Sport

"Phänomen" Lesser macht Schluss Der ehrlichste Biathlet der Welt

imago1010755965h.jpg

Eine lange Karriere geht zu Ende.

(Foto: IMAGO/Bildbyran)

Die Konkurrenz fällt vor ihm auf die Knie, der König gratuliert, die Teamkollegen feiern ihr "Phänomen": Erik Lesser dreht auf der allerletzten Weltcup-Station seiner Karriere noch einmal richtig auf. Er tritt ab, wie es zu ihm passt: gut sichtbar und mit herrlichen Sprüchen auf den Lippen.

Der allerletzte Schuss trifft ins Schwarze, Erik Lesser greift ein letztes Mal nach dem Stehendschießen seine Stöcke und springt von der Schießstandmatte. Die Fans auf der vollbesetzten Tribüne in Oslo machen kräftig Lärm, doch der Deutsche will noch mehr. Beim Rauslaufen aus dem Stadion pusht er die Zuschauer, feuert sie mit rudernden Armen an. Als Dritter geht er auf die letzte Runde in seinem finalen Biathlon-Rennen. Das Adrenalin, die Euphorie, sie sind voll da.

imago1010758759h.jpg

Auch Johannes Thingnes Bö verabschiedet sich.

(Foto: IMAGO/Bildbyran)

Auch bei seinen Freunden und (Ex-)Teamkollegen Arnd Peiffer und Benedikt Doll. Der eine ist extra nach Norwegen gereist, um dabei zu sein, wenn sein Freund und Podcast-Kollege seinen Abschied gibt, der andere hat eine Erkältung und fühlte sich nicht fit genug für den letzten Wettkampf der Saison. Beide stehen sie gemeinsam am Streckenrand, bibbernd, Haare raufend, angespannt aufs Handy starrend, eingefangen von den Kameras. Am Ende vermiest ihm Emilien Jacquelin ein wenig den Ausstand, überholt am letzten Anstieg, Lesser wird Vierter. "Dass ich am Ende ums Podest kämpfe, hätte ich mir nicht erträumen lassen", ist der 33-Jährige trotzdem glücklich und fährt mit einer Verbeugung über die Ziellinie.

Direkt dahinter wartet das deutsche Team mit einem Plakat auf ihn - "Vielen Dank und alles Gute, Erik". Alle umarmen ihn, jeder Konkurrent, auch Peiffer hält ihn ganz fest, genauso wie seine Freundin Nadine sowie die dreijährige Tochter Anouk, die ebenfalls nach Oslo gereist sind. Sie haben am Vortag schon miterleben dürfen, wie ihr Erik sein Finale fast schon zu kitschig werden lässt: Sieg im Verfolgungsrennen, der dritte Weltcuperfolg seiner Karriere. Die Ehre: Audienz bei König Harald V. in der Loge. "Er hat mir gratuliert und gesagt, dass er ein Riesenfan von mir ist", erklärt Lesser anschließend lachend im ZDF und wiegelt gleich ab. "Nee, der klassische Smalltalk."

Mehr Smalltalk gibt es tags darauf im Zielraum, alle wollen sich von dem Deutschen verabschieden. "Ich muss arg mit den Tränen kämpfen, dass ich hier nicht zu weich werde", sagt Lesser. Warum er so beliebt ist? "Meine Portion Ehrlichkeit", mutmaßt er, "ich bin gerne reflektiert und rational." Jacquelin habe ihm gerade gesagt, dass er nur gute Erinnerungen an ihn habe, "dabei hat er zweimal von mir einen Anranzer gekriegt und das ist doch auch nicht schlecht, dass Ehrlichkeit auch von so jemanden anerkannt wird". Er sage, wenn jemand richtig gut gewesen sei, aber "wenn er Scheiße baut, kriegt er das auch zu hören". Alle hätten liebe Worte gesagt: "Das macht mich irgendwie stolz, dass ich doch kein so schlechter Typ bin."

Die Konkurrenz verneigt sich

5011d00ea97285d6f6c7a55812b160b8.jpg

Christiansen sinkt auf die Knie.

