DHB-Team muss durch KnochenmühleDeutschlands EM-"Albtraum" beginnt

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft startet in die Europameisterschaft - und steht vor einem harten Gang durch eine sportliche Knochenmühle. Die Auslosung ist ein "Albtraum", doch es gibt eine Menge Hoffnung.
Schlimmer hätte es nicht kommen können: Die Auslosung für die Handball-Europameisterschaft sei für die deutsche Nationalmannschaft ein "Albtraum", stöhnte Weltklasse-Torwart Andreas Wolff. Spielmacher Juri Knorr und der erfahrene Bundestrainer Alfred Gislason wähnen sich vor dem "härtesten Turnier" ihrer Laufbahn. In der Hauptrunde wird auf das DHB-Team der als unschlagbar geltende Gastgeber Dänemark warten. Dazu Titelverteidiger Frankreich, die ambitionierten Norweger und die Senkrechtstarter aus Portugal, die deutsche WM-Träume vergangenes Jahr schon im Viertelfinale gnadenlos zerplatzen ließen. Schon die Vorrundengruppe mit Österreich, Serbien und Spanien ist kein Spaziergang. Am Abend bricht der Albtraum für Wolff, Knorr und Co. an. Es gibt gute Gründe zu glauben, dass sie erst spät aufwachen werden.
Mit dem Duell gegen Österreich (20.30/ ARD und im Liveticker auf ntv.de) startet das DHB-Team in seine Mission, in der jeder Ausrutscher das Aus für die Medaillenträume sein kann. "Ich glaube, dass es die beste Nationalmannschaft ist, in der ich je gespielt habe", wählte Wolff, neben Jannik Kohlbacher und Rune Dahmke einer von drei Sensations-Europameistern 2016 im Kader, große Worte vor dem Turnierstart. Für den deutschen Torwart-Titan gelten ohnehin stets die allergrößten Ziele: "Wir können jeden schlagen. Auch Dänemark, wenn wir einen perfekten Tag erwischen. Wir müssen eine Euphorie entfachen, ein Selbstbewusstsein aufbauen, das uns - wie 2016 - ermöglicht, ins Halbfinale zu kommen", sagte Wolff im November der "Bild"-Zeitung: "Ich bin überzeugt, dass wir eine Mannschaft haben, die - wenn sie am Limit spielt - sich eine Medaille zum Ziel setzen darf."
Auch Gislason hat trotz des Auslosungs-Hammers keine Lust auf Tiefstapeln: "Unser Ziel ist hochgesteckt, das heißt Halbfinale. Aber das ist die beste deutsche Nationalmannschaft, die ich trainiert habe", sagte Gislason. Angesichts des Duells mit dem Serien-Weltmeister Dänemark verbietet es sich allerdings, nicht mit drei Siegen aus der Vorrunde zu gehen, um keine Hypothek in Form eines Punktverlustes in die Hauptrunde mitzunehmen. Die ersten beiden Teams jeder Vorrundengruppe qualifizieren sich für die Hauptrunde - und nehmen nur die Punkte mit, die sie gegen die mitqualifizierte Mannschaft gewonnen haben.
"Voraussetzungen sind anders"
Das DHB-Team fährt erstmals seit Menschengedenken in Bestbesetzung zu einem Turnier, Gislason wurde von Hiobsbotschaften im Vorfeld des Turniers verschont. Anders als in den Vorjahren, als unersetzbare Leistungsträger wie Kapitän Johannes Golla, Julian Köster oder Renars Uscins, zu oft Alleinunterhalter im rechten Rückraum, bis nahe an die Bewusstlosigkeit kämpfen mussten, weil ihr Einsatz alternativlos war. Zu oft musste das deutsche Team für den Mangel teuer bezahlen, zuletzt im Viertelfinale der WM im vergangenen Januar, als der völlig überspielte Olympiaheld Uscins Fehlentscheidung an Fehlentscheidung heftete und der entkräftete Abwehrchef Golla beim entscheidenden Wurf der Portugiesen die Kraft für den letzten Schritt fehlte. "Die Voraussetzungen sind diesmal anders. Kohlbacher war verletzt, Golla war fit, aber musste immer spielen. Julian Köster kam krank an und konnte nicht trainieren. Renars war völlig am Ende nach Olympia", erinnerte sich Gislason an dieWM zurück, von der die deutsche Mannschaft mit Platz 6 zurückkehrte.
