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Spätfolgen nicht ausgeschlossen Deutsche Handball-WM-Party erhält Dämpfer

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Lange Gesichter nach dem Remis gegen Russland.

(Foto: picture alliance/dpa)

Gegen Russland verspielt Deutschland bei der Handball-WM in der Schlussphase den Sieg. Das bringt die Mannschaft von Coach Prokop gegen Frankreich in Zugzwang - bei einer Niederlage könnte der Halbfinal-Traum früh ausgeträumt sein.

Es geht im Sport ja ganz oft darum, in den Phasen eines Spiels erfolgreich zu sein, in denen nachher vom "Momentum" gesprochen wird. Das "Momentum" nicht genutzt zu haben, müssen sich die deutschen Handballer nach dem 22:22 bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land gegen Russland vorwerfen lassen. Durch das bittere Remis im dritten Vorrundenspiel erhielten die Hoffnungen auf das Halbfinale einen herben Dämpfer, die Partystimmung in der Berliner Arena ebbte nach der Partie erst einmal ab.

"Das darf uns eigentlich nicht passieren bei einer Heim-WM gegen Russland, weil wir ja ganz lange Zeit alles in der eigenen Hand haben", sagte Patrick Wiencek. Der Kreisläufer vom THW Kiel wirkte konsterniert, denn die Deutschen hatten sich in und durch das Spiel gequält, aber trotz aller Probleme bis kurz vor Schluss die Kontrolle. Immerhin bleibt Wiencek und den Kollegen nur wenig Zeit, um sich mit dem Frust des Unentschiedens auseinanderzusetzen, denn heute Abend (20.30 Uhr) geht es bereits mit dem Duell gegen Frankreich weiter. "Fehler abstellen, sonst haben wir keine Chance", machte Wiencek eine schnelle Ansage an die Kollegen und sich - die aber nicht genauso einfach umzusetzen sein wird.

Druck erstmals spürbar

Die Russen zeigten eine gute Leistung, aber es war schon nach 20 Minuten klar, dass die Deutschen die Partie nicht im reinen sportlichen Vergleich verlieren würden. Es ging darum, ob sie dem erstmals spürbaren Druck würden standhalten können. Und es ging darum, dass die Spieler, die in schweren Situationen den Rest anführen sollen, ihre zugedachte Rolle ausführten. Bis acht Minuten vor dem Ende sah es so aus, als sollte der Stresstest gelingen, denn die Deutschen taten sich vor allem im Angriff zunehmend schwer, hielten den russischen Angriff aber weitgehend in Schach und führten mit drei Toren.

Kapitän Uwe Gensheimer, der acht Tore erzielte, war ein verlässlicher Verwerter von außen und von der Siebenmeterlinie, Steffen Weinhold agierte ruhig im Rückraum und der Innenblock Pekeler/Wiencek machte es den Russen schwer, Tore aus der Distanz zu erzielen. Auch Andreas Wolff steigerte sich nach einer eher durchwachsenen Leistung in der ersten Halbzeit und zeigte einige wichtige Paraden nach der Pause. Es deutete viel auf einen zähen Arbeitssieg hin, den Mannschaft, Trainer und Öffentlichkeit schnell hätten gedanklich hinter sich lassen können.

Beim 20:17 den Sack nicht zugemacht

Einen Wendepunkt in diesem Szenario gab es, als Steffen Weinhold, der bis dahin ein verlässlicher Teil im deutschen Team gewesen war, beim Stand von 20:17 aus sechs Metern eine freie Wurfchance ausließ. Das "Momentum" blieb ungenutzt, kurz danach stand es 20:18 und die finalen Minuten wurden zu einem Krimi, in dem die Schützlinge von Bundestrainer Christian Prokop zu viele Fehler machten. "Wir waren in der Endphase nicht gut genug, um zu gewinnen", sagte Patrick Groetzki. Der Rechtsaußen spielte darauf an, dass Paul Drux ein folgenschwerer Fehlpass unterlief, den Dmitri Schitnikow zum 20:21 nutzte. "Zum Schluss haben wir alles in der Hand, aber wir spielen das nicht gut – der Fehlpass darf mir nicht passieren", erklärte der Rückraumspieler der Berliner Füchse selbstkritisch.

Nutznießer Schitnikow, der Spielmacher der Russen, war lange Zeit nicht torgefährlich, erzielte dann aber die drei letzten Treffer für seine Mannschaft. Es war eine bittere Randnotiz, dass ausgerechnet mit Weinhold und Drux zwei Spieler, die in der zweiten Halbzeit Verantwortung übernommen und Druckresistenz gezeigt hatten, zum Schluss das Comeback der Russen ermöglichten.

Und nun Frankreich

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Russland auf der Platte, Frankreich vor der Brust: DHB-Trainer Prokop will noch nicht so weit vorausschauen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nach dem 21:21 knapp 80 Sekunden vor dem Ende konterte Schitnikow auch die abermalige deutsche Führung durch Fabian Böhm. Acht Sekunden vor dem Ende der Partie versetzte der 29-Jährige den Turnierhoffnungen der WM-Gastgeber mit dem Ausgleich zum 22:22 einen entscheidenden Dämpfer, denn die Deutschen drohen bei einer Niederlage gegen den Turnierfavoriten Frankreich mit 1:3-Punkten und damit unter großem Zugzwang in die Hauptrunde zu starten. Die Qualifikation für die Medaillenrunde läge in jedem Fall nicht mehr in der eigenen Hand. "Wenn wir noch eine gute Rolle spielen wollen, dann müssen wir schon gegen Frankreich punkten", sagte Hendrik Pekeler. Der unnötige Rückschlag könnte den WM-Gastgeber im Kampf um das Halbfinale am Ende entscheidend zurückwerfen.

Der Bundestrainer wollte sich damit nicht beschäftigen. "Bitte verstehen Sie, dass ich so weit nicht vorausschauen möchte", sagte Prokop, dem die Enttäuschung über das Ergebnis anzusehen war. Medaillenambitionen waren gestern unmittelbar nach dem Match nicht das Thema des Bundestrainers, der dafür sorgen muss, dass seine Mannschaft schon heute gegen die Franzosen mit deutlich mehr Überzeugung im Angriff agiert, um eine Chance zu haben. 22 Tore werden gegen den Titelverteidiger mit großer Wahrscheinlichkeit nicht einmal zu einem Unentschieden reichen - trotz der Abwehrstärke der deutschen Handballer.

Quelle: n-tv.de

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