(Foto: IMAGO/Bildbyran)

Seit Lesser Anfang März bekannt gegeben hat, seine Athletenlaufbahn zu beenden, läuft's. So gut, dass nicht nur die Presse, sondern selbst die Konkurrenz immer wieder nachfragt, ob er nicht direkt den Rücktritt vom Rücktritt verkünden mag: Verfolgungszweiter in Kontiolahti, Dritter gemeinsam mit Franziska Preuß in der Single-Mixed-Staffel in Otepää, nun noch der Sieg am Samstag in der Verfolgung, der erste seit 2016. Für den der Norweger Vetle Sjastad Christiansen bei der Siegerehrung vor ihm auf die Knie geht. Nein, Lesser ist sich sicher. Das war's. Es ist nochmal anstrengend, die Muskeln schmerzen nochmal, aber er kann es auch genießen: "Heute war wieder so ein Tag", sagte er am Samstag, "da läuft's einfach. Ich stell' mich hin, steh' sicher da, und hab' irgendwie auch die Eier das durchzuziehen und nicht irgendwelche Ängste zu entwickeln."

Doll ist begeistert: "Erik ist echt ein Phänomen, wie er zum Schluss ein gutes Rennen nach dem anderen macht. Das ist schon cool. Ihm ist es schon wichtig, dass er auf der Höhe des Geschehens aufhört." Gesamtweltcupsieger Quentin Fillon Maillet sagt im ZDF: "Er ist ein Freund für mich, ich bin traurig, dass einer wie er geht." Und Teamkollegin Denise Herrmann meint: "Erik hat immer mit seiner Ehrlichkeit bestochen, mit seinen klugen Ratschlägen."

Gibt es noch Olympia-Gold?

Am 12. März 2010 feierte Lesser sein Debüt im Weltcup und war seit 2012 nicht mehr aus der deutschen Mannschaft wegzudenken. Am erfolgreichsten war er als Startläufer der Staffeln, lange Jahre gemeinsam mit Peiffer. Sie haben gewonnen, verloren, gefeiert, Peiffer hat ab und an über dessen Einstellung gelästert - etwa, wenn Lesser nicht auslaufen gehen wollte. Sie haben auch mal ein Bierchen getrunken, wie sie in der jüngsten Podcast-Folge auf das immer professioneller werdende Geschäft, die immer mehr voll auf den Sport konzentrierten Kollegen zurückblicken. Zu den drei Weltcup-Siegen im Einzel kommen vier mit der Staffel. Und zahlreiches Edelmetall von Olympia und Weltmeisterschaften: Zweimal Olympia-Silber in Sotschi 2014 im Einzel und der Staffel - die Staffelmedaille könnte immer noch golden werden. Weil Russland wegen Dopings ihres Läufers Jewgeni Ustjugow eigentlich disqualifiziert werden müsste. Doch die Entscheidung über die Medaillen hat das IOC immer noch nicht getroffen, wird es vielleicht nie tun.

Erik Lesser, Daniel Böhm, Arnd Peiffer, Simon Schempp - alle Vier haben ihre Karrieren beendet. Sie wollen sich, sollte es doch noch Gold geben, zur privaten Grillfeier im Garten treffen und sich ihre Medaillen selbst umhängen, haben sie mal erzählt. Dazu gewann Lesser Staffel-Bronze 2018 in Pyeongchang und zweimal WM-Gold 2015 in der Verfolgung und im Team. Fünf weitere WM-Medaillen in Silber und Bronze mit den Staffeln gab es zwischen 2013 und 2020. Besonders stolz ist der 1,71 Meter große Lesser darauf, der "kleinste Deutsche Meister aller Zeiten" zu sein, dieser Witz ziert sogar seinen Instagram-Kanal.

Meinungsstark und gewitzt

Zuletzt war es medaillentechnisch ruhiger um Lesser geworden, von Olympia nehme er "genau nichts mit", ärgerte er sich. Umso lauter war der überhaupt nie um einen Spruch verlegene Thüringer andernorts geworden. Als Athletensprecher im Weltverband IBU, als Kritiker des IOC und dessen Präsidenten Thomas Bach wegen der Vergabe der Winterspiele nach Peking. Er sei "einfach nur enttäuscht", dass Bach und dessen Sprecher kritische Nachfragen etwa wegen der Verfolgung der Uiguren in China und fehlender Meinungsfreiheit einfach so wegwischten, sagte Lesser nach seiner Rückkehr aus Peking. "Dass die Olympischen Spiele unpolitisch sind, das ist ja völliger Quatsch." Schon währenddessen hatte Lesser gerügt, dass es den Organisatoren nur ums Geld gehe und der Umweltschutz ignoriert werde.

