein, dem ist aber nicht so."

Auf das Konzept ist man auch deswegen gekommen, weil diese Winterspiele an zwei grundverschiedenen Orten stattfinden werden. "Mailand steht für Stadt, Cortina für Berg", so Balich. "Mailand ist der Mensch, Cortina die Natur. Und heutzutage brauchen wir mehr denn je Harmonie zwischen Mensch und Natur." Sollte nämlich einer der zwei die Oberhand gewinnen, würde es für den anderen schlecht aussehen. Und auch die Kulturen und die Länder müssten in der aktuell sehr chaotischen Zeit Harmonie und Dialog pflegen. Eine olympische Zeremonie ist demzufolge ein grandioses Spektakel, aber kein weltfremdes.

Balich verrät zwar nichts, legt aber hier und da kleine Fährten. Zum Beispiel, wenn er darauf hinweist, dass Mailand die Stadt der Mode und des Designs ist. "Mit unserem Willkommensgruß an die Welt möchten wir die Schönheit und die Fantasie, die Italien kennzeichnen, auf eine originelle und prägende Weise darstellen." Was man aus offizieller Stelle weiß, ist, dass eine Hommage an den vor kurzem verstorbenen Modeschöpfer Giorgio Armani vorgesehen ist und dass Mariah Carey auftreten wird.

Ein 410 Kilometer langer Spagat

Diesmal war die Organisation der Zeremonie besonders herausfordernd und wird es bis zum Ende bleiben. Die Spiele finden nämlich an vier Orten beziehungsweise auf vier Gebieten statt. Neben Mailand und Cortina d'Ampezzo auch im lombardischen Skigebiet Livigno und in dem zum Trentino gehörenden Predazzo.

Zwischen Mailand und Livigno liegen 410 Kilometer. Eine Entfernung, die es einigen Athleten unmöglich machen wird, bei der Eröffnung in Mailand zu sein. Vor allem, wenn am Tag danach eine Abfahrt in Livigno oder ein Schanzenspringen in Predazzo ansteht. "Wir wollen aber, dass alle 93 Länder bei der Eröffnungszeremonie die gleiche Visibilität haben", erklärt Balich. Deshalb wird man auch Delegationen sehen, die in Livigno oder Predazzo auftreten. Es gibt ja Staaten, die nur einen oder zwei Athleten haben und die sich dort befinden. Und hier kommt die zweite Fährte, wenngleich eine eher kryptische: "Man stelle sich eine Modeschau vor, die auf vier verschiedenen Laufstegen stattfindet, aber immer vom selben Standpunkt gesehen wird."

Balich erinnert an den Sinn der Spiele, den Frieden unter den Völkern zu fördern, und nennt in diesem Zusammenhang auch den "Olympic Truce", den Waffenstillstand. Diese noch aus den Spielen des antiken Griechenlands entnommene Tradition sollte allen Beteiligten Sicherheit bei Anreise, Abreise und Aufenthalt garantieren.

Sotchi, Krim, Russland

Unter dem Franzosen Pierre de Coubertin, der die Spiele 1894 wieder ins Leben gerufen hatte, wurde sie zu einer kodifizierten Regel. Das Land, das die Spiele organisiert, verpflichtet sich, währenddessen keinen Krieg zu führen. Balich muss an die Winterspiele in Sotschi denken. "Die Russen haben einen Tag nach der Abschlusszeremonie die Krim überfallen. Das war schrecklich."

Ganze zwei Jahre arbeiten er und sein hochkarätiges Team an dem Event. Teil der Mannschaft sind der Theaterregisseur Damiano Michieletto; Lulu Helbacek und Simone Ferrari, beide schon im Produktionsteam des Cirque du Soleil; Andrea Farri, einer der bekanntesten Soundtrack-Komponisten, und Lidia Castelli, die mit Balich zusammen schon mehrmals an der Spitze der künstlerischen Leitung von Shows und olympischen Zeremonien stand.

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Halt, mehr erzähl' ich nicht! (Foto: FILIPPO AVANDERO)

Und dann sind da noch die 4000 und mehr Freiwillige, die teilnehmen werden. "Diese Zeremonien leben von den Freiwilligen", sagt Balich. "Das sind Leute unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Beschäftigungen, Schüler einer Tanzschule, aber auch ein Metzger." Für diese heißt es Kleider, Schuhe, alles, was gebraucht wird, zu organisieren. Aber nicht nur: "Hinzu kommen die Proben. Wenn ich die Figur einer Person darstellen will, brauche ich insgesamt 600 Leute. Davon bilden 50 ein Bein, weitere 50 das zweite. Für den Rumpf brauche ich andere, und so geht's weiter. Das ist eine Riesenchoreografie." Jetzt hat sich Balich doch verplappert! "Sicher nicht", antwortet er. Das Treffen ist zu Ende, die Neugierde ist aber nicht getilgt. Das heißt abwarten. Sind eh nur noch wenige Wochen.

Quelle: ntv.de

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