Nun hat der 66-Jährige zahlreiche Möglichkeiten, seine Schlüsselspieler in der Knochenmühle EM - neun Spiele sind auf dem Weg bis ins Finale zu absolvieren - zu entlasten. Mit Tom Kiesler und Matthes Langhoff hat der Isländer gleich zwei Abwehrspezialisten nominiert, die in den letzten erfolgreichen Härtetests gegen Vizeweltmeister Kroatien (32:29, 33:27) überzeugten. In der Abwehr, seit jeher die Basis für deutsche Handball-Erfolge, kann Gislason außer dem Mittelblock Golla/Köster vor dem Weltklasse-Torhüter-Duo Wolff und David Späth nahezu unbegrenzt Variationen aufbieten, ohne allzu viel Qualität zu verlieren.
"Beste Besetzung"
Juri Knorr, der sich zu gerne die gesamte Last des deutschen Handballs auf die Schultern lud und darunter immer wieder unter aller Augen zerbrach, tut der Wechsel aus der Bundesliga zum dänischen Topklub Aalborg sichtbar gut. Der Weltklasse-Spielmacher, der meistens Deutschlands bester Torschütze bei Turnieren ist, wirkt entspannt und gelöst - und ist vor allem gesund. Braucht Knorr eine Pause, stehen nun Köster, den Gislason zum Spielmacher aufbaute, und der derzeit angeschlagene Nils Lichtlein parat. Im Laufe einer gut zweiwöchigen Europameisterschaft, dem aufgrund der enormen Leistungsdichte härtesten Turnier, das der Handball zu bieten hat, ist das Belastungsmanagement ein kaum zu überschätzender Erfolgsfaktor.
"Wenn Golla, Köster oder Knorr von der Bank kommen können, kann die Bank unsere Lebensversicherung werden. Wenn wir das einbringen, könnten wir einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Mannschaften entwickeln", befand DHB-Manager Benjamin Chatton. Auch Bob Hanning, der als Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes die EM-Sensation von 2016 mitorganisierte und nun als Nationaltrainer Italiens bei der EM ist, hält das deutsche Team für medaillenfähig: "Wir haben so viele Möglichkeiten und sind in der besten Besetzung. Warum soll das nicht gehen? [...] Wenn die Jungs nicht dran glauben, wer soll denn dann daran glauben", sagte der Manager des Bundesligisten Füchse Berlin im Gespräch mit ntv/RTL und sport.de.
"Freuen uns auf das Turnier"
Die beiden Tests gegen Kroatien haben die deutschen Hoffnungen auf die erste EM-Medaille seit dem Titel 2016 genährt. Neben dem defensiven Bollwerk zeigte sich das deutsche Team auch im noch im vergangenen Jahr arg lahmenden Tempospiel stark verbessert. Suchte der zunehmend frustrierte Wolff nach seinen spektakulären Paraden bei der WM noch zu oft sekundenlang nach Abnehmern für seine Spieleröffnung, griffen zuletzt schon sichtbare Mechanismen, die zu schnellen und leicht verdienten Toren führten.
Kapitän Golla, der im Rückspiel schon lange zuschauen durfte, ließ sich von den Kollegen begeistern: "Das spricht für uns als Mannschaft - für den deutschen Handball. Es macht auch Spaß, die Jungs von außen zu sehen. Es freut mich, dass es so gut läuft", sagte der Flensburger: "Die Abwehr in Verbindung mit den Torhütern sieht richtig gut aus. Das war unser Ziel in den wenigen Tagen, die wir hatten - das zu stabilisieren. Das haben wir geschafft und freuen uns jetzt auf das Turnier."