Meinungsfreiheit und eigene Meinung bilden - auch im russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Lesser wollte die Menschen in Russland mit "wirklichen Nachrichten" erreichen, stellt seinen Instagram-Kanal zweimal ukrainischen Athleten zur Verfügung, die aus ihrer Heimat berichten. Weil Lesser vor Olympia den Russen Eduard Latypow, der beim Weltcup in Oberhof in Corona-Quarantäne musste, mit Trainingsgeräten ausstatte, hatte er etwa 30.000 russische Fans hinzugewonnen. Er wollte sie mit seiner Reichweite zum Umdenken bewegen, weg von der russischen Propaganda, die den Krieg verleugnet. Biathlon-Kollegin Anastassija Merkuschina und Ex-Tennisprofi Sergej Stachowski posteten Bilder und Videos - bevor Russland Instagram im Land abschaltete. Etwa ein Drittel der russischen Fans hat Lesser laut eigener Aussage daraufhin wieder verloren, musste sich harsche Kritik an seiner Aktion anhören.

Als Athletensprecher aber habe er auch Mails von russischen Athletinnen und Athleten gelesen, die Verständnis äußerten für den Entscheid der IBU, Russland und Belarus auszuschließen, die wissen, dass ihr Präsident Wladimir Putin Unmenschliches im Nachbarland anrichtet. Die aber nicht offen sprechen können, aus Angst, selbst bestraft zu werden, erklärte Lesser im Podcast. Die Mails seien mit der Bitte versehen gewesen, sie nach dem Lesen umgehend zu löschen. Auf Lessers Karriereende liegt eben auch der lange Schatten des Krieges.

Als Trainer zurück in den Weltcup?

Er hat seine offene Art, damit umzugehen. Nicht schweigen, wie sowieso nie. Lesser ist auf der Loipe einer, der den Konkurrenten schonmal eine Ansage macht, wo es langgeht, wenn einer zu frech auffährt oder in der ersten Staffelrunde mit irrem Tempo vornewegpest. Hart ist er auch gegen sich selbst immer gewesen, hat mit so manchem markigen Spruch für Gelächter gesorgt. Entsprechend kann er sich einen TV-Job, wie ihn Peiffer als ARD-Experte macht, "schon ganz gut vorstellen". Nicht als Hauptberuf, da startet im nächsten Jahr seine Trainerausbildung in Köln. "Ich glaube, dass jetzt ein Athlet verloren gegangen ist für den deutschen Biathlon, aber dass in ihm ein extrem guter Trainer steckt", sagt Peiffer im ZDF.

Im gemeinsamen Podcast analysieren sie schon mal Lauftechniken und die Anschläge der Konkurrenz beim Schießen, picken Gutes und Schlechtes heraus, über das sich Lesser wunderbar echauffieren kann. Er selbst gilt vor allem im Liegendschießen laut Peiffer als perfektes Beispiel - für seinen Expertenjob in der ARD, beklagt er sich manchmal, könne er ja nicht immer seinen Freund vorzeigen. Ob er dann selbst mal Bundestrainer oder Cheftrainer der Männer oder Frauen wird? "Ob ich dann der Richtige bin oder selber dann auch Lust drauf habe, ist ja die Frage. Aber jetzt kann ich mir das schon vorstellen, dass die Arbeit im Weltcup fordernd und das Richtige für mich sein könnte", sagt Lesser der dpa.

Mehr zum Thema

Erst einmal aber kehrt er dem Weltcup den Rücken. Er macht Schluss mit dem Sport, weil die "Schinderei" immer härter wird, aber vor allem auch, weil seine Liebsten für ihn all die Jahre auf so vieles verzichten mussten. "Ich will es einfach genießen, meine Tochter in den Kindergarten zu bringen und sie abzuholen", sagt Lesser der dpa. Seine Freundin soll endlich ihren beruflichen Freiraum bekommen, er selbst will mal einfach in den Tag hinein leben. Was steht als nächstes an? "Nach Hause, Wäsche waschen, wieder alles einpacken, in den Urlaub fahren, zwei Wochen mit der Familie hart abchillen", sagt er im ZDF.

Verabschiedet hat sich Lesser beim König höchstpersönlich, alle Konkurrenten haben ihm Tschüss gesagt. Dass es richtig ruhig um ihn wird, scheint aber nur schwer vorstellbar. Ihren Podcast setzen Lesser und Peiffer fort, witzelten selbst schon über das "Biathlon-Rentnerzimmer". Es gibt zu vieles, was zu wichtig ist, um es nicht zu sagen. Schweigen, das ist nicht Lessers Sache.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen